Gedenken

Kapitel 10
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Nur wenige Mitglieder der Familien Levenbach, Tal und Reiner überlebten den Holocaust. Andere jüdische Familien wurden ganz und gar ausgelöscht. Die meisten Ermordeten haben keine Einzelgräber. Ihre Leichen wurden verbrannt oder in Massengräbern verscharrt. An den Orten, wo die Nationalsozialisten sie ermordet haben, befinden sich heute Gedenkstätten.
Die meisten Überlebenden kehrten Deutschland und Europa in der Nachkriegszeit den Rücken. Viele wanderten nach Israel oder in die USA aus.

Wer aus der Familie von Abs Vater überlebte den Holocaust?

Ab und Marco waren die einzigen Überlebenden der Familie Reiner, neben einer Schwester des ermordeten Vaters.

Jos Vater, Ephraim Reiner, mit seiner zweiten Frau Rachel und allen seinen Kindern, Krakau, 1915. Jo Reiner sitzt rechts
© Privatbesitz der Familie Rinat

Jo Reiners Schwester Renée (vierte von rechts, stehend) überlebte als einzige den Holocaust.

Alle anderen Schwestern wurden 1942 im Vernichtungslager Belzec ermordet:
Tusia (links), Luisa (dritte von links), Cesia (dritte von rechts, sitzend) und Rozia (zweite von rechts, stehend).

Jo Reiner wurde am 7. Februar 1945 in Hollandscheveld ermordet, als die Nationalsozialisten das Versteck der Familie entdeckten. 

Jo Reiners Stiefmutter Rachel war bereits 1930 verstorben, sein Vater Ephraim starb 1941.

Gab es in der Familie von Abs Mutter Überlebende?

Abs Mutter Lou und sein Cousin Sol waren die einzigen Überlebenden aus der Familie Goldberg. Lous vier Schwestern, darunter Sols Mutter Eva, und ihr Bruder wurden im Holocaust ermordet.

Abs Tante Gusti (Mitte), ihr Mann, Czarny Cohn (rechts), und der gemeinsame Sohn Arthur (links), Amsterdam 1942
© Privatbesitz der Familie Rinat

Abs Tante Gusti und ihr Mann Czarny Cohen wurden im Sommer 1943 aus Westerbork in das Vernichtungslager Sobibor deportiert und dort ermordet.

Ihr Sohn, Arthur Cohn, wurde bei einer Razzia in Amsterdam auf der Straße verhaftet und im Januar 1943 im Lager Vught interniert. Im November 1943 wurde er nach Westerbork gebracht und von dort in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert, wo er am 31. Januar 1944 starb.

Wie erinnerte sich Ab an seinen Vater Jo und seine Tanten?

Ab vermisste seinen Vater und seine Tanten schmerzlich und merkte, dass seine Mutter sehr am Verlust ihres Mannes, ihrer Schwestern Eva und Gusti und ihrer Geschwister in Krakau litt.

Der Friedhof Muiderberg. Auf Jo Reiners Grab liegt ein Gedenkstein für Eva Kimel, die Familie Cohn und andere Familienangehörige, 2012
© Privatbesitz der Familie Rinat

Transkription

In Gedenken an Eva Kimel-Goldberg, Gusti Cohn-Goldberg, Abraham L. Cohn, Arthur Cohn.
Deportiert im Jahre 1943 mit anderen Familienangehörigen, die das gleiche Schicksal erlitten.
Mögen ihre Seelen eingebunden sein in das Band des ewigen Lebens.

Auf dem Grab von Jo Reiner auf dem jüdischen Friedhof in Muiderberg liegt ein Gedenkstein für die aus den Niederlanden deportierten Familienangehörigen von Lou Reiner-Goldberg.

Ihre Schwestern Eva und Gusti, Gustis Mann Abraham, genannt Czarny, und deren Sohn Arthur Cohn werden dort namentlich genannt.

Tante Eva fehlte uns. Ich vermisste sie. Ich sehnte mich nach ihrer angenehmen und beruhigenden Anwesenheit in unserem Zuhause.

Ab
Avraham

Für meinen Vater, Jo Reiner, möchte ich nun eine kurze Trauerrede halten, die ich bei seiner Beerdigung in Muiderberg nicht gehalten habe.

Ab
Avraham

Wie würdigten die Familie Reiner und Sol Kimel die Menschen, die ihnen geholfen hatten?

Ab, Marco, ihre Mutter Lou und ihr Cousin Sol sorgten dafür, dass Jo und Jan van der Helm zu „Gerechten unter den Völkern“ erklärt wurden. Die Gedenkstätte Yad Vashem in Israel verleiht diese Auszeichnung an nichtjüdische Personen, die Jüdinnen und Juden im Holocaust gerettet haben.

Jan van der Helms Grabstein am Friedhof Hollandscheveld
© Privatbesitz der Familie Rinat

Transkription

Hier ruhen bis zum Jüngsten Tag die Überreste unseres geliebten Ehemanns und Vaters
Jan v. d. Helm.
Geboren am 15. August 1911 – Gestorben am 7. Februar 1945.
Joh[annes] 3:35 A.
J.v.d. Helm-Moes
Arend und Albert.

Am 12. Dezember 1967 wurde Jo und Jan van der Helm die Medaille der Gerechten unter den Völkern verliehen, weil sie die Familie Reiner und Sol Kimel in ihrem Zuhause versteckt hatten.

Julius De Clercq Zubli, mit seinem Armband mit Häftlingsmarke aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen.
Aus dem Nachlass von Ab Rinat. Ursprüngliche Quelle unbekannt

Seit der Nacht, in der unser Nachbar Dr. Zubli uns mit der Behauptung rettete, Marco sei an Scharlach erkrankt, hatten wir nicht mehr von ihm gehört.

Ab
Avraham
Julius De Clercq Zublis Häftlingsjacke aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen
© United States Holocaust Memorial Museum, Washington D.C., Geschenk aus dem Nachlass von Julius de Clercq Zubli, Zugangsnummer: 2004.554.1

Über 50 Jaher nach Kriegsende kehrten Sol, Marco und ich in das Viertel zurück, in dem wir gewohnt hatten, bevor wir ins Versteck gingen.

Ab
Avraham

Ich setzte alle Hebel in Bewegung, um Yad Vashem die erforderlichen Daten zur Verfügung zu stellen. Am 18. März 2001 wurde Dr. de Clercq Zubli schließlich als Gerechter unter den Völkern anerkannt.

Ab
Avraham

Was tat Annelie, um an ihre in Bergen-Belsen und Tröbitz gestorbenen Eltern zu erinnern?

Annelies Mutter wurde 1945 auf dem Jüdischen Friedhof in Tröbitz begraben. Ihre Überreste wurden 1949 auf den Jüdischen Friedhof Muiderberg nahe Amsterdam umgebettet. Die Inschrift auf dem Grabschein erwähnt auch ihren Vater, der im Konzentrationslager Bergen-Belsen ums Leben kam.

Der Friedhof Muiderberg. Ein Grabstein in Gedenken an Elizabeth Levenbach-Goudeket und Adolf Levenbach
© Privatbesitz der Familie Tal

Transkription

Eine mutige Frau, wie man sie nur selten findet.
In Gedenken. Hier ruht Elisabeth Levenbach-Goudeket
Gestorben in Tröbitz
3. Siewan 5705
15. Mai 1945
Ehefrau von Adolf Levenbach
Gestorben in Bergen-Belsen
17. Adar 5705
3. März 1945
Mögen ihre Seelen eingebunden sein in das Band des ewigen Lebens.

Im Alter von 70 Jahren begann Annelie, ihre Memoiren aufzuschreiben – Geschichten über ihre Eltern, ihre Familie, ihre Erinnerungen aus dem Krieg und dem Alltag. Diese Geschichten wurden später in einem Buch zusammengefasst, das zu einem Rückblick über ihr Leben und einer Denkschrift für ihre Eltern wurde.

Annelie 2005
© Privatbesitz der Familie Tal
Buchcover: Erinnerungen von Annelie Tal-Levenbach
© Privatbesitz der Familie Tal

Wann besuchten Chanan und No’omi zum ersten Mal seit 1945 das Grab ihres Vaters?

Chanan und No’omi reisten 1992, drei Jahre nach dem Fall der Berliner Mauer, erstmals nach Tröbitz. Bis 2015 besuchten sie das Grab von Sander Tal an der Bahnstrecke zwischen Tröbitz und Falkenberg mehrere Male.

Der Kilometerstein 101,6, Langennaundorf, 2011
© Privatbesitz der Familie Tal

Im September 1992, nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, nutzten Chanan und ich die Gelegenheit, den Ort zu besuchen, an dem unser Vater begraben worden war.

Noomi
No'omi
Das Mahnmal bei Kilometerstein 101,6, Langennaundorf, 2011
© Privatbesitz der Familie Tal

In der Umgebung von Tröbitz gibt es mehrere Massengräber, in denen Tote aus dem Verlorenen Zug bestattet wurden. Eines befindet sich am Kilometerstein 101,6. Dort sind die Namen von 16 Toten aufgelistet, darunter Sander Tal. Dieses Mahnmal geht auf eine Initiative von Tom Keleman zurück, der nach dem Grab seines Vaters Bela Keleman gesucht hatte. Bela Keleman war am 20. April 1945, Sander Tal am 21. April 1945 verstorben.

Die Gemeinde Langennaundorf weihte das Mahnmal am 23. April 1989 ein, genau 44 Jahre nachdem die Häftlinge aus dem Zug befreit wurden. Seitdem findet dort jedes Jahr eine Gedenkveranstaltung statt.

Bei der Suche nach dem Massengrab, in dem unser Vater und Tom Kelemans Vater begraben worden waren, half ein Anwohner aus Tröbitz, der nach eigenen Angaben als Kind die Bestattung von Toten nahe Kilometerstein 101,6 beobachtet hatte.

Noomi
No'omi
Das Eingangstor des Jüdischen Friedhofs, Tröbitz, 2011
© Privatbesitz der Familie Tal

Im September 1992 trafen Chanan und ich zum ersten Mal Erika Arlt – einen Tag, nachdem wir die Grabstätte unseres Vaters nahe Langennaundorf besucht hatten.

Noomi
No'omi
Annelie Levenbach (links) und Erika Arlt, Tröbitz, 23. April 2015
© Gaudlitz/Gedenkstätte Bergen-Belsen, Nr. 12981

Wir verstanden uns sofort. Erika Arlt erzählte uns, dass sie schon immer Antifaschistin gewesen war, wie auch ihr Mann, und dass sie seit den 1950ern in Tröbitz lebten.

Noomi
No'omi

Als ich Erika Arlt im April 2015 zum letzten Mal sah, rief sie nach mir ‚Noomi, Noomi!‘ und schenkte mir einen kleinen selbstgestrickten Schmetterling. Im November ist sie dann gestorben. Ich werde sie nicht vergessen.

Noomi
No'omi
Ab (Hintergrund, links), Chanan und No’omi am Mahnmal bei Kilometerstein 101,6, Langennaundorf, April 2015
© Privatbesitz der Familien Tal und Rinat

Im April 2015 besuchten Chanan und No‘omi mit ihren Familien das Massengrab, in dem Sander Tal begraben wurde. No’omi hielt eine Rede, bevor Chanan das jüdische Totengebet Kaddisch sprach.

Es ist mir äußerst wichtig zu betonen, dass wir alle Menschen sind – im Guten wie im Schlechten.

Noomi
No'omi

Wie erinnerte die Familie Tal in Bergen-Belsen an Ruth?

Im Jahre 1994, 50 Jahre nach Ruths Tod, ließen Chanan und No’omi einen Gedenkstein für ihre Schwester Ruth auf dem Gelände der Gedenkstätte Bergen-Belsen errichten.

Der Gedenkstein für Ruth Tal
© Privatbesitz der Familien Tal und Rinat

Transkription

Ruth Jetta Tal
Amsterdam
Bergen Belsen
5.12.1932 – 3.1.1945
Möge ihre Seele in den Kreis des ewigen Lebens aufgenommen werden

Wir ließen den Stein am Standort von Baracke 21 aufstellen.

Noomi
No'omi

Im Konzentrationslager Bergen-Belsen wurden die Leichen der verstorbenen Häftlinge verbrannt oder in Massengräbern verscharrt. Individuelle Stelen oder Tafeln, die an einzelne Opfer erinnern, sind für die Familien deswegen besonders wichtig.

Individuelle Gedenksteine zwischen dem jüdischen Mahnmal (im Vordergrund) und dem Obelisken (im Hintergrund) in der Gedenkstätte Bergen-Belsen
© Martin Bein / Gedenkstätte Bergen-Belsen

Auf dem Gelände der Gedenkstätte Bergen-Belsen, im Bereich der Mahnmale für die Toten des Konzentrationslagers, befinden sich Hunderte solcher Erinnerungszeichen.

Jedes Jahr kommen weitere hinzu.

Doch die Gedenkstätte Bergen-Belsen ist Hunderte oder Tausende Kilometer von dort entfernt, wo die Verfolgten und Ermordeten zuletzt in Freiheit gelebt haben. Damit sie in den Städten und Dörfern, aus denen sie kamen, nicht vergessen werden, gibt es Erinnerungszeichen wie Stolpersteine oder Gedenktafeln.

Was erinnert heute in Amsterdam an die Familien Tal und Reiner?

Die Familien Tal und Rinat reisten im September 2025 nach Amsterdam, um mehrere Stolpersteine zu verlegen: Sechs vor dem Haus, in dem die Familie Reiner gewohnt, und sieben vor dem Haus, in dem die Familie Tal gelebt hatte. Dort hielt No’omi eine Rede.

No‘omi (links) und ihre Tochter Dalit, Amsterdam, 12. September 2025
© Privatbesitz der Familien Tal und Rinat
Stolperstein für Ruth Tal
© Privatbesitz der Familien Tal und Rinat

Transkription

Hier wohnte Ruth Jetta Tal
Jg. 1932
Verhaftet 29.9.1943
Deportiert 11.1.1944 aus Westerbork
Gestorben 3.1.1945 Bergen-Belsen

Hier hatten wir am Tag vor Rosh Hashana vor 82 Jahren gestanden.

Noomi
No'omi
Stolpersteine für die Familie Tal, Ronetta Tal-Vaz-Dias und Marion Amster, Amsterdam 12. September 2025
© Privatbesitz der Familien Tal und Rinat

Hierher kehrten wir im Juni 1945 nach fast zwei Jahren zurück, ohne Vater und ohne meine allerbeste Freundin, meine Zwillingsschwester Ruth.

Noomi
No'omi

Das Vermächtnis des Holocaust verlangt von uns, nicht zu vergessen, aber auch zu handeln – vor allem gegen Entmenschlichung und Schweigen. Wir müssen die Regeln verteidigen, die das Leben und die Menschenwürde in Konflikten schützen.

Noomi
No'omi

Welche Schlüsse haben No’omi und Ab, Annelie und Chanan aus ihren Lebenserfahrungen gezogen?

No’omi und Ab, Annelie und Chanan verbrachten ihr Leben damit, die umfassendere Bedeutung des Holocaust zu verstehen. Sie engagierten sich politisch und sozial und kämpften für Menschenrechte und Frieden und gegen Ungerechtigkeit.

No’omi Rinat-Tal, Rehovot, 2026
© Privatbesitz der Familie Rinat

Du solltest wissen, was geschieht, vor allem in deinem eigenen Land, damit du nie sagen musst, ‚Das habe ich nicht gewusst‘. Geh mit offenen Augen durchs Leben! Als Mitglied deiner Gesellschaft musst du auf Ungerechtigkeiten reagieren.

Noomi
No'omi
Ab Rinat
© Privatbesitz der Familie Rinat

Mein ganzes Leben lang habe ich mich von unseren Retter*innen inspirieren lassen, die ihre Angst nicht über ihr Engagement für ihre Mitmenschen gestellt haben. Denn sie handelten aus der tiefen inneren Überzeugung: ‚Man kann Menschen in Not nicht die Unterstützung verweigern.‘

Ab
Avraham
Annelie Tal
© Privatbesitz der Familie Tal

Wir wurden gerettet, weil wir Glück hatten, Menschen kannten, ein Zertifikat hatten... Daran sollte man immer denken und Menschen unterstützen, die weniger Glück haben.

Annelie
Annelie
Chanan Tal, 2019
© Privatbesitz der Familie Tal

Wir, die wir Diskriminierung und Rassismus in ihrer extremsten Form erfahren haben, müssen die Menschenrechte schützen und andere Menschen respektieren, auch wenn sie uns fremd und sogar dann, wenn sie unsere Gegner sind.

Chanan
Chanan

Was denkst du über diese Schlussfolgerungen?

Wie ist die Situation in dem Land, in dem du lebst?

Versuchst du, genau hinzusehen, oder verschließt du die Augen?

Was kannst du – allein und gemeinsam mit anderen – gegen Antisemitismus und Rassismus unternehmen?

Wie wichtig sind dir Geschichte und Erinnerung?

Danke, dass du dir Gedanken über diese Fragen gemacht hast.

Und danke, dass du unsere Geschichte gelesen und geteilt hast.