Verhaftung
Im Sommer 1942 begannen die deutschen Besatzer, immer mehr Jüdinnen und Juden zu verhaften. Angeblich sollten sie zum Arbeitseinsatz nach Deutschland gebracht werden. Über das tatsächliche Ziel der Transporte gab es damals zwar nur Gerüchte, aber die Menschen in den Niederlanden waren misstrauisch. In Anbetracht der Gefahr suchten die Familien Tal, Levenbach und Reiner nach Möglichkeiten, sich zu schützen.
Wann begannen die Deportationen aus den Niederlanden in die Vernichtungslager?
Am 15. Juli 1942 fuhr der erste Deportationstransport aus dem niederländischen Durchgangslager Westerbork ab. In dem Zug befanden sich 1.135 jüdische Männer, Frauen und Kinder. Sie wurden in das Vernichtungslager Auschwitz deportiert.
© Sammlung Jüdisches Museum, Amsterdam, Nr. D002526
Transkription
Adama v. Scheltemaplein 1
Telefoon 97001
Aufruf!
Ida E. van Raalte-Simons L 31 Nr. 13
Frankenstraat 3.
Scheveningen.
Sie werden aufgefordert, sich im Durchgangslager Westerbork, Bahnhof Hooghalen, zur Überprüfung Ihrer Personalien und medizinischen Untersuchung für eine mögliche Teilnahme am Arbeitseinsatz in Deutschland unter Polizeiaufsicht zu melden. Zu diesem Zweck müssen Sie sich am 19. August 1942 um 1 Uhr am Sammelplatz am Bahnhof Den Hague Staatsspoor (siehe Anhang) einfinden.
Folgende Gepäckstücke und Gegenstände sind erlaubt:
1 Koffer oder Rucksack
1 Paar Arbeitsschuhe
2 Paar Socken
2 Unterhosen
2 Hemden
1 Arbeitsanzug
2 Wolldecken
2 Paar Bettwäsche (Kissenbezug mit Laken)
1 Eßgeschirr
1 Trinkbecher
1 Löffel und
1 Pullover
Handtuch und Toilettensachen
sowie Verpflegung für 3 Tage und die für diesen Zeitraum gültigen Lebensmittelkarten. Das mitzunehmende Gepäck ist getrennt zu verstauen nach
a. Reisebedarf
Dazu gehören: 2 Decken, 1 Bettzeug, Verpflegung für 3 Tage, Toilettensachen, Lebensmittelbehälter, Besteck, Trinkbecher,
b. Großem Gepäck
Die unter b. aufgeführten Dinge sind in einem stabilen Koffer oder Rucksack zu verpacken, der deutlich sichtbar mit Ihrem Nachnamen, Vornamen, Geburtsdatum und dem Wort „Holland“ gekennzeichnet ist.
Handgepäck ist nicht erlaubt.
Den oben genannten Vorgaben ist unbedingt Folge zu leisten, da das große Gepäck am Abreiseort separat verladen wird.
Ausweispapiere und persönliche Unterlagen dürfen nicht in das Gepäck und sind jederzeit bei Aufforderung vorzulegen.
Ihr Zuhause ist ordentlich zu hinterlassen und zu verschließen. Die Wohnungsschlüssel sind mitzunehmen.
Nicht ins Gepäck dürfen: Einrichtungs- und Haushaltsgegenstände.
Die „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“ war eine Einrichtung der deutschen Besatzer. Sie beauftragte den Judenrat damit, die Aufrufe zum Arbeitseinsatz zu verteilen.
Am 5. Juli 1942 wurden die ersten Aufrufe zugestellt. Sie waren vor allem an deutsche und andere nicht-niederländische Jüdinnen und Juden gerichtet. Anders als die deutschen Besatzer behaupteten, gingen die Transporte im Sommer 1942 nicht in Arbeitslager in Deutschland, sondern in das Vernichtungslager Auschwitz.
Viele Jüdinnen und Juden misstrauten den Aufrufen und nur wenige fanden sich an den Sammelplätzen ein. Daraufhin übten die deutschen Besatzer Druck auf den Judenrat aus, griffen aber auch auf andere Mittel zurück: Sie führten Razzien durch oder verhafteten Jüdinnen und Juden abends direkt zu Hause.
Ida Estella Mathilda van Raalte-Simons wurde 1895 in Den Haag geboren. Sie überlebte den Holocaust und starb 1987 im Alter von 92 Jahren in Den Haag.
Die ersten Menschen verschwanden im Sommer 1942. Einige erhielten einen Brief mit dem Befehl, sich zum Arbeitseinsatz im Osten zu melden. Andere wurden auf der Straße festgenommen. Nur wenige konnten entkommen und sich verstecken.
Wer nahm die Familie Levenbach fest?
Annelie, ihr Bruder Joost und ihre Eltern wurden auf dem Heimweg von niederländischen Polizisten festgenommen. Die Familie kam gerade von einer Fähre, mit der sie einen der vielen Amsterdamer Kanäle überquert hatte.
© Sammlung Verzetsmuseum Amsterdam, Beeldbank WO2, Nr. 111325
Die Hollandsche Schouwburg war ein Theatergebäude in Amsterdam. Ab dem 20. Juli 1942 nutzten die Nationalsozialisten das Gebäude als Sammelstelle. Jüdische Männer, Frauen und Kinder, die einen Aufruf zum Transport nach Westerbork oder Vught erhalten und sich gemeldet hatten, wurden dort festgehalten. Hinzu kamen Jüdinnen und Juden, die in der Stadt verhaftet worden waren.
Der Theaterbau war oft vollkommen überfüllt. Die Verhafteten mussten dort teils tagelang ausharren. Insgesamt haben schätzungsweise 46.000 Jüdinnen und Juden diese Haftstätte durchlaufen.
Als wir eines Abends am Fähranleger ausstiegen, wurden wir von der niederländischen Polizei verhaftet. Weiter
Man brachte uns in das Theatergebäude Hollandsche Schouwburg. Von dort wurden alle Jüdinnen und Juden in die Lager geschickt. Nachdem wir seit acht Uhr abends dort gesessen hatten, wurden wir eine halbe Stunde nach Mitternacht aufgerufen und nach Hause geschickt. Natürlich waren wir sehr froh, doch es war auch schrecklich, all die Leute zu sehen, die bleiben mussten und sich auf den Transport nach Westerbork vorbereiteten.
Endlich waren wir wieder zu Hause. Meine Cousine Else, Onkel Georg und Tante Martha warteten auf uns, voller Angst und Sorge, dass man uns ins Lager geschickt hatte.
Am nächsten Morgen ging ich wie immer in die Schule.
Warum wurde die Familie Levenbach nach der ersten Verhaftung wieder freigelassen?
Annelies Vater arbeitete für den Judenrat. Dies schützte ihn vorerst davor, verhaftet und deportiert zu werden. Mit ihm wurden auch Annelie, ihr Bruder und ihre Mutter wieder freigelassen.
© Privatbesitz der Familie Tal
Transkription
Adolf Levenbach
Gemeinde Bloemendaal
Hinweis der zuständigen Behörde
Inhaber dieses Ausweises ist bis auf weiteres vom Arbeitseinsatz freigestellt.
Amsterdam, 11. Oktober 1942.
Nr.: 88838
Der Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD für die besetzten niederländischen Gebiete. Den Haag
Innenministerium
Personalausweis
J
Der Inhaber ist verpflichtet, diesen Ausweis stets bei sich zu tragen und nach Aufforderung gemäß gesetzlichen Bestimmungen jedem Polizeibeamten, Staatsbediensteten oder jeder anderen Person vorzulegen.
Fünf Jahre gültig
Missbrauch ist strafbar
Die deutschen Besatzer hatten diese Art Personalausweis in den Niederlanden zur Pflicht gemacht. Die neuen Personalausweise wurden im Frühjahr 1942 ausgegeben und waren schwerer zu fälschen als die bisherigen Ausweise.
Später wurde ein großes „J“ auf beide Seiten der Personalausweise von Jüdinnen und Juden gestempelt. So konnten die deutschen Besatzer und die niederländischen Polizisten sie bei einer Ausweiskontrolle auf der Straße einfach identifizieren.
Der rechteckige Stempel in der Mitte des Ausweises beinhaltet eine Freistellung: Adolf Levenbach war vom Arbeitseinsatz freigestellt, was bedeutete, er sollte vorerst nicht festgenommen und deportiert werden. Anhand der Nummer der Freistellung konnte die Echtheit und Gültigkeit des Eintrags im Register der Zentralstelle für jüdische Auswanderung überprüft werden.
Wir blieben bis Anfang Dezember 1942 in Amsterdam. Dann wurden wir wieder festgenommen und nach Westerbork gebracht.
Was widerfuhr der Familie Reiner?
Im November 1942 wurde Abs Tante Eva als erstes Mitglied seiner Familie verhaftet. Daraufhin musste Abs Cousin Sol untertauchen. Im April 1943 entgingen Ab Reiner, sein Bruder und seine Eltern nur knapp der Verhaftung.
© Privatbesitz der Familie Rinat
Tante Eva wurde Ende November 1942 auf der Straße verhaftet. Weiter
Wir Jungen waren in der Schule, Vater Jo war bei der Arbeit und Tante Eva hatte ihre Schwester, Tante Gusti, besucht. Am Nachmittag kamen wir alle, bis auf Tante Eva, zurück nach Hause. Es wurde immer später und die Sperrstunde rückte näher. Wir fragten uns, wo sie blieb, und machten uns große Sorgen. Wir hatten keine Telefone. Was war passiert? Wir schwankten zwischen Hoffnung und unerträglicher Angst. Es war verboten, um diese Zeit auf der Straße zu sein.
© NIOD, Beeldbank WO2, Nr. 96764
Bei der Ankunft in der Sammelstelle Hollandsche Schouwburg wurden die Verhafteten von Mitarbeitenden des Judenrates registriert. Dazu wurden sowohl die Garderobe als auch die Bühne im großen Saal des ehemaligen Theatergebäudes genutzt.
Nach der Registrierung mussten die Jüdinnen und Juden ihre Wohnungsschlüssel abgeben. Ihre Wohnungen wurden im Auftrag der deutschen Besatzer versiegelt und zu einem späteren Zeitpunkt ausgeräumt.
Am nächsten Morgen ging Vater zum Judenrat. Weiter
Vater Jo fand heraus, dass Tante Eva unter den Verhafteten war, und eilte zum Judenrat, um sich um ihre Freilassung zu bemühen. Doch diesmal hatte er mit seiner für ihn typischen Überzeugungskraft und Durchsetzungsfähigkeit keinen Erfolg. Es gelang ihm nicht, sie freizubekommen. Allerdings versprachen ihm einige einflussreiche Bekannte, sich nach besten Kräften dafür einzusetzen, dass sie nicht von Westerbork in den Osten deportiert wurde.
Eva Kimel-Goldberg
1893-1943
Obwohl man es Vater Jo zugesagt hatte, blieb Tante Eva nicht in Westerbork. Sie wurde am 18. Mai 1943 in das Vernichtungslager Sobibor deportiert und nach ihrer Ankunft ermordet.
© Privatbesitz der Familie Rinat
Weil Ab Reiners Tante Eva verhaftet worden war, bestand die Gefahr, dass auch sein Cousin Sol festgenommen wurde. Ein Nachbar machte die Familie darauf aufmerksam. Sol musste sich verstecken und später untertauchen.
Kurz nach seinem 14. Geburtstag musste Sol ins Versteck. Ein Fremder begleitete ihn nach Hoogeveen im Nordosten des Landes.
© Privatbesitz der Familie Rinat
Eines Nachts kamen Nationalsozialisten und niederländische Polizisten zu uns nach Hause, um uns zu verhaften. Weiter
Direkt hinter ihnen tauchte unser Nachbar, Dr. Zubli, im Schlafanzug auf, zeigte auf Marco und sagte: „Der Junge hat Scharlach“ (eine ansteckende Krankheit, die die Deutschen sehr fürchteten). Mit dieser Lüge wollte er sie in die Flucht schlagen und unsere Familie retten. Sie gingen tatsächlich, doch mit dem Hinweis, sie würden am nächsten Tag einen Arzt vorbeischicken, was sie nicht taten.
Nach diesem Erlebnis wurden wir uns unserer Misere endgültig bewusst, und Vater beschloss, dass wir uns verstecken mussten.
Was bekam die Nachbarschaft von den Verhaftungen mit?
Auf dem Platz, an dem die Familie Reiner wohnte, mussten sich am 20. Juni 1943 viele Jüdinnen und Juden versammeln. Sie waren im Zuge einer Razzia festgenommen worden und wurden anschließend abtransportiert. Davon gibt es zahlreiche Fotos.
© NIOD, Beeldbank WO2, Nr. 96803
Dieses Foto vom Daniël Willinkplein machten Anwohner*innen während der Razzia am 20. Juni 1943. Die Menschenansammlung auf dem Rasen und auf dem Bürgersteig rundherum wurde heimlich von oben fotografiert. Ab und seine Familie waren zu diesem Zeitpunkt bereits untergetaucht.
NIOD, Beeldbank WO2, Nr. 96751, CC0
Mitarbeitende der Zentralstelle für jüdische Auswanderung in Amsterdam hatten die Razzia geplant und beobachteten am 20. Juni 1943 ihren Verlauf. Sie saßen in einem Auto, das am Rande des Daniël Willinkplein stand. Der Beifahrer war Dr. Werner Schröder, Beauftragter der Zentralstelle für Amsterdam. Hinten in der Mitte saß Alois Gombault, Schröders Referent.
Das Foto machte der niederländische Fotograf Lambertus Jasper de Kok. Er war ab 1940 Mitglied des NSB und fotografierte seit 1941 im Auftrag der deutschen Besatzungsmacht. Seine Bilder lassen den Blick eines Propagandafotografen erkennen und zeigen Ereignisse, zu denen andere Fotografen keinen Zugang hatten.
Was geschah mit dem Besitz, den die verhafteten Jüdinnen und Juden zurücklassen mussten?
Die deutschen Besatzer beanspruchten die Sachen für sich. Sie beauftragten niederländische Transportunternehmen damit, die verlassenen Wohnungen zu räumen. Der Hausrat und die Möbel sollten nach Deutschland geschickt werden.
© NIOD, Beeldbank WO2, Nr. 96828
In Amsterdam hatte der niederländische Unternehmer Abraham Puls den Auftrag, den Besitz von deportierten oder verschwundenen Jüdinnen und Juden abzuholen. Daraus entstand der umgangssprachliche Ausdruck „Pulsen“, der das Ausräumen der Wohnungen und den Raub des Eigentums bezeichnete.
Weil der Hausrat und die Möbel nach Deutschland verschickt werden sollten, wurde alles genau erfasst. Dennoch bedienten sich Nachbar*innen oder Angestellte der Firma Puls auch selbst: Häufig wurden Sachen gestohlen oder unterschlagen, und niederländische Händler kauften Gegenstände unter der Hand auf.
In der letzten Phase des Raubs wurden die Wohnungen der in die Lager deportierten Jüdinnen und Juden ausgeräumt.
Was unternahm die Familie Tal in Anbetracht der Massenverhaftungen?
Vater Sander und Mutter Fré wussten, dass die Familie durch ihre Arbeit für den Judenrat einen gewissen Schutz vor der Verhaftung hatte. Zusätzlich versuchten sie, eine Erlaubnis zur Einreise nach Palästina zu erhalten.
© Privatbesitz der Familie Tal
Transkription
Abteilung Amsterdam
Nic. Maesstraat 55; 10. Juni 1943
Anlagen: An den ehrenwerten Herrn Jules Gerzon
Hiermit bestätige ich, dass ich auf Ihren Wunsch und durch Vermittlung des Internationalen Roten Kreuzes in Genf, das den Text in englischer Sprache benötigt, das folgende Telegramm an Ihren Kontakt in Palästina geschickt habe: „Betreffend Telegramm Jaakov Vaz Dias Aindorstreet 22 Haifa für Alexander Tal und Familie, bitte um dringende Intervention in ihrem Interesse – Jules Gerzon.“
Übersetzung:
„Betreffende telegram Jaakov Vaz Dias Aindorstreet 22 Haifa voor Alexander Tal en familie verzoeke dringend tusschenkomst in hun belang – Jules Gerzon.“
Im Namen des Sekretärs des Abteilungsvorstands
[Unterschrift]
Im Juni 1943 nahmen Sander und Fré Tal Kontakt mit dem Bruder von Fré auf, der in Palästina lebte. Sie hofften, eine Erlaubnis zur Einreise in das Gebiet zu bekommen, das unter britischem Mandat stand.
Jüdinnen und Juden, die Palästina-Zertifikate hatten, wurden nicht so schnell verhaftet wie andere.
Das niederländische Rote Kreuz benachrichtigte Familie Tal am 10. Juni 1943, dass Jaakov (Jacques) Vaz Dias per Telegramm gebeten worden war, sich für sie einzusetzen.
Dieses Telegramm war nur einer von vielen weiteren Schritten, mittels derer die Familie schließlich die Zertifikate erhielt.
Wie sind wir entkommen? Weiter
Unsere Geschichte ist kaum bekannt. Es ist eine Geschichte der Einsatzbereitschaft, Erfindungsgabe und Kooperation. Teil des Plans waren niederländische Veteranen, die sich bei der Regierung des Mandatsgebiets Palästina um Zertifikate für Familienangehörige und Freund*innen in den Niederlanden bemühten. Sie hofften, dass die Inhaber*innen der Zertifikate in den Augen der Deutschen einen besseren Status hätten und so gerettet werden könnten. Dieser Plan sollte als Akt des Widerstands gelten, auch wenn dabei keine Waffen zum Einsatz kamen. Der Kontakt zu Menschen in Palästina wurde durch das Rote Kreuz über das Büro der Jüdischen Agentur in Genf hergestellt.
So kamen unsere Familien an die Zertifikate.
Wie bereitete sich die Familie Tal darauf vor, selbst verhaftet zu werden?
Die Familie Tal bereitete ihr Gepäck vor für den Fall, dass sie verhaftet würden. Jeder hatte einen gepackten Rucksack, der stets bereitstehen musste.
© Privatbesitz der Familie Tal
Es war klar, dass es jeden Moment auch uns passieren könnte… sie könnten kommen und uns verhaften. Weiter
Wir hatten alle einen gepackten Rucksack mit Kleidung und Toilettensachen bereitstehen. Ruth und ich packten auch Schreib- und Malsachen und eine Puppe ein… Nur eine Puppe, die wir uns teilen würden, um Platz zu sparen. Wir schrieben eine Liste mit dem Inhalt der Rucksäcke. Wenn wir etwas herausnahmen, mussten wir es notieren und uns natürlich darum kümmern, dass es wieder zurückgelegt wurde.
Warum wurde die Familie Tal Ende September 1943 verhaftet?
Am 29. September 1943 wurden die Mitglieder des Amsterdamer Judenrats zusammen mit ihren Familien verhaftet. Dazu zählte auch die Familie Tal, einschließlich der Großmutter Netta und des deutschen „Pflegekindes“ Marion Amster.
NIOD, Beeldbank WO2, Nr. 96771, CC0
Es gibt keine Fotos von der letzten Razzia, bei der Familie Tal zusammen mit anderen Mitgliedern des Judenrats verhaftet wurde. Chanan hat dieses Foto ausgewählt, um zu zeigen, wie die Verhaftung ablief.
Ein niederländischer Fotograf hat das Bild im Auftrag der deutschen Besatzer in der Nähe der Sportanlage am Olympiaplein in Amsterdam aufgenommen. Dort mussten sich Jüdinnen und Juden aus der Umgebung am 20. Juni 1943 versammeln.
Es geschah am Neujahrsabend 5704, am 29. September 1943: Das Haus war voller niederländischer Polizisten und deutscher Soldaten. Sie waren gekommen, um uns zu verhaften. Weiter
Wir nahmen unsere Rucksäcke und gingen auf die Straße. Ich erinnere mich, wie wir auf dem Gehsteig vor der Haustür standen: Vater, Mutter, Marion, Chanan, Ruth und ich, und Oma Netta, die uns über die Feiertage besuchte.
Vater hatte einen riesigen Rucksack, in den er neben seinen eigenen auch Sachen von uns gepackt hatte. Plötzlich verlor er das Gleichgewicht und fiel auf den Rücken… mit dem schweren Rucksack. Es herrschte kurz Panik, doch dann richtete er sich auf und kam wieder auf die Beine.
Niederländische Polizisten führten uns wie Kriminelle zur nächsten Polizeistation und fuhren uns von dort mit Lastwagen zum Zug, der uns in das Durchgangslager Westerbork brachte. Weiter
Es war die letzte Runde der Festnahmen. Einen Tag später wurden die Niederlande offiziell als „judenrein“, frei von Jüdinnen und Juden, erklärt.
Weil wir Zertifikate für die Einwanderung nach Palästina beantragt hatten, wurden wir mit dem allerletzten Transport nach Westerbork geschickt.