Versteck

Kapitel 4
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Von 1942 bis zum Ende der deutschen Besatzung versuchten etwa 28.000 Jüdinnen und Juden, der bedrohlichen Lage zu entkommen, indem sie eine andere Identität annahmen oder sich versteckten. Etwa ein Drittel von ihnen wurden verraten oder entdeckt, zwei Drittel erlebten die Befreiung. 

Im Sommer 1943 tauchte auch Familie Reiner unter: Sie wurden „onderduikers“, Untergetauchte auf Niederländisch. Mitglieder des niederländischen Widerstands und ein Angestellter des enteigneten Unternehmens von Jo Reiner halfen ihnen dabei.

Wer half der Familie Reiner, ein Versteck zu finden?

Familie Reiner bekam Hilfe von Johannes Post, der aus der Provinz Drenthe im Nordosten der Niederlande stammte. Seine Nichte Jo und deren Mann Jan van der Helm waren bereit, in ihrem Bauernhaus eine Familie zu verstecken.

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Johannes Post

1906-1944

© NIOD, Beeldbank WO2, Nr. 149538

Johannes Post war eine Führungsfigur des bewaffneten Widerstands in den Niederlanden. Der streng religiöse Landwirt aus der Provinz Drenthe organisierte in seinem Dorf und der näheren Umgebung auch Verstecke für Jüdinnen und Juden. Im Juli 1944 wurde Johannes Post von den deutschen Besatzern gefasst und hingerichtet.

Wie gelangten Ab und sein Bruder Marco in ihr Versteck?

Herr Appenzeller, der Buchhalter des Unternehmens, das Jo Reiner gegründet hatte, begleitete zunächst Marco und später auch Ab zu ihrem Versteck. Um in den Nordosten der Niederlande zu kommen, mussten sie mit der Straßenbahn und dem Zug fahren. Beides war für Juden verboten.

Amsterdam Centraal Station, 13. Dezember 1940
Het Utrechts Archief, Nr. 154584, Public Domain 1.0

Herr Appenzeller holte mich morgens um sechs Uhr ab.

Ab
Avraham
Karte der Niederlande (Auszug), herausgegeben von John Bartholomew & Son Ltd., Edinburgh, ca. 1944
© Collins Bartholomew Ltd.

Im Zug war mir ganz heiß unter meinen schwarzen Haaren und die Gedanken rasten mir nur so durch den Kopf.

Ab
Avraham
Karte der Niederlande (Auszug), herausgegeben von John Bartholomew & Son Ltd., Edinburgh, ca. 1944
© Collins Bartholomew Ltd.

Als wir in Hoogeveen aus dem Zug stiegen, hatte ich das Gefühl, am Ende der Welt angekommen zu sein.

Ab
Avraham
Jo und Jan van der Helms Bauernhaus, Hollandscheveld, vor 1940
© Privatbesitz der Familie Helm

Dieses Foto stammt aus der Zeit vor 1940. Vor dem Haus steht Jo van der Helms Großvater, Jan Wolter Post, mit Trijntje Moes, die auch aus Jos Familie stammt.
Die Familie Reiner versteckte sich 1943 in dem Zimmer hinter den beiden Fenstern links.

Marco wartete im Haus auf mich. Ich war so froh, ihn zu sehen.

Ab
Avraham

Warum halfen Jo und Jan van der Helm der Familie Reiner?

Es war ihre Nächstenliebe, die Jo und Jan van der Helm motivierte, den Fremden zu helfen, die von den deutschen Besatzern und den niederländischen Nationalsozialisten verfolgt wurden. Sie nahmen sie in ihr Haus und in ihre Familie auf.

Jan und Jo van der Helm mit ihren Kindern, Albert and Arend, April 1944
© Privatbesitz der Familie Helm

Jo servierte uns drei Mahlzeiten am Tag, wie wir es von zu Hause gewohnt waren.

Ab
Avraham

Musste die Familie Reiner Tag und Nacht im Versteck bleiben?

Anfangs gingen Ab und Marco noch im Dorf spazieren oder arbeiteten auf dem Feld. Doch das änderte sich, als auch ihre Eltern ins Versteck kamen. Die Gefahr, dass sie entdeckt würden, erschien ihrem Vater Jo Reiner zu groß, sodass sie tagsüber im Haus blieben.

Hollandscheveld, Zuideropgaande, 1930-1940
© Drents Archief, Collectie Kroezen, Nr. DA147022

Hollandscheveld und Umgebung waren in den 1940er-Jahren noch von Entwässerungsgräben und Kanälen durchzogen. Wasserstraßen waren die Hauptverkehrswege. Diese Postkarte aus den 1930/40er-Jahren zeigt die Zuideropgaande, an der sich das Bauernhaus von Jo und Jan van der Helm befand.

Mit Vater und Mutter versteckten wir uns im Haus. Wir hatten weder Kontakt zur Außenwelt noch zu irgendwem aus unserer Familie oder unserem Freundeskreis.

Ab
Avraham

Hat die Familie Reiner weitere Vorsichtsmaßnahmen getroffen?

Der Vater, Jo Reiner, war in den 1920er-Jahren in die Niederlande eingewandert. Beide Eltern hatten keine niederländische Staatsangehörigkeit. Um seine Herkunft als Jude aus Krakau zu verbergen, hatte Jo Reiner einen gefälschten Personalausweis auf den Namen „Jan van Velzen“.

Jo Reiners gefälschter Personalausweis, von links nach rechts: erste Innenseite und Fotoseite
© Privatbesitz der Familie Rinat

Transkription

[Unterschrift] J v Velzen
[Stempel] Gemeinde Amersfoort
[Passfoto] Jo Reiner, 1943

Vaters gefälschter Personalausweis macht den Identitätsverlust deutlich, der mit dem Gang ins Versteck verbunden war.

Ab
Avraham
Jo Reiners gefälschter Personalausweis, von links nach rechts: erste, zweite und dritte Innenseite
© Privatbesitz der Familie Rinat

Transkription

A 31 N° 032820
[Nachname] van Velzen - -
[Name] Jan - -
[Geburtsdatum] 3. September 1896
[Geburtsort] Amersfoort 16
[Beruf] Prokurist
[Datum] 5. Nov[ember] 1941
[Ort] Amersfoort
[unleserliche Unterschrift]

A 31 N° 032820
[Anschrift] G v Stellingevstr[aat] 55
[Anschrift] 5.11.41 Jasmijnstraat 10
[Anschrift] 10. März 44 Hoogeveen
H’[ollandsche]veld Moskou 1
Beschreibung: Mann
Besondere Kennzeichen: keine
Abdruck des rechten Zeigefingers

A 31 N° 032820
[Stempel] Gemeinde Amersfoort
[Gebührenmarke]
Personalausweis
1,- Gulden
Personalausweis
1,- Gulden

Die niederländische Widerstandsbewegung half Jüdinnen und Juden nicht nur, ein Versteck zu finden, sondern sorgte auch dafür, dass sie gefälschte Papiere, Lebensmittelmarken und Bezugsscheine für andere rationierte Waren bekamen.

Wer tauchte im Sommer 1944 plötzlich bei Jo und Jan van der Helm auf?

Abs Cousin Sol Kimel kam zu Familie Reiner ins Versteck. Sol war Anfang 1943 auf dem Bauernhof der Eltern und Geschwister von Jo van der Helm, geborene Moes, untergetaucht. Familie Moes hatte so getan, als wäre er ein ausgebombter Junge aus Rotterdam.

Der Bauernhof der Familie Moes, oben links, und der Bauernhof der Familie Helm, unten rechts, 2024
Dataportaal Actueel Hoogtebestand Nederland en Beeldmateriaal, CC BY

Der Hof von Familie Moes lag am Riegshoogtendijk, das Haus von Familie van der Helm an der Zuideropgaande. Sie waren nur einen Kilometer voneinander entfernt.

Als Sol vor dem Haus stand, brachten sie ihn schnell in unser Zimmer und schlossen die Tür.

Ab
Avraham

Was machten die Familienmitglieder, um sich nicht zu langweilen?

Das Nichtstun und die fehlende Ablenkung machten sie fast verrückt. Sie waren dankbar für jede Aufgabe und halfen im Haushalt, so gut sie konnten. Mutter Lou kümmerte sich um die kleinen Kinder von Jo und Jan.

Jo Reiners Gebetbuch
© Privatbesitz der Familie Rinat

Transkription

Vollständiges Gebetbuch der niederländischen Israeliten für das ganze Jahr.
Ins Niederländische übersetzt und mit Anmerkungen versehen von J. Vredenburg, Oberrabbiner von Gelderland.
Zweite Auflage
Amsterdam, J. L. Joachimsthal.

Ich erinnere mich, wie Vater damit beschäftigt war, sein kleines Gebetbuch, das Siddur, zu reparieren.

Ab
Avraham

Eines Morgens erhielten wir ein wertvolles Geschenk: Zwei Lehrbücher ‚Teach Yourself English‘ und ein Buch über die Grundlagen der Geometrie.

Ab
Avraham

Wie bestritt die Familie Reiner im Versteck ihren Lebensunterhalt?

Herr Appenzeller kam alle drei bis vier Monate aus Amsterdam zu Besuch und brachte Bargeld mit, das er Jo und Jan van der Helm gab. Er berichtete, wie sich der Krieg und die Lage in Amsterdam und den Niederlanden entwickelten.

Lebensmittelverteilung, Hungerwinter 1944/1945
© Ad Windig / Maria Austria Instituut

Nach der Landung in der Normandie rückten die alliierten Truppen rasch in Richtung Deutschland vor und befreiten dabei auch den Süden der Niederlande. Die übrigen Gebiete standen weiterhin unter deutscher Besatzung. Im Herbst 1944 wurden die wichtigsten Verbrauchsgüter knapp. Auf einen Streikaufruf der niederländischen Exilregierung an die Eisenbahner, der die alliierten Truppen unterstützen sollte, reagierten die deutschen Besatzer mit Vergeltungsmaßnahmen: Sie unterbanden die Versorgung des dicht besiedelten Westens der Niederlande. Der Lebensmittel- und Kohlenkrise im sogenannten Hungerwinter fielen in den ersten Monaten des Jahres 1945 mindestens 15.000, manchen Schätzungen zufolge sogar bis zu 25.000 Menschen zum Opfer. Der Norden und Osten des Landes wurden erst im April 1945, der Westen mit der Kapitulation Deutschlands befreit.

Herr Appenzeller kam selbst in der bittersten Kälte und brachte uns Geld für unsere Lebenshaltungskosten aus einer Kasse, die Vater in weiser Voraussicht vorbereitet hatte.

Ab
Avraham

Wie zeigte sich die wachsende Gefahr, entdeckt zu werden?

Eines Nachts im Dezember 1944 klopfte die niederländische „Landwacht“ an die Haustür. Die Männer suchten zwar nicht nach Familie Reiner, sondern wollten nur, dass Jan van der Helms ihnen zur Hand ging, doch das Ereignis beunruhigte Jo und Jan van der Helm zutiefst.

Bewaffnete Mitglieder der niederländischen „Landwacht“ fahren Streife, 21. Juni 1944, Foto: PK- c. Jole
© Orbis / NIOD, Beeldbank WO2, Nr. 78576

Die „Nederlandse Landwacht“ wurde im November 1943 von den deutschen Besatzern in Zusammenarbeit mit den niederländischen Nationalsozialisten aufgestellt. Die paramilitärische Organisation bestand aus Freiwilligen, die meist Mitglieder der NSB waren, und diente als Hilfspolizei. Zu ihren Aufgaben zählte neben der Bewachung von Gebäuden auch die Durchführung von Personenkontrollen, Verhaftungen und Hausdurchsuchungen. In der Zivilbevölkerung war die „Landwacht“ verhasst und hatte gewaltsame Konfrontationen mit dem bewaffneten Widerstand.

Das Foto wurde am 21. Juni 1944 in der Veluwe aufgenommen. Auf der Rückseite klebt ein Zettel mit einem deutschsprachigen Propaganda-Text: 
„Die niederländische Landwacht. Nach getaner Arbeit, ihre wenigen Stunden Freizeit und oft auch ihren Schlaf opfernd, fahren diese Männer über die Landstrassen und Wege. Sie schützen so das Land und das Besitztum der im Kampf stehenden Frontsoldaten vor unliebsamen Überraschungen. Jeder der angetroffen wird und sich nicht genügend ausweisen kann, wird der nächsten Polizeistelle eingeliefert.“

Seit dieser Nacht schliefen wir drei Jungen in einem Versteck im Stroh.

Ab
Avraham
Der Bauernhof 2012
© Privatbesitz der Familie Rinat

Ab reiste im Jahr 2012 in die Niederlande und fuhr nach Hollandscheveld, an den Ort, an dem er sich mit seiner Familie versteckt hatte. Dabei entstanden dieses und das folgende Foto vom Bauernhaus, das damals Jo und Jan van der Helm gehört hatte.

Eines Morgens verbreitete sich das Gerücht, dass die Deutschen Durchsuchungen in Häusern durchführten.

Ab
Avraham

Wer entdeckte die Familie Reiner?

Als Jo und Jan van der Helm nicht zu Hause waren, entdeckten im Dorf patrouillierende Nationalsozialisten die Untergetauchten. Sie ermordeten den Vater, Jo Reiner, weil er sich weigerte, seine Familie zu verraten. Ab und die anderen hatten sich im Keller versteckt.

Hier hinter dem Haus wurde Jo Reiner gefoltert und ermordet
© Privatbesitz der Familie Rinat

Die Nationalsozialisten fingen an, ihn zu schlagen. Sie wollten, dass er ihnen Informationen über andere Personen im Haus, den Hausbesitzer und uns gab.

Ab
Avraham
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Jo Reiner

1897-1945

© Privatbesitz der Familie Rinat

Ohne Probleme fanden sie unser Versteck… Sie schossen hinein und riefen, dass wir aufgeben sollten.

Ab
Avraham

Was geschah nach ihrer Verhaftung?

Die Nationalsozialisten durchsuchten das Haus und den Hof der Familie van der Helm. Ab kam in ein deutsches Lazarett, die anderen ins Gefängnis. Zwei Tage später wurden alle in das Durchganglager Westerbork gebracht.

Karte der Niederlande (Auszug), herausgegeben von John Bartholomew & Son Ltd., Edinburgh, ca. 1944
© Collins Bartholomew Ltd.

Wir wurden auf einen Pferdewagen geladen.

Ab
Avraham

Was passierte mit Jo und Jan van der Helm?

Die Nationalsozialisten gingen zu Jan van der Helm, der auf dem Feld arbeitete. Auf die Frage, wer in seinem Haus sei, versuchte Jan wegzulaufen. Die Nazis verfolgten und erschossen ihn. Jo van der Helm blieb als Witwe mit zwei kleinen Kindern zurück.

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Jan van der Helm

1911-1945

© Privatbesitz der Familie Helm