Versteck
Von 1942 bis zum Ende der deutschen Besatzung versuchten etwa 28.000 Jüdinnen und Juden, der bedrohlichen Lage zu entkommen, indem sie eine andere Identität annahmen oder sich versteckten. Etwa ein Drittel von ihnen wurden verraten oder entdeckt, zwei Drittel erlebten die Befreiung.
Im Sommer 1943 tauchte auch Familie Reiner unter: Sie wurden „onderduikers“, Untergetauchte auf Niederländisch. Mitglieder des niederländischen Widerstands und ein Angestellter des enteigneten Unternehmens von Jo Reiner halfen ihnen dabei.
Wer half der Familie Reiner, ein Versteck zu finden?
Familie Reiner bekam Hilfe von Johannes Post, der aus der Provinz Drenthe im Nordosten der Niederlande stammte. Seine Nichte Jo und deren Mann Jan van der Helm waren bereit, in ihrem Bauernhaus eine Familie zu verstecken.
Johannes Post
1906-1944
Johannes Post war eine Führungsfigur des bewaffneten Widerstands in den Niederlanden. Der streng religiöse Landwirt aus der Provinz Drenthe organisierte in seinem Dorf und der näheren Umgebung auch Verstecke für Jüdinnen und Juden. Im Juli 1944 wurde Johannes Post von den deutschen Besatzern gefasst und hingerichtet.
Wie gelangten Ab und sein Bruder Marco in ihr Versteck?
Herr Appenzeller, der Buchhalter des Unternehmens, das Jo Reiner gegründet hatte, begleitete zunächst Marco und später auch Ab zu ihrem Versteck. Um in den Nordosten der Niederlande zu kommen, mussten sie mit der Straßenbahn und dem Zug fahren. Beides war für Juden verboten.
Het Utrechts Archief, Nr. 154584, Public Domain 1.0
Herr Appenzeller holte mich morgens um sechs Uhr ab. Weiter
Um nicht aufzufallen, war ich wie ein Junge vom Land gekleidet. Beim Abholen sagte Herr Appenzeller, ‚Hier ist deine Fahrkarte nach Hoogeveen. Vergiss nicht, dass du so tun musst, also würdest du allein reisen.‘ Das war alles andere als leicht. Mir wurde klar, dass ich nur diese eine Chance hatte. Ich durfte es nicht vermasseln.
© Collins Bartholomew Ltd.
Im Zug war mir ganz heiß unter meinen schwarzen Haaren und die Gedanken rasten mir nur so durch den Kopf. Weiter
Herr Appenzeller saß mir gegenüber. Die Fahrt dauerte zwei Stunden, doch es fühlte sich an wie eine Ewigkeit. Die Landschaft veränderte sich. Kleine Häuser und Felder zogen am Fenster vorbei.
Neben uns saß eine Gruppe Nationalsozialisten. Sie sprachen laut miteinander und wirkten bedrohlich in ihren schneidigen Uniformen. In einer Durchsage kündigte der Schaffner eine Ausweiskontrolle an. Ich hatte große Angst. Als er die Tür zu unserem Abteil öffnete, riefen ihm die vier NS-Soldaten ein „Heil Hitler“ entgegen. Er hob die Hand und schloss die Tür hinter sich, ohne uns zu kontrollieren.
Ich hatte das Gefühl, wie durch ein Wunder entkommen zu sein.
© Collins Bartholomew Ltd.
Als wir in Hoogeveen aus dem Zug stiegen, hatte ich das Gefühl, am Ende der Welt angekommen zu sein.
Weiter
Herr Appenzeller verschwand. Stattdessen kam ein Bauer und half mir auf seinen Pferdewagen. Ich weiß nicht, wie lange wir schon unterwegs waren, als wir plötzlich anhielten und der Mann zu mir sagte, ‚Steig ab!‘. Ich sprang vom Wagen. Mit der Tasche, die meine Mutter für mich gepackt hatte, stand ich allein am Feldweg und schaute dem Pferdewagen nach, der in der Ferne verschwand. Dann kam eine junge Frau auf mich zu, die mich zu einem der Bauernhäuser brachte. Es waren einfache Häuser, die eng beieinanderstanden.
© Privatbesitz der Familie Helm
Dieses Foto stammt aus der Zeit vor 1940. Vor dem Haus steht Jo van der Helms Großvater, Jan Wolter Post, mit Trijntje Moes, die auch aus Jos Familie stammt.
Die Familie Reiner versteckte sich 1943 in dem Zimmer hinter den beiden Fenstern links.
Marco wartete im Haus auf mich. Ich war so froh, ihn zu sehen. Weiter
Marco war schon länger dort. Er fühlte sich zu Hause und zeigte mir alles. Es war eine kurze Führung, denn es war ein kleines und einfaches Haus. Es gab zwei Zimmer: Die „woonkamer“, die als Wohnstube und Schlafzimmer für Jan, Jo und die Kinder genutzt wurde. Dort wurde auch gekocht. Die „mooie kamer“ („gute Stube“) überließen sie uns. Damals gab es in jedem Landhaus in den Niederlanden eine „mooie kamer“, eine Art Wohnzimmer, in dem Gäste empfangen wurden. Jan and Jos „mooie kamer“ war einfach nur ein weiterer Raum, der kleiner war als die Wohnstube der Familie. Dort gab es zwei in die Wand eingebaute Doppelbetten.
Warum halfen Jo und Jan van der Helm der Familie Reiner?
Es war ihre Nächstenliebe, die Jo und Jan van der Helm motivierte, den Fremden zu helfen, die von den deutschen Besatzern und den niederländischen Nationalsozialisten verfolgt wurden. Sie nahmen sie in ihr Haus und in ihre Familie auf.
© Privatbesitz der Familie Helm
Jo servierte uns drei Mahlzeiten am Tag, wie wir es von zu Hause gewohnt waren. Weiter
Morgens aßen wir Haferbrei, mittags Kartoffeln und Gemüse, das Jo in einem Garten neben dem Haus anbaute, dazu Schwein oder Huhn, und abends gab es Brot mit Marmelade. Ich lernte, nach dem Abendessen wie alle anderen meine Augen zu schließen und zuzuhören. Jan las das „Vaterunser“ und die Familie betete, ohne dabei die Lippen zu bewegen. Nach dem stillen Gebet las er uns Geschichten vor, auch aus dem Alten Testament, und wir lauschten schweigend seinen Worten. Unser neuer Tagesablauf war eintönig. Essen. Beten. Arbeiten. Essen. Beten. Arbeiten. Essen. Beten. Vom Speiseplan war ich nicht begeistert. Jeden Tag dasselbe Essen. Dafür gefiel es mir, auf dem Feld zu arbeiten und mich manchmal um das blinde Schwein zu kümmern.
Jo and Jan waren unglaublich freundlich und verständnisvoll.
Musste die Familie Reiner Tag und Nacht im Versteck bleiben?
Anfangs gingen Ab und Marco noch im Dorf spazieren oder arbeiteten auf dem Feld. Doch das änderte sich, als auch ihre Eltern ins Versteck kamen. Die Gefahr, dass sie entdeckt würden, erschien ihrem Vater Jo Reiner zu groß, sodass sie tagsüber im Haus blieben.
© Drents Archief, Collectie Kroezen, Nr. DA147022
Hollandscheveld und Umgebung waren in den 1940er-Jahren noch von Entwässerungsgräben und Kanälen durchzogen. Wasserstraßen waren die Hauptverkehrswege. Diese Postkarte aus den 1930/40er-Jahren zeigt die Zuideropgaande, an der sich das Bauernhaus von Jo und Jan van der Helm befand.
Mit Vater und Mutter versteckten wir uns im Haus. Wir hatten weder Kontakt zur Außenwelt noch zu irgendwem aus unserer Familie oder unserem Freundeskreis. Weiter
Wir konnten nur raus, wenn es dunkel war. Wir trugen Holzpantinen wie die Dorfleute, in denen wir in einem Umkreis von wenigen Quadratmetern ein bisschen um das Haus liefen. Im Dunkeln hackten wir die Baumstämme vor dem Haus zu Feuerholz. Doch bei Tageslicht waren wir immer in unserem Zimmer. Dort konnten wir mit normaler Stimme sprechen. Doch es gab nichts zu bereden, denn es passierte nichts.
Hat die Familie Reiner weitere Vorsichtsmaßnahmen getroffen?
Der Vater, Jo Reiner, war in den 1920er-Jahren in die Niederlande eingewandert. Beide Eltern hatten keine niederländische Staatsangehörigkeit. Um seine Herkunft als Jude aus Krakau zu verbergen, hatte Jo Reiner einen gefälschten Personalausweis auf den Namen „Jan van Velzen“.
© Privatbesitz der Familie Rinat
Transkription
[Stempel] Gemeinde Amersfoort
[Passfoto] Jo Reiner, 1943
Vaters gefälschter Personalausweis macht den Identitätsverlust deutlich, der mit dem Gang ins Versteck verbunden war.
© Privatbesitz der Familie Rinat
Transkription
[Nachname] van Velzen - -
[Name] Jan - -
[Geburtsdatum] 3. September 1896
[Geburtsort] Amersfoort 16
[Beruf] Prokurist
[Datum] 5. Nov[ember] 1941
[Ort] Amersfoort
[unleserliche Unterschrift]
A 31 N° 032820
[Anschrift] G v Stellingevstr[aat] 55
[Anschrift] 5.11.41 Jasmijnstraat 10
[Anschrift] 10. März 44 Hoogeveen
H’[ollandsche]veld Moskou 1
Beschreibung: Mann
Besondere Kennzeichen: keine
Abdruck des rechten Zeigefingers
A 31 N° 032820
[Stempel] Gemeinde Amersfoort
[Gebührenmarke]
Personalausweis
1,- Gulden
Personalausweis
1,- Gulden
Die niederländische Widerstandsbewegung half Jüdinnen und Juden nicht nur, ein Versteck zu finden, sondern sorgte auch dafür, dass sie gefälschte Papiere, Lebensmittelmarken und Bezugsscheine für andere rationierte Waren bekamen.
Wer tauchte im Sommer 1944 plötzlich bei Jo und Jan van der Helm auf?
Abs Cousin Sol Kimel kam zu Familie Reiner ins Versteck. Sol war Anfang 1943 auf dem Bauernhof der Eltern und Geschwister von Jo van der Helm, geborene Moes, untergetaucht. Familie Moes hatte so getan, als wäre er ein ausgebombter Junge aus Rotterdam.
Dataportaal Actueel Hoogtebestand Nederland en Beeldmateriaal, CC BY
Der Hof von Familie Moes lag am Riegshoogtendijk, das Haus von Familie van der Helm an der Zuideropgaande. Sie waren nur einen Kilometer voneinander entfernt.
Als Sol vor dem Haus stand, brachten sie ihn schnell in unser Zimmer und schlossen die Tür. Weiter
Wir waren seit fast einem Jahr im Versteck, ohne Kontakt zur Außenwelt. Vor einem Jahr und fünf Monaten hatten wir Sol zum letzten Mal gesehen. Gemeinsam mit ihm versuchten wir herauszufinden, wo er gewesen und was ihm widerfahren war. Es ist schwer zu sagen, ob wir eher überrascht oder glücklich waren.
Unsere Überraschung wurde noch größer, als er uns erzählte, was er erlebt hatte, seit er unsere Wohnung verlassen hatte. Wie er dieselbe Strecke gefahren und am selben Bahnhof ausgestiegen war und ihn Jos Eltern, die Familie Moes, auf ihrem Hof in unserer Nachbarschaft aufgenommen hatten.
Sol sagte zu uns: „Der Bauernhof war zwar klein, doch alle waren immer am Arbeiten. Sie behandelten mich wie einen ihrer eigenen Söhne. Dann musste ich den Hof verlassen, weil einige Nazi-Unterstützer*innen in der Nachbarschaft darüber zu tratschen begannen, wie merkwürdig es war, dass ich den Hof nur verließ, um in die Kirche zu gehen, und dass ich nie Besuch bekam.“
Damit war seine Zeit auf dem Hof beendet.
Was machten die Familienmitglieder, um sich nicht zu langweilen?
Das Nichtstun und die fehlende Ablenkung machten sie fast verrückt. Sie waren dankbar für jede Aufgabe und halfen im Haushalt, so gut sie konnten. Mutter Lou kümmerte sich um die kleinen Kinder von Jo und Jan.
© Privatbesitz der Familie Rinat
Transkription
Ins Niederländische übersetzt und mit Anmerkungen versehen von J. Vredenburg, Oberrabbiner von Gelderland.
Zweite Auflage
Amsterdam, J. L. Joachimsthal.
Ich erinnere mich, wie Vater damit beschäftigt war, sein kleines Gebetbuch, das Siddur, zu reparieren. Weiter
Er benutzte das Buch jeden Tag – eine Routine, die er sich während unserer Zeit im Versteck angewöhnt hatte. Ich denke, die Beschäftigung gab ihm Trost und brachte Ordnung in seinen Alltag. Nach dem Krieg fand jemand das Gebetbuch auf dem Bauernhof und gab es Jo van der Helm, die es an uns weitergab. Seitdem habe ich es, und ich hole es jedes Jahr zu Vaters „Yahrzeit“ raus, dem Jahrestag seines Todes.
Eines Morgens erhielten wir ein wertvolles Geschenk: Zwei Lehrbücher ‚Teach Yourself English‘ und ein Buch über die Grundlagen der Geometrie. Weiter
Nebenan war eine Schule, und der Lehrer, den wir durch unser Fenster beobachteten, hatte uns vermutlich auch gesehen. Er gab Jan die Bücher für uns. Wir kehrten zum unabhängigen Lernen zurück, wie wir es von der Montessori-Schule kannten. Unser Deutsch aus der Schule reichte aus, um das Buch zu den Grundlagen der Geometrie immer wieder zu lesen.
Der Gedanke, dass ein Nachbar von uns wusste, Mitgefühl mit uns hatte und uns sogar Geschenke schickte, machte uns glücklich und hoffnungsvoll. Es gibt gute Nachbarn, es gibt gute Menschen, es besteht die Möglichkeit, dass alles wieder in Ordnung ist, wir hier herauskommen und ins normale Leben zurückkehren können.
Wie bestritt die Familie Reiner im Versteck ihren Lebensunterhalt?
Herr Appenzeller kam alle drei bis vier Monate aus Amsterdam zu Besuch und brachte Bargeld mit, das er Jo und Jan van der Helm gab. Er berichtete, wie sich der Krieg und die Lage in Amsterdam und den Niederlanden entwickelten.
© Ad Windig / Maria Austria Instituut
Nach der Landung in der Normandie rückten die alliierten Truppen rasch in Richtung Deutschland vor und befreiten dabei auch den Süden der Niederlande. Die übrigen Gebiete standen weiterhin unter deutscher Besatzung. Im Herbst 1944 wurden die wichtigsten Verbrauchsgüter knapp. Auf einen Streikaufruf der niederländischen Exilregierung an die Eisenbahner, der die alliierten Truppen unterstützen sollte, reagierten die deutschen Besatzer mit Vergeltungsmaßnahmen: Sie unterbanden die Versorgung des dicht besiedelten Westens der Niederlande. Der Lebensmittel- und Kohlenkrise im sogenannten Hungerwinter fielen in den ersten Monaten des Jahres 1945 mindestens 15.000, manchen Schätzungen zufolge sogar bis zu 25.000 Menschen zum Opfer. Der Norden und Osten des Landes wurden erst im April 1945, der Westen mit der Kapitulation Deutschlands befreit.
Herr Appenzeller kam selbst in der bittersten Kälte und brachte uns Geld für unsere Lebenshaltungskosten aus einer Kasse, die Vater in weiser Voraussicht vorbereitet hatte. Weiter
Er erzählte uns, dass es in Amsterdam nichts zu essen gab, eine schreckliche Hungersnot herrschte und die Menschen diesen Winter den „Hongerwinter“ (den Hungerwinter) nannten. Um nicht zu frieren, verarbeiteten sie alles aus den leerstehenden Wohnungen der Jüdinnen und Juden, das sich ausbauen ließ, zu Feuerholz. Sie gingen mit ihren Wertsachen, Schmuck oder Goldmünzen in die Dörfer, um sie gegen Lebensmittel einzutauschen. Es war ein merkwürdiger Gedanke, dass es uns besser ging als den Menschen in der Stadt. Wir hatten es warm und immer etwas zu essen, auch wenn es meistens Haferbrei war.
Eines Abends entdeckte Vater eine Larve im Haferbrei. Daraus entwickelte sich ein echter Konflikt, vermutlich der einzige Konflikt, den wir mit unseren Gastgebern in den 20 Monaten hatten, in denen wir bei ihnen waren. Vater weigerte sich, den Haferbrei mit den Larven zu essen. Es war ekelhaft, und wir wollten einen neuen Brei kochen. Jo sagte einfach nur „Esst!“. Wir alle weigerten uns. Und sie sagte wieder, „Esst“, diesmal mit wütender Stimme. „Im Lager würdet ihr es essen.“ Bis zu diesem Moment hatte ich nur eine vage Vorstellung vom Lager. Wir hofften, nicht dorthin gehen zu müssen, wenn wir nicht darüber sprachen. Es war nie Thema unserer Unterhaltungen gewesen, insbesondere nicht mit unseren Gastgebern. Und auf einmal… Es herrschte Schweigen. Wir nahmen die Larven aus dem Haferbrei und aßen.
Wie zeigte sich die wachsende Gefahr, entdeckt zu werden?
Eines Nachts im Dezember 1944 klopfte die niederländische „Landwacht“ an die Haustür. Die Männer suchten zwar nicht nach Familie Reiner, sondern wollten nur, dass Jan van der Helms ihnen zur Hand ging, doch das Ereignis beunruhigte Jo und Jan van der Helm zutiefst.
© Orbis / NIOD, Beeldbank WO2, Nr. 78576
Die „Nederlandse Landwacht“ wurde im November 1943 von den deutschen Besatzern in Zusammenarbeit mit den niederländischen Nationalsozialisten aufgestellt. Die paramilitärische Organisation bestand aus Freiwilligen, die meist Mitglieder der NSB waren, und diente als Hilfspolizei. Zu ihren Aufgaben zählte neben der Bewachung von Gebäuden auch die Durchführung von Personenkontrollen, Verhaftungen und Hausdurchsuchungen. In der Zivilbevölkerung war die „Landwacht“ verhasst und hatte gewaltsame Konfrontationen mit dem bewaffneten Widerstand.
Das Foto wurde am 21. Juni 1944 in der Veluwe aufgenommen. Auf der Rückseite klebt ein Zettel mit einem deutschsprachigen Propaganda-Text:
„Die niederländische Landwacht. Nach getaner Arbeit, ihre wenigen Stunden Freizeit und oft auch ihren Schlaf opfernd, fahren diese Männer über die Landstrassen und Wege. Sie schützen so das Land und das Besitztum der im Kampf stehenden Frontsoldaten vor unliebsamen Überraschungen. Jeder der angetroffen wird und sich nicht genügend ausweisen kann, wird der nächsten Polizeistelle eingeliefert.“
Seit dieser Nacht schliefen wir drei Jungen in einem Versteck im Stroh. Weiter
Jo bat uns, in eine Ecke des Hofes zu ziehen, wo die Strohballen aufgestapelt wurden, was wir sehr gern taten. Wir freuten uns sogar darüber. Vater und Mutter blieben im schönen Zimmer, und wir drei Teenager bekamen unseren eigenen Wohnbereich. Trotz der bitteren Kälte draußen hatten wir einen warmen Schlafplatz zwischen den Strohballen, die eine gute Isolierung boten. Angesichts der Umstände war es ein sehr annehmbares Versteck.
Auch das Radio war zwischen den Strohballen versteckt – ein schwerer Verstoß gegen die Vorschriften der Nationalsozialisten, selbst für nicht-jüdische Menschen. Einmal in der Woche durften wir das Gerät einschalten. Dann spitzten wir die Ohren und informierten alle über die neusten Nachrichten. Wir wussten, dass die alliierten Truppen gegen die Deutschen kämpften. Wir hatten von der Invasion in der Normandie und von der veränderten Lage im Krieg gehört. Einige Gebiete waren bereits von der deutschen Besatzung befreit. Täglich nahmen die Spannungen zu. Nachts hörten wir am Himmel über dem kleinen Dorf Hunderte von Flugzeugen auf ihrem Weg von England nach Berlin.
© Privatbesitz der Familie Rinat
Ab reiste im Jahr 2012 in die Niederlande und fuhr nach Hollandscheveld, an den Ort, an dem er sich mit seiner Familie versteckt hatte. Dabei entstanden dieses und das folgende Foto vom Bauernhaus, das damals Jo und Jan van der Helm gehört hatte.
Eines Morgens verbreitete sich das Gerücht, dass die Deutschen Durchsuchungen in Häusern durchführten. Weiter
Ich erinnere mich, dass Jo rasch ein Brett am Boden unseres Wandschranks löste. Darunter führten Stufen in einen kleinen Keller, der ein sehr breites und mit einer Höhe von einem Meter sehr niedriges Versteck in völliger Dunkelheit bot. Dort harrten wir fünf Stunden im Liegen aus. Wir trauten uns kaum zu atmen und lauschten auf jedes Geräusch von außen. Die Zeit verging nur langsam, und es fühlte sich an wie eine Ewigkeit, bevor Jo das Brett wieder hob und uns zurück in das schöne Zimmer ließ.
Wer entdeckte die Familie Reiner?
Als Jo und Jan van der Helm nicht zu Hause waren, entdeckten im Dorf patrouillierende Nationalsozialisten die Untergetauchten. Sie ermordeten den Vater, Jo Reiner, weil er sich weigerte, seine Familie zu verraten. Ab und die anderen hatten sich im Keller versteckt.
© Privatbesitz der Familie Rinat
Die Nationalsozialisten fingen an, ihn zu schlagen. Sie wollten, dass er ihnen Informationen über andere Personen im Haus, den Hausbesitzer und uns gab. Weiter
Vater schwieg, doch sie ließen nicht locker. Wie erstarrt verharrten wir direkt unter ihm und hörten, wie sie ihn befragten und quälten. Sie wollten wissen, ob sich noch mehr Jüdinnen und Juden im Haus versteckten. Vater schwieg beharrlich.
Wir vernahmen einen Fausthieb und noch einen Fausthieb. Die Zeit schien stillzustehen. Jeder Atemzug war wie eine Ewigkeit. Wir hörten, wie er nach Luft rang, auf den Boden fiel, sich vor Schmerzen krümmte...
Wir taten nichts… was hätten wir tun können?
Dann ertönte ein einziger Schuss – und wir alle wussten Bescheid.
Jo Reiner
1897-1945
Ohne Probleme fanden sie unser Versteck… Sie schossen hinein und riefen, dass wir aufgeben sollten. Weiter
Ab dem Moment war mir alles egal. Mir wurde klar, dass sich Vater für uns geopfert hatte, und der Schmerz über seinen Verlust war unerträglich. Widerstand war zwecklos. Wir gingen die Treppe hinauf. Dort oben warteten drei SS-Männer. Einer von ihnen gab uns den Befehl: „Hände hoch!“ Wir hoben die Hände über unsere Köpfe.
Er wandte sich Mutter zu und sagte, „Mutter, ich habe deinem Ehemann den Gnadenschuss gegeben.“ Ausdruckslos und mit zusammengekniffenen Lippen stand sie da.
Ich sagte meiner Mutter, mir sei schwindlig, dann verlor ich das Bewusstsein… Mir war nicht aufgefallen, dass einer der Schüsse offenbar mein Bein getroffen hatte.
Was geschah nach ihrer Verhaftung?
Die Nationalsozialisten durchsuchten das Haus und den Hof der Familie van der Helm. Ab kam in ein deutsches Lazarett, die anderen ins Gefängnis. Zwei Tage später wurden alle in das Durchganglager Westerbork gebracht.
© Collins Bartholomew Ltd.
Wir wurden auf einen Pferdewagen geladen. Weiter
Vor der Abfahrt kam ein SS-Offizier, um Sol zu befragen. Die Nationalsozialisten hatten das Versteck zwischen den Strohballen und das Radio gefunden. Er wollte wissen, was dort noch versteckt war. Zum Beispiel Geld. Obwohl ich kaum bei Bewusstsein war, hörte ich, wie der Deutsche Sol brutal verhörte. Fast hätte er ihn erwürgt. Zum Glück konnte Mutter diesmal eingreifen, bevor es zu spät war. Sie schrie, und der Deutsche ließ von ihm ab.
Dann ging es los. Gnadenlos ruckelte und holperte der Wagen. Jede Erschütterung bereitete mir große Schmerzen. Es war eiskalt und alles lag unter einer dicken Schneedecke.
Was passierte mit Jo und Jan van der Helm?
Die Nationalsozialisten gingen zu Jan van der Helm, der auf dem Feld arbeitete. Auf die Frage, wer in seinem Haus sei, versuchte Jan wegzulaufen. Die Nazis verfolgten und erschossen ihn. Jo van der Helm blieb als Witwe mit zwei kleinen Kindern zurück.
Jan van der Helm
1911-1945