Vor dem Krieg

Kapitel 1
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Die vier jüdischen Teenager lebten mit ihren Eltern und Geschwistern in den Niederlanden. Damals war das Land ein Königreich, in dem Jüdinnen und Juden dieselben Rechte wie andere Bürgerinnen und Bürger genossen. Es herrschte Religionsfreiheit, und es gab wenig Feindseligkeit gegenüber jüdischen Menschen.

Wer waren die Eltern und Geschwister von Chanan und No'omi Tal?

Ihre Eltern waren Frederika Vaz Dias, genannt Fré, und Alexander Tal, genannt Sander. Chanans Zwillingsschwestern hießen Ruth und No’omi.

Die Familie Tal 1938. Von links nach rechts: No’omi, Sander, Ruth, Fré und Chanan Tal
© Privatbesitz der Familie Tal

Als unsere Eltern am 31. Januar 1929 heirateten, war Fré 19.

Chanan
Chanan

Wer waren die Großeltern?

Als die Kinder der Familie Tal geboren wurden, waren beide Großväter bereits verstorben. Die Großmütter lebten in Amsterdam, wie auch die Eltern und Kinder. 

Salomon Tal und Henriette van Zanten, Amsterdam, 1897
© Privatbesitz der Familie Tal

Unsere Großeltern väterlicherseits waren Salomon Tal, auf Hebräisch Shlomo, und Henriette van Zanten.

Chanan
Chanan
Ronetta Elzas und Jacob Vaz Dias in Kopenhagen, 1920
© Privatbesitz der Familie Tal

Unsere Großeltern mütterlicherseits waren Jacob Vaz Dias und Ronetta Elzas, kurz Netta genannt. Die Familie Vaz Dias gehörte der portugiesisch-jüdischen Gemeinde von Amsterdam an.

Chanan
Chanan
Von links nach rechts: Oma Netta, No’omi und Ruth, Tante Helena und Fré am Damplatz in Amsterdam, 1936
© Privatbesitz der Familie Tal

Oma Netta, die Mutter unserer Mutter, war eine sehr liebe Großmutter.

Noomi
No'omi

Wo lebte die Familie Tal?

Fré und Sander lebten im Haus von Großmutter Henriette Tal in Amsterdam. Sie hatten eine kleine Wohnung im zweiten Stock. Die Kinder wurden dort auch geboren.

Stadtplan von Amsterdam, 1940.
Stadsarchief Amsterdam / Cito Plans et Guides H. v. Diehlen, No. KOKA00617000001, copyright-free
Das Haus von Großmutter Henriette Tal an der Weesperzijde 14, Amsterdam, 1955
© Stadsarchief Amsterdam / M. A. Button, Nr. 010122035296296

Wir schliefen zu dritt in einem kleinen Zimmer. Eine meiner ersten Erinnerungen sind die Doppelbetten, die unser Vater für uns gebaut hat.

Chanan
Chanan
Von links nach rechts: Ruth, Chanan und No’omi am Fenster, Weesperzijde 14, Amsterdam, ca. 1937
© Privatbesitz der Familie Tal

Wir wohnten nahe der Amstel, einem großen Fluss, der durch Amsterdam fließt. Oft beobachteten wir die Schiffe auf dem Fluss und wie sich die Brücke für sie öffnete.

Noomi
No'omi
Stadtplan von Amsterdam, 1940.
Stadsarchief Amsterdam / Cito Plans et Guides H. v. Diehlen, Nr. KOKA00617000001, gemeinfrei
Das Haus an der Johannes Verhulststraat 73, Amsterdam, 1980er
Aus dem Nachlass von Chanan Tal. Originalquelle unbekannt.

1938 zogen wir in eine Wohnung in einem anderen Stadtteil.

Chanan
Chanan

Wo gingen die Kinder zur Schule?

Chanan, Ruth und No’omi besuchten eine jüdische Grundschule, die Herman Elte Schule in Amsterdam.

Ruth (links) and No’omi (rechts) 1939 mit sieben Jahren
© Privatbesitz der Familie Tal

Im September 1939 kamen Ruth und ich in die erste Klasse, ein aufregendes und fröhliches Ereignis, auf das wir uns gefreut hatten.

Noomi
No'omi
Chanan in der dritten Klasse, erste Reihe, zweiter von rechts, mit Krawatte, Amsterdam, Frühjahr oder Sommer 1939
© Privatbesitz der Familie Tal

Im ersten Halbjahr 1939 besuchten 43 Kinder die dritte Klasse der Herman Elte Schule.
Von diesen Kindern haben 32 den Holocaust nicht überlebt – 74 Prozent der Klasse. Das entsprach exakt dem Prozentsatz aller niederländischen Jüdinnen und Juden, die im Holocaust ermordet wurden. 
Zwölf Kinder haben überlebt. Sieben von ihnen emigrierten später wie Chanan Tal nach Israel.

 

 

Mit was verdiente Familie Tal ihren Lebensunterhalt?

Sander Tal arbeitete im Familienbetrieb, den der Vater von Fré Vaz Dias gegründet hatte. Sein Studium der Elektrotechnik hatte er wegen der schweren Krankheit seines Schwiegervaters unterbrochen.

Visitenkarte von Sander Tal, 1930er
© Privatbesitz der Familie Tal

Transkription

A[lexander] Tal, [Zertifizierter Elektroingenieur]
Partner im Unternehmen J. Vaz Dias Jzn.
Weesperzijde 14, Amsterdam

Seit 1927 quälte unseren Großvater Jacob Vaz Dias ein Herz- und Nierenleiden.

Chanan
Chanan

Warum dachten die Eltern darüber nach, die Niederlande zu verlassen?

Fré und Sander hatten sich in einer zionistischen Jugendgruppe kennengelernt. Nachdem sie geheiratet und eine Familie gegründet hatten, überlegten sie, nach Palästina auszuwandern.

Vordere Reihe, rechts: Fré und Sander, Arm in Arm, bei der Jugendbewegung Zichron Ya'acov
© Privatbesitz der Familie Tal

Der Zionismus wurde Ende des 19. Jahrhunderts als politische Bewegung begründet. Seine Mitglieder forderten ihren eigenen jüdischen Staat, nachdem jüdische Menschen seit Jahrhunderten religiöse und politische Verfolgung erlitten hatten.
Die Zionisten wollten Jüdinnen und Juden Schutz vor antisemitischer Ausgrenzung und Gewalt bieten und der jüdischen Kultur und Religion zur Blüte verhelfen. Die Bewegung benannte sich nach Zion, dem biblischen und historischen Ort, von dem die Jüdinnen und Juden in die Diaspora vertrieben worden waren. Die Zionisten wollten ihre eigene Gemeinschaft in Jerusalem und Palästina errichten.
Eine besondere Gruppe innerhalb der zionistischen Bewegung bildeten religiöse Jüdinnen und Juden, die sich in Jugendbewegungen wie Zichron Ya'acov and Mizrahi organisierten. Fré und Sander Tal waren in diesen Bewegungen aktiv.

Unsere Eltern dachten über eine Auswanderung nach Eretz Israel nach. Zu Beginn der 1930er-Jahre schoben sie diesen Gedanken wegen der Wirtschaftskrise zunächst zur Seite.

Chanan
Chanan

Die Alijah war für 1941 geplant, doch der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im September 1939 durchkreuzte diese Pläne.

Chanan
Chanan

Haben andere Familienmitglieder die Auswanderung geschafft?

Frés jüngerer Bruder, Jacques Vaz Dias, emigrierte im Dezember 1936 nach Israel.

Jacques Vaz Dias in Palästina, 1936
© Privatbesitz der Familie Tal

Im Sommer 1933 begann Onkel Jacques Vaz Dias mit den Vorbereitungen für seine Auswanderung.

Chanan
Chanan

Wo lebte Annelie Levenbach mit ihrer Familie?

Annelie lebte mit ihren Eltern und ihrem älteren Bruder Joost im niederländischen Bentveld. Die Familie hatte ein eigenes Haus am Zandvoorterweg 8.

Town map of Bentveld and Haarlem with Velsen, IJmuiden and other surrounding areas.
H. van Diehlen, 1940, Noord-Hollands Archief / 560 – Collection of maps and card books of the Provincial Atlas Noord-Holland, A(492.624)075 B
Annelie Levenbach, 1930er
© Privatbesitz der Familie Tal

Ich war sehr glücklich, ich hatte Freund*innen, und ich ging zur Schule.

Annelie
Annelie

Wer waren Annelies Eltern?

Annelies Eltern kamen aus Amsterdam. Ihre Mutter, Elizabeth Goudeket, Spitzname Liesje, war promovierte Juristin. Ihr Vater, Adolf Levenbach, auch Dolf genannt, war Geschäftsmann.

Elizabeth Goudeket, ca. 1920er
© Privatbesitz der Familie Tal

Meine Mutter, Liesje Goudeket, studierte Rechtswissenschaften an der Universität von Amsterdam.

Annelie
Annelie
Dolf Levenbach, ca. 1920
© Privatbesitz der Familie Tal

Mein Vater, Adolf Levenbach, Kurzname Dolf, war der jüngste von vier Brüdern. Er ging als junger Mann in die Vereinigten Staaten und reiste von 1916 bis 1918 durch Russland.

Annelie
Annelie
Waschmaschine – Syracuse, ‚Easy‘, New York, ca. 1935.
Museums Victoria, Australien, CC BY 4.0 International

In den 1930ern machte er Geschäfte mit einem alten deutschen Freund namens Curt Blüth, der Waschmaschinen aus den Vereinigten Staaten importierte.

Annelie
Annelie

Wer waren Annelies Großeltern?

Annelie hat ihren Großvater väterlicherseits nie kennengelernt, und die Eltern ihrer Mutter starben 1935. Sie erinnert sich gern an ihre Großmutter väterlicherseits, Rosa Levenbach.

Annelie mit ihrer Großmutter Rosa Levenbach, 1935
© Privatbesitz der Familie Tal

Mein Großvater väterlicherseits starb vor meiner Geburt, aber ich erinnere mich sehr gut an meine Großmutter, die ich sehr geliebt habe.

Annelie
Annelie

Wer waren Ab Reiners Eltern?

Abs Eltern waren Josef Reiner, genannt Jo, und Lea Goldberg, genannt Lou. Beide kamen aus Krakau und hatten zahlreiche Geschwister.

Jos Vater, Ephraim Reiner, mit seiner zweiten Frau, Rachel, und allen seinen Kindern, Krakau, 1915. Jo Reiner sitzt rechts
© Privatbesitz der Familie Rinat

Vater Jo ging nach Wien, wo es eine lebendige Kulturszene und wirtschaftliche Möglichkeiten gab. Dort lernte er das Handwerk der Lederverarbeitung.

Ab
Avraham
Lea Goldberg im Alter von 18 oder 19 Jahren, Krakau, 1922
© Privatbesitz der Familie Rinat

In Krakau besuchten Mutter Lea und ihre vier Schwestern eine normale nicht-jüdische Schule, in der in ihrer Muttersprache Polnisch unterrichtet wurde.

Ab
Avraham
Lou, Jo und Ab Reiner, Amsterdam, 1931
© Privatbesitz der Familie Rinat

Bei Vater und Mutter war es Liebe auf den ersten Blick. Etwa vier Jahre, nachdem Vater nach Amsterdam emigriert war und Arbeit gefunden hatte, folgte ihm Mutter, und die beiden heirateten.

Ab
Avraham

Wo lebte die Familie Reiner im Amsterdam?

Ab lebte mit seinen Eltern in einer kleinen Wohnung an der Lutmastraat 15 in Amsterdam. 1932 wurde sein Bruder Marco geboren, und die Familie zog in eine größere Wohnung in der Zuider Amstellaan 37. In den Jahren 1940 bis 1943 lebten sie am Daniël Willinkplein 13 III.

Stadtplan von Amsterdam, 1940.
Stadsarchief Amsterdam / Cito Plans et Guides H. v. Diehlen, Nr. KOKA00617000001, gemeinfrei
Zuider Amstellaan (später Rooseveltlaan), Amsterdam, 1930.
Stadsarchief Amsterdam / Maatschappij Rembrandt, Nr. PRKBB00136000002, gemeinfrei

In meiner Erinnerung bin ich durch die neue Wohnung wie durch ein Labyrinth gewandert und habe ihre Zimmer und geheimen Winkel erkundet.

Ab
Avraham

Wer lebte noch bei der Familie Reiner?

1930 zog Leas Schwester Eva Kimel mit ihrem Sohn Sol bei der Familie Reiner ein. Sol wurde 1928 in Berlin geboren, doch seine Eltern trennten sich Anfang 1930. Tante Eva und Cousin Sol wurden Teil der Familie.

Sol und Eva Kimel, 1934
© Privatbesitz der Familie Rinat

Wo gingen die Kinder zur Schule?

Ab, Sol und Marco besuchten eine Grundschule in der Nachbarschaft. Sie lernten auch Hebräisch und hatten Unterricht in jüdischer Religion und Kultur.

Ab und Sol im Klassenzimmer, vor 1941. Beide sitzen in der ersten Reihe, Ab links, Sol rechts
© Sammlung Anne Frank Haus / Fotograf: J. M. Bakels

Wir besuchten eine Grundschule, die nach der Montessori-Methode unterrichtete.

Ab
Avraham

Kannte Ab seine Großeltern?

Bei Abs Geburt waren die Eltern seiner Mutter und die Mutter seines Vaters bereits verstorben. Ab lernte seinen Großvater Ephraim Reiner 1938 kennen, als er aus Krakau zu Besuch in Amsterdam war.

Ephraim Reiner 1938 am Strand in Scheveningen mit Ab (links), Marco (rechts) und Sol (sitzend)
© Privatbesitz der Familie Rinat

Wir waren ganz überrascht, dass unser Großvater gar kein Hebräisch sprach.

Ab
Avraham

Womit verdienten die Eltern ihren Lebensunterhalt?

Jo Reiner arbeitete zunächst als Vertreter für ein Unternehmen, das mit Häuten und Fellen handelte. Später gründete er sein eigenes Unternehmen namens Rynco. Tante Eva Kimel arbeitete auch, sie nähte und entwarf Kleidungsstücke.

Werkshalle in der Rynco-Fabrik, 1937/1938
© Privatbesitz der Familie Rinat

Vater gründete 1935 eine Fabrik namens Rynco, in der Pantoffeln und Sommerschuhe produziert wurden.

Ab
Avraham