Ausgrenzung
Am 10. Mai 1940 griff das nationalsozialistische Deutschland die Niederlande an. Fünf Tage später kapitulierten die niederländischen Streitkräfte. Die Königin und die Regierung waren nach England geflohen. Die Familien Tal, Levenbach und Reiner hatten dazu keine Gelegenheit. Sie mussten fortan unter deutscher Besatzung leben.
Wie erlebten die Kinder den Angriff der Deutschen?
Die Kinder erlebten den Ausbruch des Krieges als radikale Veränderung. Sie erkannten, dass der Einmarsch der Deutschen für ihre Familien besonders bedrohlich war.
Der niederländische Luftschutzdienst bestand aus Zivilist*innen, die Vorsichts- und Schutzmaßnahmen für den Fall von Luftangriffen trafen. Mitglieder des Luftschutzdienstes trugen ein Armbinde mit der Aufschrift „luchtbeschermingsdienst“.
Der Luftschutzdienst sicherte die Fensterscheiben von Geschäften mit Klebeband, um die Gefahr herumfliegender Glasscherben zu begrenzen. Auf dem Foto sieht man das Schaufenster einer jüdischen Fleischerei.
Die Sirenen heulten und Vater trat dem Zivilschutz ‚luchtbeschermingsdienst‘ bei.
Unsere Familie versuchte, nach England zu fliehen. Weiter
Am 14. Mai fuhren wir mit dem Auto zum Hafen, doch wir blieben in einem riesigen Verkehrsstau stecken, weil einige Tausend andere Menschen dieselbe Idee hatten. Wir kamen nicht weiter und mussten nach Hause zurückfahren. Die Falle war zugeschnappt, und wir waren darin gefangen.
© NIOD, Beeldbank WO2, No. 64800
Ich erinnere mich an den Einzug der Deutschen in Amsterdam. Weiter
Ich war auf der Straße mit Mutter. Wir standen vor einem Gebäude, das damals als sehr hoch galt und der „Wolkenkratzer“ genannt wurde. Sie hielt meine Hand. Die Deutschen kamen auf Motorrädern in die Stadt. Als sie an uns vorbeifuhren, sagte Mutter auf Jiddisch, „Brennen sollen sie“.
Es ist einfach nur empörend, wie schnell und problemlos die Niederländer kapitulierten. Und auch die Flucht von Königin Wilhelmina nach England ist eine Schande.
Selbst diejenigen, die keine Anhänger*innen der Königsfamilie waren, fühlten sich von der „Mutter der Nation“ verraten, die uns im Stich ließ. Die Königin verließ zusammen mit Ministern ihrer Regierung das Land und gab den Nationalsozialisten die Möglichkeit, die Niederlande neben einer Militärverwaltung auch einer Zivilverwaltung zu unterstellen.
Wann begannen die deutschen Besatzer mit der Ausgrenzung der Jüdinnen und Juden?
Am 1. Juli 1940 mussten Jüdinnen und Juden den zivilen Luftschutzdienst verlassen. Das Verbot galt auch für alle, die wegen ihrer Nationalität oder politischen Ansichten als deutschfeindlich galten.
Die deutschen Erlasse wurden offiziell im „Verordnungsblatt für die besetzten niederländischen Gebiete“ veröffentlicht. Die Blätter für die einzelnen Jahre der Besatzung wurden in einem Verordnungsbuch erfasst.
© Koninklijke Bibliotheek / Delpher
Transkription
(links Deutsch, rechts Niederländisch)
In den Niederlanden gingen die Nationalsozialisten in mehreren, aufeinander aufbauenden Phasen gegen Jüdinnen und Juden vor. Zuerst wurde Vater aus dem zivilen Luftschutzdienst entlassen.
Eine der ersten Beschränkungen, die uns auferlegt wurden, war das Verbot, koscher zu schlachten. Doch Vater kümmerte sich um uns und kaufte aus Belgien importiertes koscheres Hühnchen.
Warum wurden am 22. Februar 1941 in Amsterdam Hunderte von Jüdinnen und Juden verhaftet?
Die niederländische Nationaal Socialistische Beweging (NSB) hatte die Konfrontation mit politischen Gegner*innen und Jüdinnen und Juden gesucht. Die deutschen Besatzer reagierten auf die gewaltsamen Unruhen mit einer sogenannten Strafaktion.
© NIOD, Beeldbank WO2, No. 97187
© NIOD, Beeldbank WO2, No. 97193
© NIOD, Beeldbank WO2, No. 97188
Am 22. Februar 1941 nahm die deutsche Polizei im Jüdischen Viertel von Amsterdam willkürlich jüdische Männer fest. Diese sogenannte Strafaktion hatte Reichsführer SS Heinrich Himmler angeordnet. Es war die erste Razzia gegen Jüdinnen und Juden in den Niederlanden.
Die Festgenommenen wurden auf dem Jonas Daniël Meijerplein zusammengetrieben. Dort wurden sie gedemütigt und schikaniert. Mehr als 425 jüdische Männer wurden mit Lastwagen abtransporiert. Sie wurden in das Internierungslager Schoorl in Nordholland gebracht.
Von der Razzia sind 21 Fotografien überliefert, die ein unbekannter Deutscher aufgenommen hat, vermutlich ein Polizist. Abzüge der Fotos wurden dem an Himmler adressierten Einsatzbericht beigelegt.
In der Van Woustraat gab es einen Eisladen, der zwei Juden gehörte. Weiter
Sie wurden von den Deutschen und der NSB schikaniert und angegriffen. Die Randalierer ließen ihnen keine Ruhe. Um sich zu schützen, versprühten die Eigentümer Ammoniakgas am Eingang ihres Ladens. Die Deutschen reagierten mit „Aktionen“, bei denen sie Hunderte jüdischer Männer festnahmen.
Wie reagierte die Amsterdamer Bevölkerung auf die Razzia?
Die brutale Razzia stieß auf öffentliches Entsetzen. Es kam zu Protesten gegen die deutschen Besatzer und die NSB. In Flugblättern wurde zum Generalstreik und zur Unterstützung der verfolgten Jüdinnen und Juden aufgerufen.
© NIOD, Beeldbank WO2, No. 85769
© NIOD, Beeldbank WO2, No. 85767
Transkription
PROTEST GEGEN DIE SCHÄNDLICHE VERFOLGUNG DER JÜDINNEN UND JUDEN!!!
© NIOD, Beeldbank WO2, No. 85768
Transkription
STREIK!!! STREIK!!! STREIK!!!
Ich erinnere mich an den Beginn des Streiks. Damals versuchten Zivilist*innen, etwas gegen die Verfolgung der Jüdinnen und Juden durch die Deutschen zu unternehmen. Weiter
Aus Protest gegen das Vorgehen der Nationalsozialisten legten die Straßenbahnfahrer ihre Arbeit nieder, und die wenigen Straßenbahnen, die noch fuhren, wurden von Amsterdamer Bürger*innen gestoppt.
Am Dienstag, 25. Februar 1941, breitete sich der Streik innerhalb weniger Stunden über die gesamte Stadt aus. Alle Geschäfte schlossen, und die Proteste griffen auch auf andere Städte über. Daraufhin schossen deutsche Soldaten rücksichtslos und in mörderischer Absicht auf Zivilist*innen. Es gab neun Tote und viele Verletzte. Den Menschen wurde klar, dass jede Form des Widerstands für sie lebensgefährlich sein könnte. Nach dem Februarstreik gab es keine weitere Gegenwehr aus der Bevölkerung.
Wikimedia Commons, photo: S. Sepp, CC BY-SA 3.0
Das Denkmal „De Dokwerker“ (der Hafenarbeiter) steht auf dem Jonas Daniël Meijerplein im alten Jüdischen Viertel von Amsterdam. Die Statue erinnert an die Beteiligung der Amsterdamer Arbeiterschaft am Februarstreik 1941. Seit ihrer Einweihung 1952 findet hier alljährlich am 25. Februar eine Gedenkfeier statt.
Der Streik wurde zwar niedergeschlagen, doch er gab uns moralische Unterstützung. In der kollektiven Erinnerung ist der Februarstreik zum Symbol der Loyalität gegenüber Jüdinnen und Juden geworden.
Was machten die Deutschen mit den festgenommenen Juden?
Die meisten der am 22. Februar 1941 festgenommenen Juden wurden in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert und von dort in das Konzentrationslager Mauthausen gebracht. Keiner von ihnen überlebte. Im Juni 1941 gab es eine weitere Razzia in Amsterdam.
Marco Obstfeld
1922-1941
Am 11. Juni 1941 nahmen die Deutschen Marco Obstfeld mit. Sie brachten ihn nach Mauthausen. Er war nur 19 Jahre alt, als er am 13. September 1941 starb. Weiter
Marco war der älteste Sohn von Onkel Moishe und Tante Renée, Vaters Schwester. Einige Wochen nach Marcos Verschwinden erhielten seine Eltern die Nachricht, er sei bei der Arbeit gestorben. Sie durften seine Asche für 30 Gulden kaufen. Ich weiß nicht, ob sie es taten oder ob sie nach jüdischer Tradition die Trauerzeit von sieben Tagen einhielten. Sie sprachen nicht mit uns über das, was geschehen war. Die Stimmung in der Familie war sehr angespannt. Tante Renée war aufgewühlt, Moishe beherrscht und zeigte seine Gefühle nicht.
Wie identifizierten die deutschen Besatzer die Jüdinnen und Juden in den Niederlanden?
Die Nationalsozialisten legten per Verordnung fest, wer als jüdisch gelten sollte. Dafür diente die Religion der Großeltern als Kriterium. Alle Jüdinnen und Juden mussten sich unter Androhung von Strafe registrieren lassen. Nur sehr wenige waren bereit, dieses Risiko einzugehen.
© Collection Jewish Museum, Amsterdam. Donated by the Dutch Red Cross
Transkription
[Anschrift] A[mster]dam, Johannes Verhuls[t]str. 73 II
[Geburtsdatum und -ort] 18.4.30 A[mster]dam
[Staatsangehörigkeit] Niederländisch
[Beruf] ohne
[Personenstand] unverheiratet
[zusätzliche Hinweise] mit Tal, Alexander
Im Herbst 1941 musste der Judenrat Karteikarten für alle Jüdinnen und Juden in Amsterdam anlegen. Die Anordnung kam von der „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“ der deutschen Sicherheitspolizei in Amsterdam.
Später erstellte die „Zentralstelle“ anhand dieser Karteikarten die Transportlisten für die Deportation der Jüdinnen und Juden.
Auf jeder Karteikarte standen Name und Vorname, Anschrift, Geburtsdatum und -ort, Staatsangehörigkeit, Beruf und Familienstand. Bei Kindern wurde der Name eines Elternteils eingetragen. Diese grundlegenden Informationen wurden später durch handschriftliche Anmerkungen oder Stempel ergänzt.
Seit dem 10. Januar 1942 verlangten die Deutschen die Registrierung aller 140.000 Jüdinnen und Juden, die zu dieser Zeit in den Niederlanden lebten. Darunter befanden sich auch etwa 40.000 Menschen, die aus dem nationalsozialistischen Deutschland geflohen waren. Weiter
Wie grenzten die Nationalsozialisten die Jüdinnen und Juden aus dem öffentlichen Leben aus?
Die deutschen Besatzer legten in Verordnungen fest, was für Jüdinnen und Juden verboten war. Diese Verordnungen gaben der Ausgrenzung den Schein von Rechtmäßigkeit. In der Öffentlichkeit machten Schilder auf diese Verbote aufmerksam.
© Collection Anne Frank Stichting, Amsterdam
Transkription
Der Generalstaatsanwalt in seiner Funktion als regionaler Polizeidirektor
Van Genechten
Die von den Nationalsozialisten eingeführten Verbote betrafen jeden Bereich des täglichen Lebens. Überall hingen Schilder mit der Aufschrift „Für Juden verboten“. Weiter
Uns war nicht erlaubt, ins Restaurant zu gehen, im Café zu sitzen, uns in öffentlichen Parks aufzuhalten, ins Kino zu gehen, Fußballspiele oder andere Sportveranstaltungen zu besuchen, auf dem Markt einzukaufen und vieles mehr… Plötzlich war alles verboten, nicht einmal auf einer Straßenbank durften wir sitzen oder angeln gehen.
Die Verordnungen zielten darauf ab, die Jüdinnen und Juden aus dem öffentlichen Leben zu entfernen, ihre Bewegungsfreiheit einzuschränken und sie zu isolieren.
© Nationaal Archief, No. 101680
Wie die drei Jungen auf dem Foto durften auch wir nicht mehr ins Schwimmbad. Weiter
Die Deutschen verboten Jüdinnen und Juden, mit dem Zug, dem Bus oder der Straßenbahn zu fahren. Unser Auto wurde beschlagnahmt, und Vater musste auch sein Fahrrad abgeben. Wir durften kein Telefon oder Radio haben (Fernseher gab es noch nicht). Zwischen 8 Uhr abends und 6 Uhr morgens war es uns nicht erlaubt, das Haus zu verlassen oder nicht-jüdische Menschen zu besuchen.
Diese und weitere Verordnungen erließen die Deutschen gegen uns. Sie vermitteln einen Eindruck davon, wie es sich anfühlte, gekennzeichnet und von der Welt um uns herum isoliert zu sein.
© Private property of the Tal family
Als wir im September 1941 in die dritte Klasse kamen, gab es dort viele neue Kinder. Weiter
Das waren Kinder, die nicht länger auf staatliche Schulen gehen durften und auf eine jüdische Schule wie unsere wechseln mussten.
Die Zahl der Kinder in unserer Klasse hatte sich verdoppelt. Unsere Lehrerin musste jetzt 56 Kinder im Alter von acht bis neun Jahren unterrichten… Wie sollte das gehen?
Als ich im September 1941 die fünfte Klasse abschloss, wurde jüdischen Kindern der Besuch staatlicher Schulen verboten. Weiter
Dies war die nächste Phase der Ausgrenzung von Jüdinnen und Juden aus der Gesellschaft. Nach fünf Jahren an der staatlichen Grundschule von Bentveld musste ich nun auf eine jüdische Schule in Haarlem wechseln. Joost und ich fuhren jeden Tag mit der Straßenbahn von Bentveld nach Haarlem. Er ging auf das Jüdische Gymnasium, ich in die sechste Klasse der Grundschule.
In meiner Klasse gab es Kinder aus verschiedenen Schulen in Haarlem, Zandvoort und anderen Orten in der Umgebung, die einander nicht kannten. Es herrschte großes Chaos, die Kinder kamen aus allen Gesellschaftsschichten, und es war sehr schwierig, normalen Unterricht zu machen.
Trotzdem habe ich mich zwischen diesen Kindern, die mein Schicksal teilten, „zu Hause“ gefühlt.
Warum mussten Tausende von Jüdinnen und Juden ihre Wohnorte verlassen und nach Amsterdam ziehen?
Die deutschen Besatzer wollten, dass Jüdinnen und Juden nur noch in Amsterdam und einigen wenigen anderen großen Städten lebten. Dort mussten sie in besonderen Gegenden wohnen. So war es einfacher, sie zu Hause oder bei Kontrollen festzunehmen.
© Stadsarchief Amsterdam, No. ANWX00486000518
Transkription
Die Konzentration der Jüdinnen und Juden in Amsterdam begann am 17. Januar 1942. Weiter
In den nächsten Monaten mussten Tausende von Jüdinnen und Juden aus vielen Städten und Dörfern der Niederlande nach Amsterdam umziehen.
Weil es im überfüllten alten Judenviertel nicht genügend Platz für alle Jüdinnen und Juden gab, die nicht aus der Stadt kamen, wurden einige von ihnen in zwei anderen Stadtvierteln untergebracht, wo schon viele Jüdinnen und Juden lebten. Einige von ihnen hatte man bereits in Lager deportiert, ihre Wohnungen standen leer.
© Privatbesitz der Familie Tal
Anfang 1942 wurden alle Jüdinnen und Juden aus Bentveld vertrieben und mussten nach Amsterdam umziehen. Ein Nationalsozialist zog in unser schönes Haus, das wir verlassen mussten. Weiter
Da wir in Amsterdam keine Bleibe hatten, zogen wir zum Bruder meines Vaters, Onkel George, und seiner Frau, Tante Martha, an der Pieter de Hoochstraat. Das war keine einfache Zeit. Zum Glück konnten wir nach einem Monat die leerstehende Wohnung von Tante Ri nutzen, der ersten Frau von Onkel Max, dem älteren Bruder meines Vaters. Dort lebten wir heimlich, denn offiziell waren wir unter der Adresse von Onkel George und Tante Martha registriert.
Doch meine Eltern fanden es zu gefährlich, im Versteck zu leben, also gingen wir zum Schlafen abends zurück zu unserem Onkel. Wir mussten ungefähr eine halbe Stunde laufen, um bis acht Uhr abends bei ihm zu sein, wenn die Sperrstunde für Jüdinnen und Juden begann. Zur Abkürzung überquerten wir den Amstel-Kanal auf einer kleinen Fähre. Es war das einzige Verkehrsmittel, das Jüdinnen und Juden noch benutzen durften.
© Privatbesitz der Familie Tal
Nach unserem Umzug nach Amsterdam wechselte ich dort auf eine jüdische Schule. Ich war noch in der sechsten Klasse. Weiter
Warum kennzeichneten die deutschen Besatzer die Jüdinnen und Juden?
Mit dem gelben Kennzeichen waren die Jüdinnen und Juden jederzeit und für alle erkennbar. Es grenzte sie aus der niederländischen Gesellschaft aus, als wären sie Fremde. Zugleich verschärften die NSB und die deutschen Besatzer ihre antisemitische Propaganda.
Wikimedia Commons, Museon Museum, Den Haag, CC BY-SA 3.0
Seit dem 3. Mai 1942 mussten alle Jüdinnen und Juden, die älter als sechs Jahre waren, einen gelben Davidstern mit dem Wort „JOOD“ (Jude auf Niederländisch) in der Mitte tragen. Er wurde an der linken Brustseite fest an die Kleidung angenäht, und um uns zu schikanieren, glichen die Buchstaben der hebräischen Schrift.
© Privatbesitz der Familie Tal
Auf der Fotografie sind die 52 Kinder aus der Klasse von Ruth und No’omi und ihre Lehrerin Henriette Van Pels mit dem gelben Aufnäher an der Herman Elte Schule zu sehen. No’omi (rechts) und Ruth stehen ganz rechts in der obersten Reihe.
Die Lehrerin wurde im Juni 1943 verhaftet, in das Vernichtungslager Sobibor deportiert und am 9. Juli 1943 ermordet.
Die Namensliste für die Klasse ging verloren, und das Schicksal aller anderen Kinder in dieser Klasse ist nicht bekannt.
Wenige Tage vor dem Tag, ab dem wir alle einen „gelben Stern“ tragen mussten, kam meine Mutter mit einem Stück Stoff nach Hause, auf das Davidsterne gedruckt waren. Weiter
Jeder Aufnäher musste entlang einer gestrichelten Linie ausgeschnitten werden.
Ruth und ich liebten Handarbeiten. Gemeinsam mit unserer Mutter und Großmutter saßen wir am Tisch und schnitten gründlich Stern für Stern entlang der markierten Linie aus. Mutter und Großmutter nähten sie auf alle unsere Kleidungsstücke.
Am nächsten Tag, dem 3. Mai 1942, verließen wir das Haus mit den auf unsere Kleidung genähten Sternen. Vater sagte, es gebe nichts, für das wir uns schämen müssten; wir hätten etwas, auf das wir stolz sein könnten! Er war nicht unbedingt ein Schmuckstück auf unseren schönen Sommerkleidern, doch an Schamgefühle erinnere ich mich nicht. Es hat uns vermutlich geholfen, dass wir zusammen waren und uns gemeinsam mit anderen „Sternenkindern“ auf den Weg zur Schule gemacht haben.
Wie gingen die deutschen Besatzer bei der Enteignung der jüdischen Unternehmer*innen vor?
Bereits im Herbst 1940 ordneten die deutschen Besatzer an, dass jüdische Eigentümer*innen ihre Unternehmen registrieren mussten. Ab dem Frühjahr 1941 wurden diese Unternehmen aufgelöst oder unter die Aufsicht eines Verwalters gestellt und enteignet.
© Privatbesitz der Familie Rinat
Vater musste das Unternehmen im September 1942 abgeben. Weiter
Er übertrug es an Herzog, einen deutschen Lederexperten, der über Nacht zum Fabrikleiter wurde.
Die Situation verschlechterte sich, und in den Sommerferien konnten wir die angespannte Stimmung spüren.
Eines Tages ging ich mit Vater zur Fabrik und beobachtete, wie er die Post öffnen wollte. Da legte der deutsche Verwalter energisch seine Hand auf den Stapel Briefe und sagte, „Herr Reiner, ab jetzt bin ich hier der Chef.“ Er sagte es auf Niederländisch, einer Sprache, die weniger förmlich und emotional klingt. Vater ließ mich den Schmerz nicht spüren, den er empfunden haben muss, als er die „Rynco“-Fabrik, die er mit großer Mühe aufgebaut hatte und die nach ihm benannt war, in fremde Hände geben musste. Sie gehörte ihm nicht mehr.
Was bedeutete die Enteignung für die betroffenen Jüdinnen und Juden?
Die enteigneten jüdischen Besitzer*innen verloren nicht nur ihre Unternehmen, sondern auch ihre Arbeit und ihr Einkommen. Das war gefährlich, weil Arbeitslosen seit März 1942 die Einweisung in ein Arbeitslager drohte.
© Privatbesitz der Familie Tal
Transkription
Der Unterzeichner erklärt, dass Herr
Alexander Tal, Joh[annes] Verhulststr[aat] 73
geboren am 24.10.1903 in Amsterdam
wohnhaft in Amsterdam, Mitarbeiter der Kommission der Seelsorger des Rabbinats der Niederländisch-Israelitischen Hauptsynagoge in Amsterdam ist
Stadtteil: Zuid (Süd)
Amsterdam, 15. Juni 1942
Vater hatte keine Arbeit mehr. Freunde und Bekannte besorgten ihm eine Position als offizieller Angestellter des Rabbinats. Weiter
Im September bekam er eine neue Stelle und arbeitete für den Judenrat.
Er unterrichtete Metallarbeiten an einer – natürlich jüdischen – Berufsschule, eine Arbeit, die viel besser zu ihm passte.
Was passierte mit dem privaten Besitz von Jüdinnen und Juden?
Alle Juden und Jüdinnen mussten ihre Wertgegenstände abgeben und ihre Guthaben an eine von den deutschen Besatzern beschlagnahmte Bank überweisen. Manchen gelang es, einen Teil ihres Besitzes mit Hilfe von Nachbar*innen oder Bekannten zu verstecken.
Aus dem Nachlass von Chanan Tal. Originalquelle unbekannt
Leo Hillen war unser Nachbar an der Johannes Verhulststraat. Er war ein gläubiger Katholik und einer der wichtigsten Unternehmer der Niederlande. Ihn und Vater verband eine tiefe Freundschaft. Weiter
Vater verbrachte ziemlich viel Zeit mit seinem Freund, meistens im Haus der Nachbarn, obwohl die Nationalsozialisten Jüdinnen und Juden Besuche bei nicht-jüdischen Menschen nicht erlaubten.
Als die Deutschen im Mai 1942 eine Verordnung erließen, die Jüdinnen und Juden dazu verpflichtete, ihre Wertsachen, wie Schmuck, Tafelsilber, Teppiche, Bilder etc. abzugeben, versteckte Leo Hillen unsere Sachen für uns in seinem Haus. Wir gaben ihm auch Bücher und Fotoalben.
Nach dem Krieg bekamen wir alles zurück. Deshalb haben wir noch die alten Fotos, die in diesem Projekt zu sehen sind.
Warum kam Marion Amster zur Familie Tal?
Fré Tal, die Mutter von Chanan, Ruth und No’omi, arbeitete für den Judenrat in der Abteilung zur Unterstützung nicht-niederländischer Juden. Dort erfuhr sie, dass dringend eine Unterkunft für ein jüdisches Mädchen gesucht wurde, das aus Deutschland in die Niederlande geflüchtet war. Dieses Mädchen war Marion Amster.
© Privatbesitz der Familie Klugerman
Marion Amster kam am 9. April 1928 in Deutschland in der Stadt Kassel zur Welt. Ihr Vater Martin war Großhändler für Margarine. Das Foto zeigt Martin Amster in seinem Lieferwagen, davor stehen Marion (Mitte), ihre Schwester Ruth (links) und ihre Mutter Hedwig (rechts).
Nach dem Novemberpogrom 1938 war Martin Amster bis Ende des Jahres im Konzentrationslager Buchenwald inhaftiert. Anfang 1939 schickten die Eltern ihre beiden Töchter in die Niederlande. Martin Amster durfte im August 1939 als Flüchtling nach England einreisen. Marions Mutter blieb in Kassel zurück und wurde im Konzentrationslager Stutthof ermordet.
© Privatbesitz der Familie Klugerman
Am Freitag, 14. August 1942, nahmen wir Marion Amster in unsere Familie auf. Weiter
Anfang 1939 erreichten Marion und ihre jüngere Schwester Ruth mit zwei separaten Kindertransporten die Niederlande. Nach ein paar Tagen in Quarantäne kamen sie in das Waisenhaus „Burgerweeshuis“, wo mehrere jüdische Kinder untergebracht waren.
Marions Schwester Ruth verließ die Niederlande am 14. Mai 1940 mit dem letzten Kindertransport von IJmuiden und verbrachte die Kriegszeit in Wales.
Ab dem Sommer 1939 lebte Marion in einer Pflegefamilie.
Drei Jahre später gingen ihre Pflegeeltern mit ihren Kindern in ein Versteck und ließen Marion zurück. Als sie aus der Schule zurückkehrte, war die Wohnung leer. Auf dem Küchentisch fand sie einen Schokoriegel und einen Zettel. Darauf stand, sie solle sich bei ihrem Vormund in der „Abteilung zur Unterstützung nicht-niederländischer Juden“ beim Judenrat melden. Ihr Vormund war alleinstehend und konnte in ihrem gemieteten Zimmer am Sabbat kein 14-jähriges Mädchen unterbringen. Sie rief meine Mutter an und fragte, ob sie sich am Wochenende um Marion kümmern könnte.
© Privatbesitz der Familie Tal
Ruth und ich warteten auf dem Balkon vor dem Haus auf Marion. Wir kannten sie aus der Schule, und wir wussten, dass sie schönes kastanienbraunes Haar hatte und eine sehr gute Turnerin war! Weiter
Ganz aufgeregt schauten wir nach unten auf die Straße.
Da ist sie! Sie läuft die Straße entlang, an der Seite einer Person vom Judenrat.
Eine Stunde früher hatte man ihr beim Judenrat gesagt, sie könne das Wochenende mit unserer Familie verbringen. Sie hatte keine Ahnung, in was für eine Familie man sie brachte! Wie unheimlich!
Doch natürlich hat sie die Einladung angenommen, weil es für sie die Rettung bedeutete. Denn wohin sonst hätte sie gehen sollen, nachdem ihre Pflegefamilie, die Familie Cohen, verschwunden war?
Am Samstagabend fragten uns unsere Eltern, ob wir damit einverstanden wären, dass Marion bei uns wohnte. Ohne zu zögern stimmten wir zu. Gemeinsam mit uns durchlebte Marion den Krieg.