Westerbork
Nach ihrer Festnahme wurden die meisten Jüdinnen und Juden in das „Polizeiliche Judendurchgangslager“ Westerbork gebracht. Von dort fuhren die Deportationszüge in die Vernichtungslager Auschwitz und Sobibor, aber auch in das Konzentrationslager Bergen-Belsen und in das Ghetto Theresienstadt. Weil die Familien Tal und Levenbach Papiere für eine Einreise nach Palästina hatten, wurden sie nach Bergen-Belsen gebracht. Die Familie Reiner kam erst später nach Westerbork, als schon keine Deportationen mehr stattfanden.
Was erlebte die Familie Levenbach bei ihrer Ankunft in Westerbork?
Annelie, ihr Bruder Joost und ihre Eltern, Liesje und Dolf Levenbach, trafen einen Freund, der nicht als Häftling, sondern als Mitarbeiter des Judenrates in Westerbork war. Er kannte sich im Lager aus und sorgte dafür, dass die Familie Levenbach nicht sofort deportiert wurde.
© NIOD, Beeldbank WO2, Nr. 161916
Die Hauptstraße des Lagers, der sogenannte „Boulevard des Misères“ (Boulevard des Elends), bildete den Mittelpunkt des Durchgangslagers. Ab Ende 1942 führte eine Gleisverbindung direkt ins Lager, sodass auf der Lagerstraße auch die Transportzüge mit Gefangenen ankamen und abfuhren. Zuvor hatten die Züge am fünf Kilometer entfernten Bahnhof Hooghalen gehalten, sodass die Gefangenen mit schwerem Gepäck den Rest des Wegs zu Fuß ins Lager laufen mussten.
Auf dem Bahnsteig in Westerbork trafen wir Curth Blüth, einen Geschäftspartner meines Vaters und einen guten Freund meiner Eltern. Weiter
Als er sah, dass die Personalausweise meines Vaters und Onkels mit dem Buchstaben „S“ für „Strafe“ gekennzeichnet waren, zerriss er sie sofort in kleine Stücke und steckte sie in seine Tasche. Das hat uns gerettet. Wer ein „S“ auf dem Personalausweis hatte, wurde mit dem nächsten Zug ins Vernichtungslager geschickt. Der Stempel war auf den Ausweisen meines Vaters und Onkels gelandet, weil ihn der Nationalsozialist, der das Unternehmen anstelle meines Onkels jetzt leitete, loswerden wollte.
© United States Holocaust Memorial Museum, Washington, D.C., Nr. 08049. Mit freundlicher Genehmigung von Toni Heller
Transkription
Vom 15. Juli 1942 bis zum 19. September 1944 wurden mehr als 100.000 Jüdinnen und Juden vom „Lager Westerbork“ in Konzentrationslager in Deutschland, Polen und der Tschechoslowakei deportiert.
1 Küche
2 Kesselhaus
3 Registrierung
4 Verwaltung
5 SS-Kommandantur
6 Badehaus
7 Gefängnis
8 Strafbaracken
9 Werkstätten (Industriegelände)
10 Krematorium
[ohne Nummerierung:]
Naar Assen – Nach Assen
Ziekenhuis-Terrein – Krankenhausgelände
Smalspoor – Oranje Kanaal – Schmalspurbahn – Oranje-Kanal
Naar Westerbork – Nach Westerbork
Bevor das Lager Westerbork am 1. Juli 1942 zum „Polizeilichen Judendurchgangslager“ der deutschen Besatzer wurde, hatte es bereits seit November 1939 als zentrales Flüchtlingslager der Niederlande gedient.
Nach den Novemberpogromen 1938 waren viele Jüdinnen und Juden aus Deutschland in die Niederlande geflüchtet. Daraufhin beschloss die niederländische Regierung, die neu eingetroffenen Flüchtlinge in einem zentralen Lager unterzubringen, und errichtete dieses Lager nördlich des Dorfes Westerbork in der Provinz Drenthe im Nordosten des Landes.
Im Fall eines deutschen Angriffs auf die Niederlande sollten die Jüdinnen und Juden aus Westerbork zwar evakuiert und nach Großbritannien gebracht werden, doch der Plan scheiterte.
Nach der Kapitulation am 15. Mai 1940 beschlossen die niederländischen Behörden, sämtliche jüdischen Flüchtlinge in Westerbork unterzubringen. Der neue Lagerkommandant führte eine straffere Organisation, strengere Disziplin und schärfere Bewachung ein. Diese Strukturen führten die deutschen Besatzer fort, als sie das Lager am 1. Juli 1942 übernahmen.
Dieser Plan des Lagers wurde wahrscheinlich nach der Befreiung am 12. April 1945 angefertigt; darauf deuten die Angaben zur Zahl der Deportierten und zur Zielrichtung der Transporte hin.
Wir gingen zunächst zur Registrierung, dann zur Verwaltung und anschließend zur Quarantänestation zum Entlausen. Natürlich hatten wir keine Läuse.
Wie waren die Lebensbedingungen im Durchgangslager Westerbork?
Die Wohnbaracken waren überfüllt und die hygienischen Bedingungen schlecht, doch die Gefangenen litten nicht unter Hunger oder direkter körperlicher Gewalt. Wer nicht sofort deportiert werden sollte, musste arbeiten. Für Kinder gab es Schulunterricht.
© NIOD, Beeldbank WO2, Nr. 66314
Westerbork war wie ein Dorf mit vielen großen Baracken. Das Lager war von Stacheldraht und Wachtürmen umgeben. Überall waren niederländische Polizisten. Das machte uns natürlich Angst.
© NIOD, Beeldbank WO2, Nr. 66383
Im Lager Westerbork lebten wir zusammen mit mehreren Hundert Menschen in großen Baracken, die Männer auf der einen und die Frauen auf der anderen Seite. Weiter
Ich war damals 13 und lebte mit meinem Vater zusammen. Die Etagenbetten waren dreistöckig. Das Essen war annehmbar, aber natürlich nicht wie zu Hause. Vater musste in einer Werkstatt alte Batterien für die deutsche Kriegswirtschaft aufarbeiten. Dafür saß er von früh bis spät zusammen mit vielen anderen in einer Werkstatt an einem Tisch und zerlegte Altbatterien, damit ihre Bestandteile erneut verwendet werden konnten. Am Ende des Tages kam er müde und mit schmutzigen Händen zurück, die ganz schwarz waren von den Stoffen, die er angefasst hatte. Aus einer Wunde an seinem rechten Daumen, die er sich bei der harten Arbeit zugezogen hatte, entwickelte sich eine schwere Entzündung am Nagelbett, die später auf den Knochen übergriff.
Mutter arbeitete halbtags als Haushälterin und Pflegerin und blieb bei meinen Schwestern.
© Sammlung Jüdisches Museum, Amsterdam, Nr. F001656
Es gab eine Art „Schule“, und wir spielten. Wir liefen im Freien herum, wenn es nicht zu kalt oder regnerisch war. Weiter
Einmal besuchten wir ein Kinderheim. Dort hatte jemand Bilder an die Wand gemalt. Es sah sehr niedlich aus. Wir nahmen auch am „Kunst“-Unterricht teil: Wir durften Holzspielzeuge bemalen – ich weiß nicht, für wen diese Spielzeuge waren. Ich erinnere mich an einen kleinen weißen Hund, den ich mit schwarzen Fellflecken versah, indem ich den Pinsel senkrecht auf das Holz drückte. Das habe ich dort gelernt, und mir gefiel die Methode sehr gut.
Wir Jungen wurden als Boten eingesetzt, weil es keine Telefonverbindungen zwischen den verschiedenen Büros und Einrichtungen im Lager gab.
Welche Gegensätze prägten das Leben im Durchgangslager?
Einerseits wussten die Gefangenen, dass Westerbork ein Durchgangslager war und dass sie von der Deportation bedroht waren. Andererseits gab es eine Art Alltag im Lager, zu dem neben Arbeit und Schulunterricht auch Sport- und Kulturveranstaltungen gehörten.
© NIOD, Beeldbank WO2, Nr. 66087
Westerbork war kein Konzentrationslager. Es war ein grauenvolles Durchgangslager. Weiter
Wer konnte, ließ seine Kontakte spielen, um nicht mit dem nächsten Transport nach Polen zu kommen – natürlich auf Kosten einer anderen Person. Die Situation im Lager war surreal.
Einerseits gab es dort ein Krankenhaus, eine Klinik und eine Schule, an der stundenweise unterrichtet wurde.
Andererseits, und das ist meine schlimmste Erinnerung, kam jeden Montagabend ein Zug mit Viehwaggons langsam und unerbittlich ins Lager gerollt. Ich kann mich noch an das stille Grauen erinnern, das in diesem Moment um sich griff. Am nächsten Tag machte sich der Zug mit 1.000 weiteren Opfern auf den Weg.
© Sammlung Jüdisches Museum, Amsterdam, Nr. F301987
Im Lager gab es ein hervorragendes Orchester und Kabarett. Weiter
Offenbar kamen sehr talentierte Menschen nach Westerbork. Ein deutsches Lied aus dem Kabarett habe ich nicht vergessen: „Immer langsam, immer langsam, immer mit Gemütlichkeit, wir haben alle Zeit, es ist noch nicht so weit“. Noch heute wird der Zusammenhang zur bitteren Realität deutlich. Unser Alltag in Westerbork war surreal und von unfassbaren Gegensätzen bestimmt. Wir führten ein relativ normales Leben, bis am Montagabend die fürchterlichen Viehwaggons langsam in das Lager rollten.
Noch am selben Abend wurden ungefähr 1.000 Namen von Betroffenen verlesen, die am nächsten Morgen mit dem Zug nach Auschwitz oder Sobibor gebracht wurden. Darunter waren auch Personen, die am Vorabend noch im Orchester gespielt hatten oder im Kabarett aufgetreten waren oder Kinder, die im Chor gesungen hatten.
© NIOD, Beeldbank WO2, Nr. 66110
Der Gestapobeamte Albert Konrad Gemmeker war ab dem 12. Oktober 1942 Lagerkommandant des Polizeilichen Durchgangslagers Westerbork. Er organisierte die Abläufe im Lager so, dass alles, einschließlich der Deportationen, ohne Zwischenfälle und in der Regel ohne Misshandlungen vor sich ging. Während die aufgerufenen Jüdinnen und Juden, zum Teil auch Sinti und Roma, in die Deportationszüge steigen mussten, konnte Gemmeker sich meist auf die Überwachung der Vorgänge beschränken. Vor Gericht behauptete er später, er hätte nicht gewusst, dass den Deportierten die Ermordung in den Vernichtungslagern bevorstand. Das war zwar nicht besonders glaubhaft, trug aber dazu bei, dass er nur eine geringe Haftstrafe erhielt.
Dieses und zahlreiche weitere Fotos sowie Filmaufnahmen aus dem Lager hat Rudolf Werner Breslauer angefertigt. Breslauer, von Beruf Fotograf und Kameramann, war im Herbst 1938 aus Deutschland geflüchtet und ab Februar 1942 in Westerbork interniert. Er wurde im Herbst 1944 in das Ghetto Theresienstadt, dann in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert und dort ermordet.
Kurz nach unserer Ankunft in Westerbork wurden wir mitten in der Nacht aufgerufen. Weiter
Wir mussten uns auf den nächsten Transport vorbereiten, der das Lager am frühen Morgen verlassen sollte. Ein guter Freund meiner Eltern, Curt Blüth, hatte Einfluss auf die Lagerverwaltung und schaffte es, dass wir von der Liste gestrichen wurden; unsere Abreise war zunächst aufgeschoben!
Bis heute denke ich an die vier Unbekannten, die an unserer Stelle geschickt wurden. Denn genau so war es, „einer durfte leben, der andere musste sterben“.
Wie erfuhr die Familie Tal, dass sie Papiere für die Einwanderung nach Palästina erhalten hatte?
Das Internationale Komitee des Roten Kreuzes schickte dem Niederländischen Roten Kreuz eine Mitteilung: Die Liste für die Einwanderung nach Palästina, auf der die Familienmitglieder standen, war anerkannt worden und die Zertifikate lagen bereit.
© Privatbesitz der Familie Tal
Transkription
Genf (Schweiz)
Serv. Holl. FD/AB
Antragsteller
Name Netherlands Immigrants Committee
Ortschaft Jerusalem
Land Palästina
Mitteilung (nicht über 25 Worte, nur persönliche Familiennachrichten)
Mitteilung: bitte van tijn com[ité]vluch[telingen] amsterdam informieren offizielle regierungszahlen veteranenlisten august september übermittelt stop alle anerkannten veteranen zertifikate durch auswärtiges amt bei schutzmacht bern hinterlegt stop familie alexander tal m/438/43/c/228.
Datum 18.X.1943
Empf[ä]nger
Name Tal
Vorname Alexander
Strasse c/o Nederl. Roode Kruis, Nic Maesstr. 55, (ref. letter I.3940.)
Ortschaft Amsterdam
Provinz Noordholland
Land Niederlande
Am 18. Oktober, ungefähr zweieinhalb Wochen nach unserer Ankunft in Westerbork, kam eine Nachricht vom Roten Kreuz, dass alle unsere Zertifikate für Palästina anerkannt worden waren! Weiter
Erst als ich sah, wie erleichtert unsere Eltern waren, wurde mir klar, wie groß ihre Angst vor einem Transport in ein „Arbeitslager“ gewesen war.
Während der drei Monate, die wir in Westerbork verbrachten, ging die Anzahl der Transporte zurück: Im Oktober und November gab es nur zwei Transporte.
An das Grauen in der Nacht vor den Transporten erinnere ich mich kaum. In meinem Kopf vermischten sich beide Nächte zu einer Nacht voller Anspannung und Aufregung. Das Licht in der Baracke wurde nicht gelöscht. Diese Erinnerung verblasste in den nächsten zwei Monaten. In dieser Zeit gab es keine weiteren Transporte bis zu dem Tag, an dem wir an der Reihe waren.
Wie erlebte die Familie Tal die Deportation?
Die Familie Tal wurde am 11. Januar 1944 in das Konzentrationslager Bergen-Belsen deportiert. Sie wussten, dass es ein so genanntes Austauschlager war. Das gab ihnen Hoffnung.
© Privatbesitz der Familie Tal
Transkription
mit Frau Frederika geb. Vaz Dias
Kinder; Sjemolo [d. h. Chanan], Ruth, Naomi
Sie koennen damit rechnen, dass Sie am Dienstag den 11.1.[19]44 nach einem Austauschlager ueberstellt werden.
Verwaltung DB II
Pflegekind: Marion Amster [geboren am] 9.4.[19]28
Am 11. Januar 1944 wartete ein alter Pendelzug in Westerbork auf uns. Im Vergleich zu den Zügen mit Güterwaggons, die die Menschen in die Vernichtungslager brachten, machte das Hoffnung.
Kartenbeilage Nr. 3 zum Deutschen Kursbuch 1941 (IE 762 b), Stand 1935 (Auszug), Verkehrswissenschaftliche Lehrmittelgesellschaft mbH bei der Deutschen Reichsbahn; Lithographisches Institut
© Stadtgeschichtliches Museum Leipzig
Mit dem Transport vom 11. Januar 1944 wurden 1.037 Jüdinnen und Juden aus Westerbork in das Konzentrationslager Bergen-Belsen deportiert. Im Unterschied zu den Zügen mit Güterwaggons, die in die Vernichtungslager fuhren, waren die Züge nach Bergen-Belsen aus Personenwaggons zusammengesetzt. Die Fahrt im Januar 1944 dauerte sechs Stunden. Die Route führte von Westerbork nach Hooghalen, von dort weiter nach Norden bis Groningen, dann über Oldenburg und Bremen nach Osten und schließlich zum Haltepunkt Bergen.
Wann wurde die Familie Levenbach deportiert?
Die Familie Levenbach wurde am 15. März 1944 nach Bergen-Belsen deportiert. Annelie, ihr Bruder Joost und ihre Eltern waren 15 Monate lang in Westerbork interniert. In dieser Zeit erhielt die Familie Papiere zur Einreise nach Palästina.
Kartenbeilage Nr. 3 zum Deutschen Kursbuch 1941 (IE 762 b), Stand 1935 (Auszug), Verkehrswissenschaftliche Lehrmittelgesellschaft mbH bei der Deutschen Reichsbahn; Lithographisches Institut
© Stadtgeschichtliches Museum Leipzig
Mit dem Transport vom 15. März 1944 wurden 210 Jüdinnen und Juden in das Konzentrationslager Bergen-Belsen deportiert, darunter 14 Kranke und 44 Kinder. Der Zug fuhr von Westerbork über Hooghalen nach Süden, überquerte die Grenze zwischen den besetzten Niederlanden und Deutschland bei Bentheim und fuhr über Osnabrück, Hannover und Celle zum Haltepunkt Bergen.
Wie versuchte Annelies Mutter, ihren Freundinnen mitzuteilen, dass sie deportiert wurde?
Bevor der Zug die Grenze zwischen den Niederlanden und Deutschland passierte, warf Annelies Mutter eine Postkarte an eine Freundin in Amsterdam aus dem Fenster. Jemand muss die Postkarte gefunden und in einen Briefkasten gesteckt haben.
© Privatbesitz der Familie Tal
Transkription
Nach dem Krieg bekam ich diese Postkarte. Sie ist die einzige handschriftliche Erinnerung, die mir von meiner Mutter geblieben ist.
Wann wurde die Familie Reiner in Westerbork inhaftiert?
Die Familie Reiner kam nach Westerbork, nachdem niederländische Nationalsozialisten ihr Versteck entdeckt und den Vater, Jo Reiner, ermordet hatten. Bei der Ankunft im Lager, am 9. Februar 1945, wurden die übrigen Familienmitglieder getrennt.
© United States Holocaust Memorial Museum, Washington, D.C., Nr. 08049. Mit freundlicher Genehmigung von Toni Heller
Transkription
[grün markiert:]
8 Straf-Barakken – Strafbarracken
Waisenhaus
Ziekenhuis-Terrein – Krankenhausgelände
Nachdem der letzte Deportationstransport Westerbork am 13. September 1944 verlassen hatte, blieben einige Hundert Gefangene zurück. Es handelte sich vor allem um Jüdinnen und Juden, die aus verschiedenen Gründen zurückgehalten wurden. Hinzu kamen Untergetauchte, deren Verstecke verraten oder entdeckt worden waren. Sie wurden in einem abgetrennten Lagerbereich, den Strafbaracken, interniert. Für Kinder, Kranke und Verletzte gab es Ausnahmen.
Mutter und Sol wurden in den Strafbaracken interniert und musste Altbatterien zerlegen. Marco kam ins Waisenhaus, und ich war in den Krankenbaracken. Weiter
Ich erwachte in einem sauberen Bett. Es war schrecklich, die Augen aufzuschlagen und zu wissen, dass Vater nicht mehr bei uns war.
In meinem Bett in der Krankenbaracke versuchte ich mir vorzustellen, wie er sich hätte retten können, wenn er vielleicht zum Hof der Familie Moes oder nach Nieuwlande gelaufen wäre. Immer wieder erwachte ich mit dem Gedanken an die bittere und unbeugsame Realität seines Verlusts. Vater hatte sich geopfert, wofür ich ihn bewunderte. Doch mich überkam auch ein Gefühl der Schuld, die ich nie wiedergutmachen könnte. Die Tatsache, dass ich eine Schussverletzung am Bein hatte, machte mich symbolisch zu seinem Verbündeten, was mein Gewissen zumindest teilweise erleichterte.
© NIOD, Beeldbank WO2, Nr. 66243
Als wir in Westerbork ankamen, gab es keine Transporte in den Osten mehr. Weiter
Trotzdem lebten wir in der ständigen Angst, die Transporte könnten weitergehen. Wir wussten zwar, dass Tante Eva seit Mai 1943 nicht mehr dort war, doch wir wussten nicht, dass sie nicht mehr am Leben war... Wir erhielten Pakete vom Roten Kreuz. Ich hatte keinen Hunger und bat eine der Krankenschwestern, Mutter und Sol mein Paket zu geben. Ich hatte kein Verlangen nach Essen, sondern nach meiner Familie.
Der Lagerkommandant Gemmeker war im Lager nur mit strenger und furchteinflößender Miene zu sehen. Doch zu Pessach erlaubte er uns, Matze zu backen und bis 10 Uhr abends Seder zu feiern. Einige von uns wussten, wann Pessach war und kannten die Haggada auswendig. Ich aß von den Matze, sprach „Pessach-Matze-Maror“ und hatte meine Pessach-Pflichten erfüllt.
Wie lange waren die Familienmitglieder voneinander getrennt?
Ab sah seine Mutter, Lou, seinen Cousin Sol und seinen Bruder Marco erst nach der Befreiung des Lagers im April 1945 wieder. Wieder vereint hatten die überlebenden Familienmitglieder erstmals Gelegenheit, gemeinsam um ihren ermordeten Vater zu trauern.
© NIOD, Beeldbank WO2, Nr. 66445
Am 12. April 1945 befreiten kanadische Truppen mehr als 850 Jüdinnen und Juden, die im Durchgangslager Westerbork zurückgeblieben waren. Lagerkommandant Gemmeker und seine Mitarbeiter*innen hatten das Lager, das im Niemandsland zwischen den Fronten lag, am Tag zuvor verlassen.
Nach der Befreiung mussten die ehemaligen Häftlinge noch monatelang im Lager bleiben. Dies war eine Sicherheitsmaßnahme, weil die Kampfhandlungen andauerten. Außerdem wollten die kanadischen und niederländischen Behörden untersuchen, warum diese jüdischen Häftlinge nicht deportiert worden waren, und ausschließen, dass sie mit den deutschen Besatzern kollaboriert hatten. Die letzten Häftlinge durften das Lager Westerbork erst Anfang Juli 1945 verlassen.
Als der Krieg vorüber war und das Lager befreit wurde, empfand ich keine Freude. Weiter
Es war kein glücklicher Tag. Ich war fast 16, und ich wusste, dass ich meinen Vater verloren hatte. Er war es, der die Entscheidungen für uns alle getroffen, der sich um uns alle gekümmert hatte.
Ich wusste, dass von nun an nichts mehr so sein würde, wie es einmal war. Vater würde nicht mehr kommen, um meine Hand zu halten. Solange Vater bei uns war, konnte ich mit ihm diskutieren. Den Streit eines besserwisserischen Teenagers mit ihm führen. Als er nicht mehr da war, wurde mir klar, was für eine wichtige Rolle er in meinem Leben gespielt hatte. Was für ein guter und kluger Mensch und Beschützer er gewesen war.
Die kanadischen und polnischen Soldaten befreiten das Lager, doch nach der Befreiung wurde Vater nicht wieder zum Leben erweckt. Niemand wurde das. Mit der Befreiung trat das ganze Ausmaß unseres Unglücks nur noch deutlicher zutage.
Warum kam Jo van der Helm, bei der sich die Familie Reiner versteckt hatte, nach der Befreiung ins Lager Westerbork?
Jo van der Helm wusste, dass Jo Reiner ermordet worden war, und wollte herausfinden, was den anderen Familienmitgliedern widerfahren war. Sie kam nach Westerbork, um sie zu besuchen. Außerdem berichtete sie ihnen von Jan van der Helms Tod.
© Privatbesitz der Familie Rinat
Eines Morgens erschien Jo im Lager. Sie kam mit Informationen, die uns in der Geschichte unserer Verhaftung noch fehlten. Weiter
Die Nationalsozialisten, die das Versteck entdeckt hatten, gingen zu Jan, der auf dem Feld arbeitete, und fragten ihn: „Wen hast du in deinem Haus?“ Jan versuchte wegzulaufen. Einer der Nazis verfolgte ihn – jemand aus dem Dorf, den er kannte und mit dem er in der Vergangenheit zusammengearbeitet hatte – und erschoss ihn.
Jan bezahlte mit seinem Leben, und Jo blieb als Witwe zurück, weil sie uns unbedingt verstecken wollten. Weil sie ihre Angst nicht über ihr Engagement für ihre Mitmenschen stellten. Jo sorgte sich weiterhin um unser Wohlergehen. Sie hatte sich nicht verändert.
© Privatbesitz der Familie Rinat
Warum riskierten diese Menschen ihr Leben für uns, indem sie uns versteckten? Weiter
Ich denke, ihr Handeln beruhte auf einer tiefen inneren Überzeugung. Jahre später fragte ich Jo, warum sie so gehandelt hatte. „Es ist ganz einfach, man kann Menschen in Not nicht die Unterstützung verweigern“, lautete ihre Antwort. Der hohe Preis, den sie dafür gezahlt hatte, war für sie kein Grund, ihre Taten zu bereuen. Sie war ein starker, besonderer und inspirierender Mensch.
Vater und Jan van der Helm wurden in Hollandscheveld auf einem Gelände begraben, auf dem auch Piloten aus dem Westen bestattet wurden, deren Flugzeuge in der Nähe des Dorfes abgeschossen worden waren. Auf Jans Grabstein steht: „Hier ruhen bis zum Jüngsten Tag die Überreste unseres geliebten Ehemanns und Vaters Jan van der Helm“.
Am 15. Juli 1942 fuhr der erste Zug aus dem Polizeilichen Durchgangslager Westerbork in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz. Innerhalb der folgenden zwei Jahre wurden rund 100.000 Jüdinnen und Juden mit 93 Transporten aus Westerbork deportiert. Die Züge fuhren weit überwiegend nach Auschwitz, aber auch in das Vernichtungslager Sobibor, das Konzentrationslager Bergen-Belsen und das Ghetto Theresienstadt.
Insgesamt wurden 107.000 Jüdinnen und Juden aus den Niederlanden deportiert, von denen nur 5.000 die Befreiung erlebten. Hinzu kamen etwa 245 Sinti und Roma, von denen etwa 30 überlebten.
Die Deportationen wurden maßgeblich aus dem Reichssicherheitshauptamt in Berlin gesteuert: Das dortige „Judenreferat“ IV-B-4 bestimmte unter Leitung von Adolf Eichmann, wie viele Jüdinnen und Juden wann deportiert werden sollten. In den Niederlanden setzte das „Judenreferat“ der deutschen Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes in Den Haag die Anweisungen aus Berlin um. Es teilte dem Lagerkommandanten von Westerbork mit, welche Anzahl Jüdinnen und Juden an einem bestimmten Tag abtransportiert werden sollten. Der Lagerkommandant hatte die Aufgabe, die Personen auszuwählen, die deportiert werden sollten, gab diese aber meist an jüdische Mitarbeiter*innen der Lagerverwaltung weiter.