Westerbork

Kapitel 5
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Nach ihrer Festnahme wurden die meisten Jüdinnen und Juden in das „Polizeiliche Judendurchgangslager“ Westerbork gebracht. Von dort fuhren die Deportationszüge in die Vernichtungslager Auschwitz und Sobibor, aber auch in das Konzentrationslager Bergen-Belsen und in das Ghetto Theresienstadt. Weil die Familien Tal und Levenbach Papiere für eine Einreise nach Palästina hatten, wurden sie nach Bergen-Belsen gebracht. Die Familie Reiner kam erst später nach Westerbork, als schon keine Deportationen mehr stattfanden.

Was erlebte die Familie Levenbach bei ihrer Ankunft in Westerbork?

Annelie, ihr Bruder Joost und ihre Eltern, Liesje und Dolf Levenbach, trafen einen Freund, der nicht als Häftling, sondern als Mitarbeiter des Judenrates in Westerbork war. Er kannte sich im Lager aus und sorgte dafür, dass die Familie Levenbach nicht sofort deportiert wurde.

Durchgangslager Westerbork: Hauptstraße zwischen den großen Baracken mit Kesselhaus und Schornstein im Hintergrund, 1942
© NIOD, Beeldbank WO2, Nr. 161916

Die Hauptstraße des Lagers, der sogenannte „Boulevard des Misères“ (Boulevard des Elends), bildete den Mittelpunkt des Durchgangslagers. Ab Ende 1942 führte eine Gleisverbindung direkt ins Lager, sodass auf der Lagerstraße auch die Transportzüge mit Gefangenen ankamen und abfuhren. Zuvor hatten die Züge am fünf Kilometer entfernten Bahnhof Hooghalen gehalten, sodass die Gefangenen mit schwerem Gepäck den Rest des Wegs zu Fuß ins Lager laufen mussten.

Auf dem Bahnsteig in Westerbork trafen wir Curth Blüth, einen Geschäftspartner meines Vaters und einen guten Freund meiner Eltern.

Annelie
Annelie
Eine Karte des Durchgangslagers Westerbork
© United States Holocaust Memorial Museum, Washington, D.C., Nr. 08049. Mit freundlicher Genehmigung von Toni Heller

Transkription

SS-Konzentrationslager „Lager Westerbork“ Drenthe – Niederlande
Vom 15. Juli 1942 bis zum 19. September 1944 wurden mehr als 100.000 Jüdinnen und Juden vom „Lager Westerbork“ in Konzentrationslager in Deutschland, Polen und der Tschechoslowakei deportiert.
1 Küche
2 Kesselhaus
3 Registrierung
4 Verwaltung
5 SS-Kommandantur
6 Badehaus
7 Gefängnis
8 Strafbaracken
9 Werkstätten (Industriegelände)
10 Krematorium
[ohne Nummerierung:]
Naar Assen – Nach Assen
Ziekenhuis-Terrein – Krankenhausgelände
Smalspoor – Oranje Kanaal – Schmalspurbahn – Oranje-Kanal
Naar Westerbork – Nach Westerbork

Bevor das Lager Westerbork am 1. Juli 1942 zum „Polizeilichen Judendurchgangslager“ der deutschen Besatzer wurde, hatte es bereits seit November 1939 als zentrales Flüchtlingslager der Niederlande gedient.

Nach den Novemberpogromen 1938 waren viele Jüdinnen und Juden aus Deutschland in die Niederlande geflüchtet. Daraufhin beschloss die niederländische Regierung, die neu eingetroffenen Flüchtlinge in einem zentralen Lager unterzubringen, und errichtete dieses Lager nördlich des Dorfes Westerbork in der Provinz Drenthe im Nordosten des Landes.

Im Fall eines deutschen Angriffs auf die Niederlande sollten die Jüdinnen und Juden aus Westerbork zwar evakuiert und nach Großbritannien gebracht werden, doch der Plan scheiterte.
Nach der Kapitulation am 15. Mai 1940 beschlossen die niederländischen Behörden, sämtliche jüdischen Flüchtlinge in Westerbork unterzubringen. Der neue Lagerkommandant führte eine straffere Organisation, strengere Disziplin und schärfere Bewachung ein. Diese Strukturen führten die deutschen Besatzer fort, als sie das Lager am 1. Juli 1942 übernahmen.

Dieser Plan des Lagers wurde wahrscheinlich nach der Befreiung am 12. April 1945 angefertigt; darauf deuten die Angaben zur Zahl der Deportierten und zur Zielrichtung der Transporte hin.

Wir gingen zunächst zur Registrierung, dann zur Verwaltung und anschließend zur Quarantänestation zum Entlausen. Natürlich hatten wir keine Läuse.

Annelie
Annelie

Wie waren die Lebensbedingungen im Durchgangslager Westerbork?

Die Wohnbaracken waren überfüllt und die hygienischen Bedingungen schlecht, doch die Gefangenen litten nicht unter Hunger oder direkter körperlicher Gewalt. Wer nicht sofort deportiert werden sollte, musste arbeiten. Für Kinder gab es Schulunterricht.

Westerbork, bei den großen Baracken, Foto: wahrscheinlich von Rudolf Werner Breslauer, 1942-1944
© NIOD, Beeldbank WO2, Nr. 66314

Westerbork war wie ein Dorf mit vielen großen Baracken. Das Lager war von Stacheldraht und Wachtürmen umgeben. Überall waren niederländische Polizisten. Das machte uns natürlich Angst.

Annelie
Annelie
Lager Westerbork. Innenaufnahme einer neu errichten und noch unbewohnten großen Baracke. Reproduktion einer Fotografie von Rudolf Werner Breslauer, 1942-1944
© NIOD, Beeldbank WO2, Nr. 66383

Im Lager Westerbork lebten wir zusammen mit mehreren Hundert Menschen in großen Baracken, die Männer auf der einen und die Frauen auf der anderen Seite.

Chanan
Chanan
Kinder bemalen Holzfiguren im Werkunterricht, Westerbork, 1943, Foto: Rudolf Werner Breslauer
© Sammlung Jüdisches Museum, Amsterdam, Nr. F001656

Es gab eine Art „Schule“, und wir spielten. Wir liefen im Freien herum, wenn es nicht zu kalt oder regnerisch war.

Noomi
No'omi

Wir Jungen wurden als Boten eingesetzt, weil es keine Telefonverbindungen zwischen den verschiedenen Büros und Einrichtungen im Lager gab.

Chanan
Chanan

Welche Gegensätze prägten das Leben im Durchgangslager?

Einerseits wussten die Gefangenen, dass Westerbork ein Durchgangslager war und dass sie von der Deportation bedroht waren. Andererseits gab es eine Art Alltag im Lager, zu dem neben Arbeit und Schulunterricht auch Sport- und Kulturveranstaltungen gehörten.

Vorbereitung eines Deportationstransports, Westerbork, 1943/1944
© NIOD, Beeldbank WO2, Nr. 66087

Westerbork war kein Konzentrationslager. Es war ein grauenvolles Durchgangslager.

Annelie
Annelie
Aufführung des Revuetheaters von „Auf der Heide Allein“ im Lager Westerbork, ca. 1944
© Sammlung Jüdisches Museum, Amsterdam, Nr. F301987

Im Lager gab es ein hervorragendes Orchester und Kabarett.

Annelie
Annelie
SS-Offiziere überwachen die Abfahrt eines Deportationszugs. Gemmeker ist der Dritte von links, sein Hund ganz links, Foto Rudolf Werner Breslauer
© NIOD, Beeldbank WO2, Nr. 66110

Der Gestapobeamte Albert Konrad Gemmeker war ab dem 12. Oktober 1942 Lagerkommandant des Polizeilichen Durchgangslagers Westerbork. Er organisierte die Abläufe im Lager so, dass alles, einschließlich der Deportationen, ohne Zwischenfälle und in der Regel ohne Misshandlungen vor sich ging. Während die aufgerufenen Jüdinnen und Juden, zum Teil auch Sinti und Roma, in die Deportationszüge steigen mussten, konnte Gemmeker sich meist auf die Überwachung der Vorgänge beschränken. Vor Gericht behauptete er später, er hätte nicht gewusst, dass den Deportierten die Ermordung in den Vernichtungslagern bevorstand. Das war zwar nicht besonders glaubhaft, trug aber dazu bei, dass er nur eine geringe Haftstrafe erhielt. 
Dieses und zahlreiche weitere Fotos sowie Filmaufnahmen aus dem Lager hat Rudolf Werner Breslauer angefertigt. Breslauer, von Beruf Fotograf und Kameramann, war im Herbst 1938 aus Deutschland geflüchtet und ab Februar 1942 in Westerbork interniert. Er wurde im Herbst 1944 in das Ghetto Theresienstadt, dann in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert und dort ermordet.

Kurz nach unserer Ankunft in Westerbork wurden wir mitten in der Nacht aufgerufen.

Annelie
Annelie

Wie erfuhr die Familie Tal, dass sie Papiere für die Einwanderung nach Palästina erhalten hatte?

Das Internationale Komitee des Roten Kreuzes schickte dem Niederländischen Roten Kreuz eine Mitteilung: Die Liste für die Einwanderung nach Palästina, auf der die Familienmitglieder standen, war anerkannt worden und die Zertifikate lagen bereit.

Mitteilung darüber, dass die Zertifikate für die Einwanderung nach Palästina für die Familie Tal bereitlagen
© Privatbesitz der Familie Tal

Transkription

Comité International de la Croix Rouge [Internationales Komitee vom Roten Kreuz]
Genf (Schweiz)
Serv. Holl. FD/AB
Antragsteller
Name Netherlands Immigrants Committee
Ortschaft Jerusalem
Land Palästina
Mitteilung (nicht über 25 Worte, nur persönliche Familiennachrichten)
Mitteilung: bitte van tijn com[ité]vluch[telingen] amsterdam informieren offizielle regierungszahlen veteranenlisten august september übermittelt stop alle anerkannten veteranen zertifikate durch auswärtiges amt bei schutzmacht bern hinterlegt stop familie alexander tal m/438/43/c/228.
Datum 18.X.1943
Empf[ä]nger
Name Tal
Vorname Alexander
Strasse c/o Nederl. Roode Kruis, Nic Maesstr. 55, (ref. letter I.3940.)
Ortschaft Amsterdam
Provinz Noordholland
Land Niederlande

Am 18. Oktober, ungefähr zweieinhalb Wochen nach unserer Ankunft in Westerbork, kam eine Nachricht vom Roten Kreuz, dass alle unsere Zertifikate für Palästina anerkannt worden waren!

Noomi
No'omi

Wie erlebte die Familie Tal die Deportation?

Die Familie Tal wurde am 11. Januar 1944 in das Konzentrationslager Bergen-Belsen deportiert. Sie wussten, dass es ein so genanntes Austauschlager war. Das gab ihnen Hoffnung.

Mit dieser Nachricht wurde der Familie Tal in Westerbork ihr Transport nach Bergen-Belsen angekündigt
© Privatbesitz der Familie Tal

Transkription

Herrn Tal. Alexander [geboren am] 24.10.03, Bar[aracke]; 61
mit Frau Frederika geb. Vaz Dias
Kinder; Sjemolo [d. h. Chanan], Ruth, Naomi
Sie koennen damit rechnen, dass Sie am Dienstag den 11.1.[19]44 nach einem Austauschlager ueberstellt werden.
Verwaltung DB II
Pflegekind: Marion Amster [geboren am] 9.4.[19]28

Am 11. Januar 1944 wartete ein alter Pendelzug in Westerbork auf uns. Im Vergleich zu den Zügen mit Güterwaggons, die die Menschen in die Vernichtungslager brachten, machte das Hoffnung.

Chanan
Chanan
Nördliche Bahnstrecke vom Internierungslager Westerbork in das Konzentrationslager Bergen-Belsen nach Angaben der Familie Tal
Kartenbeilage Nr. 3 zum Deutschen Kursbuch 1941 (IE 762 b), Stand 1935 (Auszug), Verkehrswissenschaftliche Lehrmittelgesellschaft mbH bei der Deutschen Reichsbahn; Lithographisches Institut
© Stadtgeschichtliches Museum Leipzig

Mit dem Transport vom 11. Januar 1944 wurden 1.037 Jüdinnen und Juden aus Westerbork in das Konzentrationslager Bergen-Belsen deportiert. Im Unterschied zu den Zügen mit Güterwaggons, die in die Vernichtungslager fuhren, waren die Züge nach Bergen-Belsen aus Personenwaggons zusammengesetzt. Die Fahrt im Januar 1944 dauerte sechs Stunden. Die Route führte von Westerbork nach Hooghalen, von dort weiter nach Norden bis Groningen, dann über Oldenburg und Bremen nach Osten und schließlich zum Haltepunkt Bergen.

Wann wurde die Familie Levenbach deportiert?

Die Familie Levenbach wurde am 15. März 1944 nach Bergen-Belsen deportiert. Annelie, ihr Bruder Joost und ihre Eltern waren 15 Monate lang in Westerbork interniert. In dieser Zeit erhielt die Familie Papiere zur Einreise nach Palästina.

Südliche Bahnstrecke von Westerbork nach Bergen-Belsen nach Angaben der Familie Levenbach
Kartenbeilage Nr. 3 zum Deutschen Kursbuch 1941 (IE 762 b), Stand 1935 (Auszug), Verkehrswissenschaftliche Lehrmittelgesellschaft mbH bei der Deutschen Reichsbahn; Lithographisches Institut
© Stadtgeschichtliches Museum Leipzig

Mit dem Transport vom 15. März 1944 wurden 210 Jüdinnen und Juden in das Konzentrationslager Bergen-Belsen deportiert, darunter 14 Kranke und 44 Kinder. Der Zug fuhr von Westerbork über Hooghalen nach Süden, überquerte die Grenze zwischen den besetzten Niederlanden und Deutschland bei Bentheim und fuhr über Osnabrück, Hannover und Celle zum Haltepunkt Bergen.

Wie versuchte Annelies Mutter, ihren Freundinnen mitzuteilen, dass sie deportiert wurde?

Bevor der Zug die Grenze zwischen den Niederlanden und Deutschland passierte, warf Annelies Mutter eine Postkarte an eine Freundin in Amsterdam aus dem Fenster. Jemand muss die Postkarte gefunden und in einen Briefkasten gesteckt haben.

Aus dem Zugfenster geworfene Postkarte
© Privatbesitz der Familie Tal

Transkription

15/3 Liebe Lotje, Grüße an dich, vor unserer Weiterreise. Der Zug ist annehmbar, aber voll mit Menschen und Gepäck. Ich habe mich über deinen Brief & das Paket gefreut. Denk weiter viel an uns. Leg schon mal die Bridgekarten zurecht. Wann werden wir uns wiedersehen! Grüße an Leni. Mit viel Liebe und einer Umarmung. L

Nach dem Krieg bekam ich diese Postkarte. Sie ist die einzige handschriftliche Erinnerung, die mir von meiner Mutter geblieben ist.

Annelie
Annelie

Wann wurde die Familie Reiner in Westerbork inhaftiert?

Die Familie Reiner kam nach Westerbork, nachdem niederländische Nationalsozialisten ihr Versteck entdeckt und den Vater, Jo Reiner, ermordet hatten. Bei der Ankunft im Lager, am 9. Februar 1945, wurden die übrigen Familienmitglieder getrennt.

Eine Karte des Durchgangslagers Westerbork
© United States Holocaust Memorial Museum, Washington, D.C., Nr. 08049. Mit freundlicher Genehmigung von Toni Heller

Transkription

SS - Konzentrationslager „Lager Westerbork“ Drenthe – Niederlande
[grün markiert:]
8 Straf-Barakken – Strafbarracken
Waisenhaus
Ziekenhuis-Terrein – Krankenhausgelände

Nachdem der letzte Deportationstransport Westerbork am 13. September 1944 verlassen hatte, blieben einige Hundert Gefangene zurück. Es handelte sich vor allem um Jüdinnen und Juden, die aus verschiedenen Gründen zurückgehalten wurden. Hinzu kamen Untergetauchte, deren Verstecke verraten oder entdeckt worden waren. Sie wurden in einem abgetrennten Lagerbereich, den Strafbaracken, interniert. Für Kinder, Kranke und Verletzte gab es Ausnahmen.

Mutter und Sol wurden in den Strafbaracken interniert und musste Altbatterien zerlegen. Marco kam ins Waisenhaus, und ich war in den Krankenbaracken.

Ab
Avraham
Westerbork im Winter während der Errichtung des Lagers, Blick nach Westen, rechts der Schornstein des Kesselhauses, 1939/1940
© NIOD, Beeldbank WO2, Nr. 66243

Als wir in Westerbork ankamen, gab es keine Transporte in den Osten mehr.

Ab
Avraham

Wie lange waren die Familienmitglieder voneinander getrennt?

Ab sah seine Mutter, Lou, seinen Cousin Sol und seinen Bruder Marco erst nach der Befreiung des Lagers im April 1945 wieder. Wieder vereint hatten die überlebenden Familienmitglieder erstmals Gelegenheit, gemeinsam um ihren ermordeten Vater zu trauern.

Befreiung des Lagers Westerbork durch kanadische Soldaten, Amateuraufnahme, 12. April 1945
© NIOD, Beeldbank WO2, Nr. 66445

Am 12. April 1945 befreiten kanadische Truppen mehr als 850 Jüdinnen und Juden, die im Durchgangslager Westerbork zurückgeblieben waren. Lagerkommandant Gemmeker und seine Mitarbeiter*innen hatten das Lager, das im Niemandsland zwischen den Fronten lag, am Tag zuvor verlassen.
Nach der Befreiung mussten die ehemaligen Häftlinge noch monatelang im Lager bleiben. Dies war eine Sicherheitsmaßnahme, weil die Kampfhandlungen andauerten. Außerdem wollten die kanadischen und niederländischen Behörden untersuchen, warum diese jüdischen Häftlinge nicht deportiert worden waren, und ausschließen, dass sie mit den deutschen Besatzern kollaboriert hatten. Die letzten Häftlinge durften das Lager Westerbork erst Anfang Juli 1945 verlassen.

Als der Krieg vorüber war und das Lager befreit wurde, empfand ich keine Freude.

Ab
Avraham

Warum kam Jo van der Helm, bei der sich die Familie Reiner versteckt hatte, nach der Befreiung ins Lager Westerbork?

Jo van der Helm wusste, dass Jo Reiner ermordet worden war, und wollte herausfinden, was den anderen Familienmitgliedern widerfahren war. Sie kam nach Westerbork, um sie zu besuchen. Außerdem berichtete sie ihnen von Jan van der Helms Tod.
 

Jo van der Helm, bei der sich die Familie Reiner versteckt hatte, 1944
© Privatbesitz der Familie Rinat

Eines Morgens erschien Jo im Lager. Sie kam mit Informationen, die uns in der Geschichte unserer Verhaftung noch fehlten.

Ab
Avraham
Erinnerungszentrum Westerbork
© Privatbesitz der Familie Rinat

Warum riskierten diese Menschen ihr Leben für uns, indem sie uns versteckten?

Ab
Avraham
15 Juli 1942 15 Juli 1942
1135 1135
Menschen wurden deportiert
Von
וסטרבורק וסטרבורק
Nach
אושוויץ אושוויץ

Am 15. Juli 1942 fuhr der erste Zug aus dem Polizeilichen Durchgangslager Westerbork in das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz. Innerhalb der folgenden zwei Jahre wurden rund 100.000 Jüdinnen und Juden mit 93 Transporten aus Westerbork deportiert. Die Züge fuhren weit überwiegend nach Auschwitz, aber auch in das Vernichtungslager Sobibor, das Konzentrationslager Bergen-Belsen und das Ghetto Theresienstadt. 

Insgesamt wurden 107.000 Jüdinnen und Juden aus den Niederlanden deportiert, von denen nur 5.000 die Befreiung erlebten. Hinzu kamen etwa 245 Sinti und Roma, von denen etwa 30 überlebten. 

Die Deportationen wurden maßgeblich aus dem Reichssicherheitshauptamt in Berlin gesteuert: Das dortige „Judenreferat“ IV-B-4 bestimmte unter Leitung von Adolf Eichmann, wie viele Jüdinnen und Juden wann deportiert werden sollten. In den Niederlanden setzte das „Judenreferat“ der deutschen Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes in Den Haag die Anweisungen aus Berlin um. Es teilte dem Lagerkommandanten von Westerbork mit, welche Anzahl Jüdinnen und Juden an einem bestimmten Tag abtransportiert werden sollten. Der Lagerkommandant hatte die Aufgabe, die Personen auszuwählen, die deportiert werden sollten, gab diese aber meist an jüdische Mitarbeiter*innen der Lagerverwaltung weiter.