Bergen-Belsen

Kapitel 6
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In das Konzentrationslager Bergen-Belsen verschleppten die Nationalsozialisten Tausende Jüdinnen und Juden aus den besetzten Ländern. Sie wollten diese jüdischen Männer, Frauen und Kinder gegen Deutsche austauschen, die sich im feindlichen Ausland befanden, oder gegen Lösegeld. Die Familien Tal und Levenbach wurden beide in das „Austauschlager“ Bergen-Belsen deportiert und hofften, von dort in die Freiheit zu gelangen. 
Zu diesem Zeitpunkt wurden die Jüdinnen und Juden Europas bereits systematisch ermordet. Die jüdischen Geiseln im Austauschlager waren ebenfalls bedroht. Wenn die SS sie nicht mehr brauchte, wurden sie deportiert und ermordet.

Wann wurde Familie Tal aus den Niederlanden nach Bergen-Belsen deportiert?

Am 11. Januar 1944 wurden 1.037 Jüdinnen und Juden mit einem Personenzug aus Westerbork nach Bergen-Belsen gebracht, darunter auch Familie Tal. Von der Bahnrampe mussten die Gefangenen sechs Kilometer zu Fuß zum Konzentrationslager laufen.

Haltestelle und Bahnrampe bei Bergen. Blick von der Brücke über die Bahngleise, 1940er
The Breman Jewish Heritage Museum, Atlanta, GA / Charles Curtis Mitchell Family Papers collection, No. CCM 405.006, Public Domain

Kalt war es, und es schneite. Am Bahnsteig warteten SS-Männer mit Gewehren und Hunden auf uns. Sie schrien uns an, wir sollten uns beeilen und aus dem Zug steigen.

Chanan
Chanan
Selbstporträt von Louis Asscher, 1943
© Privatbesitz der Familie Asscher

Die Zeichnungen in diesem Kapitel stammen von Louis Asscher. Louis Asscher und seine Familie kamen, wie auch die Familie Tal, am 11. Januar 1944 nach Bergen-Belsen. Im Lager zeichnete er heimlich Bilder vom Alltagsleben und von den Gefangenen.
Die Aufzeichnungen von Louis Asscher gehören zu den wenigen Dokumenten, die zeigen, wie es im Lager aussah. Die Stifte und das Papier hatte er aus Amsterdam zusammen mit den anderen erlaubten Dingen in dem einzigen Rucksack mitgebracht, den er mitnehmen durfte.
Louis Asscher wurde am 3. September 1885 in Amsterdam geboren und starb am 19. April 1945 auf dem Räumungstransport „Verlorener Zug“.

Wie waren die Existenzbedingungen im Austauschlager?

Da die Insassen des Lagers ausgetauscht werden sollten, waren die Bedingungen nicht so wie in anderen Konzentrationslagern. Sie waren dennoch miserabel und wurden mit der Zeit immer schlechter. Das Lager war in mehrere Abschnitte unterteilt.

Baracken im Sternlager. Zeichnung von Louis Asscher, Bergen-Belsen, 1944/1945
© Privatbesitz der Familie Asscher

Unser Lagerabschnitt wurde das „Sternlager“ genannt, weil wir alle den gelben Aufnäher trugen.

Chanan
Chanan
Innenbereich einer Baracke. Zeichnung von Louis Asscher, Bergen-Belsen, 1944/1945
© Privatbesitz der Familie Asscher

Mein Vater Sander und ich wohnten in Baracke 13, zusammen mit Annelies Vater Dolf und ihrem Bruder Joost. Wir schliefen auf 60 Zentimeter breiten Etagenbetten.

Chanan
Chanan
Innenbereich einer Baracke für alte Menschen. Zeichnung von Louis Asscher, Bergen-Belsen, 1944/1945
© Privatbesitz der Familie Asscher

In Bergen-Belsen lebten Mutter, Marion, Ruth und ich in Baracke Nummer 21.

Noomi
No'omi
„Altersheim“, Baracke für ältere Menschen. Zeichnung von Louis Asscher, Bergen-Belsen, 1944/1945
© Privatbesitz der Familie Asscher

Oma Netta lebte nicht in derselben Baracke wie wir. Sie bekam einen Platz in der Baracke für ältere Menschen, im ‚Altersheim‘. Wir sahen sie fast nie, nicht einmal beim Appell.

Noomi
No'omi
Luftaufnahme der British Royal Air Force vom 17. September 1944
© National Collection of Aerial Photography, Edinburgh, United Kingdom, NCAP_ACIU_106G_2946_3051. Alle Rechte vorbehalten

Am 17. September 1944 machte ein britisches Aufklärungsflugzeug Aufnahmen vom Konzentrationslager Bergen-Belsen. Auf dem Luftbild ist rechts oben eine Menschenmenge zu erkennen, die als Quadrat formiert auf dem Appellplatz des Sternlagers steht: Zum Zeitpunkt der Aufnahme war die SS dabei, den Zählappell abzunehmen. Die SS-Männer nutzten den Appell häufig als Gelegenheit, die Häftlinge zu schikanieren und zu misshandeln. 
Baracke 21, wo Ruth und No’omi zusammen mit Mutter Fré und Marion lebten, ist orange markiert. Auch Annelie Levenbach und ihre Mutter Liesje waren dort untergebracht.
Baracke 13, wo Chanan zusammen mit Vater Sander lebte, ist violett markiert. Dort waren auch Annelies Bruder Joost und ihr Vater Dolf untergebracht. 
Die schwarze Linie zeigt die Grenzen des Sternlagers im September 1944.

Täglich wurde der verhasste Appell auf dem ‚Appellplatz‘ abgehalten.

Chanan
Chanan
Wachturm. Zeichnung von Louis Asscher, Bergen-Belsen, 1944/1945
© Privatbesitz der Familie Asscher

Das Lager war von elektrischen Stacheldrahtzäunen und Wachtürmen umgeben, von denen bewaffnete Wachleute nachts Flutlichter über das Gelände schickten.

Chanan
Chanan
Küche Nummer 2. Zeichnung von Louis Asscher, Bergen-Belsen, 1944/1945
© Privatbesitz der Familie Asscher

Das wenige Essen in Bergen-Belsen war schrecklich.

Chanan
Chanan
Brot. Zeichnung von Louis Asscher, Bergen-Belsen, 1944/1945
© Privatbesitz der Familie Asscher

Immer wieder schrien Menschen oder beschwerten sich, dass ihr Essen, ihr Brot weg war. ‚Sie haben es genommen, sie haben es mir gestohlen.‘

Noomi
No'omi

Natürlich reichten weder die Menge noch die Qualität der Nahrung aus, um davon zu leben.

Chanan
Chanan

Mussten die Häftlinge im Sternlager arbeiten?

Die meisten Häftlinge im Sternlager mussten arbeiten, doch es gab Ausnahmen für Kinder, Kranke und ältere Menschen.

Arbeitsbaracken. Zeichnung von Louis Asscher, Bergen-Belsen, 1944/1945
© Privatbesitz der Familie Asscher

Alle Arbeitsfähigen verließen das Gelände jeden Morgen um 6 Uhr mit den Arbeitskommandos.

Chanan
Chanan

Mutter blieb wegen ihrer Arbeit als stellvertretende Blockälteste im Lager.

Chanan
Chanan

Wie gingen die Häftlinge des Sternlagers mit Konflikten um?

Der Mangel an Nahrung, Kleidung und anderen Gütern führte zu Diebstahl und Streitigkeiten. Mit Zustimmung der SS bildeten die Häftlinge eine Rechtskommission, um solche Fälle selbst zu schlichten und so die Ordnung im Lager aufrechtzuerhalten.

Essgeschirr. Zeichnung von Louis Asscher, Bergen-Belsen 1944/1945
© Privatbesitz der Familie Asscher

Mutter hatte die schwierige Aufgabe, das Essen zu verteilen. Einmal kam es zum Streit.

Noomi
No'omi

Jemand rief den ‚Judenältesten‘, Jupp Weiss. Er schenkte Mutter Gehör, ließ sich von ihrer Erklärung überzeugen und schaffte es, die Gemüter zu beruhigen.

Noomi
No'omi
Josef Weiss 1945
© Privatbesitz von Hans-Dieter Arntz

Im Austauschlager, wie auch in allen anderen Konzentrationslagern, ernannte die SS einzelne Häftlinge zu „Lagerältesten“ und „Blockältesten“. Diese Häftlinge befanden sich in einer Zwangslage. Sie mussten die Befehle der SS befolgen und hatten nur einen kleinen Handlungsspielraum. Die SS machte sich die Selbstverwaltung des Lagers durch die Häftlinge zunutze.
Josef (Jupp) Weiss war zunächst zweiter Stellvertreter des „Judenältesten“ im Sternlager, ab Dezember 1944 übernahm er selbst diese Position. In dieser Funktion war er bemüht, die Not und das Leid der Häftlinge zu lindern.
Josef Weiss war mit seiner Familie 1933 aus Deutschland in die Niederlande geflüchtet. Im Januar 1944 wurden sie in das Austauschlager Bergen-Belsen gebracht.

Berg von Schuhen zum Zerlegen. Zeichnung von Louis Asscher, Bergen-Belsen, 1944/1945
© Privatbesitz der Familie Asscher

Die Häftlinge des Austauschlagers mussten alte Schuhe auftrennen. Das Leder sollte wiederverwendet werden. Die alten Schuhe waren zu einem großen Haufen aufgetürmt. Die Arbeit in den Werkstattbaracken war staubig und schmutzig. Zwei SS-Männer überwachten die Arbeit und schikanierten die Häftlinge dabei.

Im Lager suchte ich mir das nötige Schuhmacherwerkzeug zusammen: einen Schuhleisten, einen Hammer, ein Messer und eine Feile. Damit konnte ich Schuhe reparieren.

Chanan
Chanan

Wie überall wurden auch im Lager Waren und Dienstleistungen manchmal nicht bezahlt. Als mir das passierte, brachte ich meinen Fall vor die Rechtskommission.

Chanan
Chanan
Die Entscheidung der Rechtskommission
© Privatbesitz der Familie Tal

Transkription

Auf Veranlassung der Rechtskommission ordne ich hiermit an, dass bei der ersten Verteilung von Brotsuppe die dem Mojzesz E. Lemmler zustehende Ration dem Chanan Tal ausgehändigt wird.
B.B. 13. [Dezember] 44
Der Judenälteste J. Albala
An Baracke 13

Ich weiß von zwei Fällen, die vor das Häftlingsgericht gebracht wurden. Vom ersten Fall berichtete mir Chanan.

Noomi
No'omi

Ein weiterer herzzerreißender Fall, an den ich mit großem Schmerz zurückdenke, ist der einer Brotdiebin.

Noomi
No'omi

Fand ein Austausch von Häftlingen aus dem Sternlager statt?

Im Sternlager befanden sich etwa 1.300 Jüdinnen und Juden, die Papiere zur Einreise nach Palästina hatten. Nur 222 von ihnen wurden tatsächlich ausgetauscht: Im Sommer 1944 gelangten sie mit einem Zugtransport über Istanbul in die Freiheit.

Bahnhof Istanbul
© Privatbesitz der Familie Tal

Irgendwann stellten sie eine Liste mit Personen zusammen, die ‚Palästina-Gruppe‘, die gegen deutsche Staatsbürger*innen ausgetauscht werden sollten.

Noomi
No'omi

Als die Austauschgruppe in Palästina ankam, erkannte Onkel Jacques seine Mutter nicht wieder, weil sie in den sechs Monaten Haft in Bergen-Belsen so viel Gewicht verloren hatte und stark gealtert war.

Chanan
Chanan
Großmutter Ronetta Vaz Dias-Elzas’ Visum für Palästina
© Privatbesitz der Familie Tal

Transkription

Regierung von Palästina
Ministerium für Migration
Aktenzeichen … Registrierungsnummer [unleserlich]
Hiermit wird bescheinigt, dass Va[z] Dia[s] R[o]netta gemäß der Einwanderungsverordnung von 1933 die Erlaubnis erhalten hat, als Einwanderer in Palästina zu bleiben.
10.7.1944 [unleserlich] Stellvertretender Kommissar für Migration
Direktor der Grenzkontrolle, Hafen von Haifa

Großmutter Ronetta Vaz Dias schrieb auf der Reise ein Tagebuch:


„Freitagmorgen, 30. Juni 1944. Um 3 Uhr morgens sind wir von Bergen-Belsen [zur Bahnrampe] gelaufen, um 5 Uhr waren wir dort und um 7 Uhr fuhren wir los in Richtung Wien. Samstagmorgen um 9 Uhr Ankunft in Wien. Wir wurden in eine Notunterkunft für Obdachlose gebracht, ordentlich und sauber, es gab hervorragendes Essen. Am Sonntagmorgen erhielten wir eine Pockenimpfung. Um 17 Uhr stiegen wir [in den Zug] nach Istanbul. Im Bordrestaurant wurden wir wieder bestens versorgt und bekamen sehr schmackhaftes Essen. So etwas habe ich seit einem Jahr nicht mehr erlebt.“

Der Bahntunnel bei Rosh Hanikra, zwischen Libanon und Israel, Mai 1951, Foto: Benno Rothenberg
© Meitar Collection / The Pritzker Family National Photography Collection, Israelische Nationalbibliothek

Onkel Jacques Vaz Dias, der Bruder von Mutter Fré Tal, beschreibt das Geschehen aus seiner Perspektive:

„Wunderbarerweise war meine Mutter auch unter den Ausgetauschten. Aus Wien fuhren sie im Zug über den Balkan und mit der Fähre in die Türkei. Dort nahm sie das Rote Kreuz in Empfang, sie konnten den gelben Stern ablegen und waren frei. Dann folgte eine lange Zugfahrt durch die Türkei, Syrien und Libanon nach [Eretz] Israel.“

Warum verschlechterten sich die Existenzbedingungen im Austauschlager seit Sommer 1944?

Die Nationalsozialisten brachten immer mehr Häftlinge ins Austauschlager. Doch anstatt für mehr Platz zu sorgen, zwangen sie die Häftlinge, enger zusammenzurücken. Die Unterkünfte waren überfüllt, und die Sanitäranlagen reichten überhaupt nicht aus.

Dreistöckige Etagenbetten. Zeichnung von Louis Asscher, Bergen-Belsen, 1944/1945
© Privatbesitz der Familie Asscher

Anfangs waren die Etagenbetten zweistöckig, doch im Sommer 1944, als sie immer mehr Häftlinge aus anderen Lagern nach Bergen-Belsen brachten, machten sie daraus dreistöckige Betten.

Chanan
Chanan
Luftaufnahme der British Royal Airforce, 13. September 1944
© National Collection of Aerial Photography, Edinburgh, UnitedKingdom, NCAP_ACIU_16_1172_4084. Alle Rechte vorbehalten

Das Austauschlager Bergen-Belsen war von Anfang an in das System der Konzentrationslager eingebunden. Dies war ein weiterer Grund, warum die Existenzbedingungen für die Austauschhäftlinge so miserabel waren und sich weiter verschlechterten.


Seit März 1944 brachte die SS auch kranke und schwache Männer aus anderen Konzentrationslagern nach Bergen-Belsen. Auf diese Weise wollte die SS sicherstellen, dass die Munitionsproduktion in den anderen Lagern reibungslos fortgesetzt werden konnte. Auf den Zustand der Häftlinge nahm sie keine Rücksicht. Die Männer wurden in einem neuen Abschnitt des Lagers untergebracht, dem Männerlager.

Seit August 1944 wurden auch Frauen aus anderen Konzentrationslagern nach Bergen-Belsen gebracht. Mehrere Tausend von ihnen wurden von der SS zur Zwangsarbeit weitergeschickt. Andere, vor allem Kranke und Schwangere, blieben in Bergen-Belsen. Diese Frauen wurden in einem anderen neuen Abschnitt des Lagers untergebracht, dem Frauenlager.

Wie verloren die Familien nicht den Mut und hielten an ihrer Routine fest?

Die Familienmitglieder trotzten dem Elend des Lagerlebens mit Alltagstätigkeiten und Handwerk, Geburtstagsfeiern und Bücherlesen. Nachrichten über den Kriegsverlauf gaben ihnen Hoffnung, Paketsendungen zeigten ihnen, dass sie nicht vergessen waren.

Flugzeuge der Allied Forces: Formation der 401. Bombergruppe Boeing B-17 „Fliegende Festungen“ auf dem Weg zur Heimatbasis in England, April 1945
© Alamy, ID 2T600PC

Ab dem Sommer 1944 sahen wir amerikanische und britische Flugzeuge am Himmel.

Chanan
Chanan
Dieses Lied schrieb No’omi ihrem Vater zu seinem 41. Geburtstag am 24. Oktober 1944
© Privatbesitz der Familie Tal

Transkription

Geliebter Vater
Alle guten Wünsche.
Habe ich zu Papier gebracht.
Und von so vielen Menschen
Wird dir so gern gratuliert.
Sander ist jetzt 41 Jahre alt.
Du warst immer daheim.
Doch nun bist du nicht mehr dort.
Und das ist nicht richtig, oder?
Und was denkst du, was ich dazu sage?
Ich sage, wir kommen bald hier raus!

Für Vaters Geburtstag haben wir Brot aufbewahrt, um ihm daraus einen Kuchen zu machen.

Noomi
No'omi
Wäsche an der Leine. Zeichnung von Louis Asscher, Bergen-Belsen, 1944/1945
© Privatbesitz der Familie Asscher

Trotz der Zählappelle, der Kälte, des Hungers, der Krankheiten und der vielen Todesfälle hielten wir an unseren Routinen fest. Wir putzten, wuschen, aßen, was es zu essen gab.

Noomi
No'omi
Aufkleber von einem der Pakete, die in Bergen-Belsen ankamen
© Gedenkstätte Bergen-Belsen

Gelegentlich erhielten die Häftlinge des Austauschlagers Paketsendungen von Hilfsorganisationen. Die Pakete wurden von der SS kontrolliert und der Inhalt zum Teil geplündert, bevor sie an die Häftlinge ausgehändigt wurden. Für die Empfänger*innen waren sie sowohl ein Zeichen, dass sie nicht vergessen waren, als auch eine Quelle zusätzlicher Lebensmittel.

Der Inhalt wurde unabhängig von den Empfänger*innen unter allen aufgeteilt. Wir bekamen vielleicht zwei oder drei Mal solche Pakete. Das war jedes Mal sehr aufregend und gab uns Hoffnung.

Noomi
No'omi
Eine Gruppe von Menschen. Zeichnung von Louis Asscher, Bergen-Belsen, 1944/1945
© Privatbesitz der Familie Asscher

Es gab immer weniger Platz zum Sitzen, doch in der Ecke stand noch ein Tisch.

Noomi
No'omi
Einige der Geschenke, die die Zwillinge zu ihrem Geburtstag und ihrer Bat Mizwa erhielten
© Privatbesitz der Familie Tal / Gedenkstätte Bergen-Belsen

Transkription

Ruth – Ruth
R – Ruth
Jullie – ihr alle

Dort sitzen wir, Ruth und ich und alle unsere Freund*innen. Sie feiern unsere Bat Mizwa. Alle haben uns etwas mitgebracht.

Noomi
No'omi
Buchcover „Joop ter Heul’s Problemen“
von Cissy van Marxveldt, Illustrationen von Is. van Mens, Valkhoff & Co. Amersfoort, 4. Ausg. (ca. 1925)

Transkription

Joop ter Heuls Probleme

In unserem begrenzten Gepäck für Bergen-Belsen durfte ich zwei Bücher mitnehmen.

Annelie
Annelie
Buchcover „De H.B.S. Tyd van Joop ter Heul“
von Cissy van Marxveldt, Illustrationen von Is. van Mens, Valkhoff & Co. Amersfoort, 8. Ausg. (1926)

Transkription

Joop Ter Heul auf der Höheren Schule

Wie durch ein Wunder fiel mir in den letzten Monaten in Bergen-Belsen noch ein weiteres Buch von Cissy van Marxfeldt in die Hände.

Annelie
Annelie

Warum verschlechterte sich die Situation ab Dezember 1944?

Die SS wollte verhindern, dass die KZ-Häftlinge befreit würden, und räumte die Konzentrationslager, denen sich die vorrückenden alliierten Truppen näherten. Ab Ende 1944 wurde Bergen-Belsen zum Ziel von Räumungstransporten und Todesmärschen aus anderen Lagern.

Josef Kramer (zweiter von rechts) im SS-Erholungsheim Solahütte bei Auschwitz, vermutlich im Juli 1944
© United States Holocaust Memorial Museum, Washington, D.C., Nr. 34755

Im Dezember 1944 wurde Josef Kramer zum Kommandanten des Konzentrationslagers Bergen-Belsen ernannt. Zuvor hatte er das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau geleitet und dort unter anderem die Ermordung von mehr als 300.000 ungarischen Jüdinnen und Juden verantwortet. Mit seinem Dienstantritt in Bergen-Belsen verschlechterten sich die Existenzbedingungen der Häftlinge drastisch.


Das Foto zeigt führende SS-Offiziere im SS-Erholungsheim Solahütte bei Auschwitz, vermutlich im Juli 1944. Von links nach rechts handelt es sich um den Arzt Dr. Josef Mengele, den ehemaligen Kommandanten des KZ Auschwitz, Rudolf Höß, den damaligen Kommandanten von Auschwitz-Birkenau, Josef Kramer, sowie Anton Thumann.

Luftaufnahme der British Royal Airforce, 13. September 1944
© National Collection of Aerial Photography, Edinburgh, United Kingdom, NCAP_ACIU_16_1172_4084. Alle Rechte vorbehalten

Die SS brauchte Platz, um die neu eintreffenden Häftlinge in Bergen-Belsen unterzubringen. Die Austauschhäftlinge wurden in immer weniger Baracken gepfercht. Auch das Männerlager und das Frauenlager waren vollkommen überfüllt, obwohl beide Lagerteile immer mehr Fläche beanspruchten. Mitte Januar 1945 gab die deutsche Wehrmacht das Gelände des Kriegsgefangenenlagers, das an das Konzentrationslager angrenzte, an die SS ab. Dort wurden weitere weibliche Häftlinge untergebracht. Das Frauenlager war nun der größte Lagerteil des Konzentrationslagers Bergen-Belsen.

Welche Folgen hatte die weitere Verschlechterung der Bedingungen für die Familie Tal?

Bald nach Ruth und No’omis Geburtstag am 5. Dezember 1944 wurden die Häftlinge noch enger zusammengepfercht. Kurz darauf wurde Ruth krank und starb. Mutter Fré erkrankte an Typhus, Vater Sander war stark geschwächt und Chanan bekam Fleckfieber.

Nagel, den Chanan am genauen Standort von Baracke 21 gefunden hat
© Privatbesitz der Familie Tal

Wie allen anderen wurde auch uns befohlen, noch enger zusammenzurücken. Zwei Personen pro Bett.

Noomi
No'omi

Ruth war sehr krank. Ihr Zustand verschlechterte sich rasant.

Noomi
No'omi
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Ruth Tal

1932-1945

© Privatbesitz der Familie Tal

In diesem Winter starb unsere Schwester Ruth am 3. Januar 1945, 18 Tevet 5705 im Jüdischen Kalender, im Alter von 12 Jahren.

Chanan
Chanan
Appellplatz. Der Platz zum Zählen der Häftlinge. Zeichnung von Louis Asscher, Bergen-Belsen, 1944/1945
© Privatbesitz der Familie Asscher

Wir folgten dem Karren mit den Verstorbenen des Tages, Vater und ich zusammen. Wir überquerten den Appellplatz und gingen den Weg zum Tor des Lagerteils entlang.

Noomi
No'omi

Auf dem Rückweg erzählte mir Vater von Rabbi Meir und seiner Frau.

Noomi
No'omi

Father sagte, ‚Sing! So sollst du dich an sie erinnern.‘

Noomi
No'omi
Eintrag 323 im handschriftlichen Totenregister von Joseph Weiss für Ruth Tal
© Ghetto Fighters’ House Museum, Israel, Katalog Nr. 528, Eintrag Nr. 13959, Seite 93

Transkription

323 Tal Ruth [geboren] 5.12.32 [verstorben 3.1.45, Stunde] 21.0

Der Lagerälteste Josef Weiss erfasste die Todesfälle im Sternlager. In einer nummerierten Liste notierte er Namen, Geburts- und Sterbedatum und den Todeszeitpunkt.


Bis Anfang Januar 1945 waren dort schon mehr als 320 Häftlinge an Hunger und Krankheiten gestorben. Von den etwa 4.500 Gefangenen des Sternlagers verloren noch Hunderte mehr ihr Leben vor der Befreiung.

Schnee im kleinen Lager. Zeichnung von Henri Pieck
aus: Henri Pieck, Buchenwald. Zeichnungen aus dem Konzentrationslager, Frankfurt am Main 1981

Die Zeichnung stammt vom niederländischen Maler Henri Pieck aus seiner Zeit als Häftling im Konzentrationslager Buchenwald. Chanan wählte dieses Bild dennoch als Illustration zu seinem Text, weil es die Bedingungen in Bergen-Belsen im Winter 1945 sehr treffend darstellt.

Vater Sander war ein schlanker Mann mit einem gesunden Appetit. Die karge und unzureichende Nahrung, die wir bekamen, reichte ihm nicht aus.

Chanan
Chanan

Der letzte Winter war der schlimmste von allen, die Lage verschlechterte sich weiter, Verzweiflung und Tod griffen überall um sich.

Chanan
Chanan
Belsen: April 1945. Zeichnung von Doris Zinkeisen
© IWM, ART LD 5467

Doris Zinkeisen kam nach der Befreiung als „Kriegskünstlerin“ in das Konzentrationslager. Im Auftrag der britischen Armee fertigte sie Zeichnungen und Malereien an. Diese Bilder decken sich mit No’omis visuellem Eindruck von den Leichenbergen im Bergen-Belsen im Frühjahr 1945, vor der Befreiung des Lagers.

Berge von Leichen, es war so schrecklich; es war einfach völlig unglaublich.

Noomi
No'omi

Welche Folgen hatte die weitere Verschlechterung der Lage für die Familie Levenbach?

Annelies Vater Dolf Levenbach starb in Bergen-Belsen. Weil ihre Mutter und ihr Bruder am nächsten Tag arbeiten mussten, begleitete Annelie den Karren mit der Leiche ihres Vaters allein bis zum Tor des Sternlagers.

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Dolf Levenbach

1891-1945

© Privatbesitz der Familie Tal

Vater starb am 3. März 1945 mit 54 Jahren.

Annelie
Annelie
Essgeschirr und andere Gegenstände, die auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Bergen-Belsen gefunden wurden
© Gedenkstätte Bergen-Belsen

Als er am Ende nicht mehr aufstehen konnte, ging ich jeden Tag zu ihm und habe ihn mit Steckrübensuppe gefüttert.

Annelie
Annelie

Es gab keine Zeit für Trauer; wir waren zu sehr mit dem Überleben beschäftigt.

Annelie
Annelie
Eintrag 748 für Dolf Levenbach im handschriftlichen Totenregister von Joseph Weiss
© Ghetto Fighters’ House Museum, Israel, Katalog Nr. 528, Eintrag Nr. 13959, Seite 106

Transkription

748 Levenbach Adolf, [geboren] 15.6.91 [verstorben] 3.3.45 [Stunde] 13.0

In Josef Weiss' Heft für das Sternlager ist nur ein Bruchteil der Toten des Konzentrationslagers Bergen-Belsen verzeichnet.

Von den insgesamt 120.000 Häftlingen, die in das Austauschlager, Männerlager und Frauenlager deportiert wurden, waren 38.000 zum Zeitpunkt der Befreiung am 15. April 1945 gestorben, in den Wochen danach starben weitere 14.000 an den Folgen der Haft.


Der Lagerkommandant Josef Kramer und seine SS-Mannschaft versuchten später, die Verantwortung für das Leiden und Sterben Zehntausender Häftlinge von sich zu weisen. Tatsächlich konnten sie nicht verhindern, dass die SS-Führung diese Menschen mit Räumungstransporten und Todesmärschen nach Bergen-Belsen schickte. Auf die Existenzbedingungen der Häftlinge in Bergen-Belsen hatte der Lagerkommandant hingegen direkten Einfluss. So kürzte die Lagerführung die Versorgung der Gefangenen, obwohl Vorräte an Nahrung und Arzneimitteln vorhanden waren.