Bergen-Belsen
In das Konzentrationslager Bergen-Belsen verschleppten die Nationalsozialisten Tausende Jüdinnen und Juden aus den besetzten Ländern. Sie wollten diese jüdischen Männer, Frauen und Kinder gegen Deutsche austauschen, die sich im feindlichen Ausland befanden, oder gegen Lösegeld. Die Familien Tal und Levenbach wurden beide in das „Austauschlager“ Bergen-Belsen deportiert und hofften, von dort in die Freiheit zu gelangen.
Zu diesem Zeitpunkt wurden die Jüdinnen und Juden Europas bereits systematisch ermordet. Die jüdischen Geiseln im Austauschlager waren ebenfalls bedroht. Wenn die SS sie nicht mehr brauchte, wurden sie deportiert und ermordet.
Wann wurde Familie Tal aus den Niederlanden nach Bergen-Belsen deportiert?
Am 11. Januar 1944 wurden 1.037 Jüdinnen und Juden mit einem Personenzug aus Westerbork nach Bergen-Belsen gebracht, darunter auch Familie Tal. Von der Bahnrampe mussten die Gefangenen sechs Kilometer zu Fuß zum Konzentrationslager laufen.
The Breman Jewish Heritage Museum, Atlanta, GA / Charles Curtis Mitchell Family Papers collection, No. CCM 405.006, Public Domain
Kalt war es, und es schneite. Am Bahnsteig warteten SS-Männer mit Gewehren und Hunden auf uns. Sie schrien uns an, wir sollten uns beeilen und aus dem Zug steigen.
© Privatbesitz der Familie Asscher
Die Zeichnungen in diesem Kapitel stammen von Louis Asscher. Louis Asscher und seine Familie kamen, wie auch die Familie Tal, am 11. Januar 1944 nach Bergen-Belsen. Im Lager zeichnete er heimlich Bilder vom Alltagsleben und von den Gefangenen.
Die Aufzeichnungen von Louis Asscher gehören zu den wenigen Dokumenten, die zeigen, wie es im Lager aussah. Die Stifte und das Papier hatte er aus Amsterdam zusammen mit den anderen erlaubten Dingen in dem einzigen Rucksack mitgebracht, den er mitnehmen durfte.
Louis Asscher wurde am 3. September 1885 in Amsterdam geboren und starb am 19. April 1945 auf dem Räumungstransport „Verlorener Zug“.
Wie waren die Existenzbedingungen im Austauschlager?
Da die Insassen des Lagers ausgetauscht werden sollten, waren die Bedingungen nicht so wie in anderen Konzentrationslagern. Sie waren dennoch miserabel und wurden mit der Zeit immer schlechter. Das Lager war in mehrere Abschnitte unterteilt.
© Privatbesitz der Familie Asscher
Unser Lagerabschnitt wurde das „Sternlager“ genannt, weil wir alle den gelben Aufnäher trugen. Weiter
Wir trugen nicht die gestreifte Kleidung wie die anderen Häftlinge, sondern unsere eigene Kleidung.
Das Sternlager bestand aus zwei Teilen, einem für Frauen und einem für Männer. Dazwischen lag ein Stacheldrahtzaun, und das Tor wurde um 20 Uhr geschlossen. Ich war mit Vater im Männerlager, doch tagsüber konnten die Familien sich treffen. Trotz der schwierigen Haftbedingungen war unsere Situation relativ gut, weil die Familien nicht voneinander getrennt wurden.
© Privatbesitz der Familie Asscher
Mein Vater Sander und ich wohnten in Baracke 13, zusammen mit Annelies Vater Dolf und ihrem Bruder Joost. Wir schliefen auf 60 Zentimeter breiten Etagenbetten. Weiter
Die Deutschen gönnten uns keine Ruhepause. Morgens mussten wir nach Anordnung der SS-Wachleute unsere Betten machen, wie eine Streichholzschachtel, auf der eine glattgestrichene Decke liegt. Wenn sie mit deinem Bett nicht zufrieden waren, wurde dir zur Strafe die Essensration gestrichen.
© Privatbesitz der Familie Asscher
In Bergen-Belsen lebten Mutter, Marion, Ruth und ich in Baracke Nummer 21.
© Privatbesitz der Familie Asscher
Oma Netta lebte nicht in derselben Baracke wie wir. Sie bekam einen Platz in der Baracke für ältere Menschen, im ‚Altersheim‘. Wir sahen sie fast nie, nicht einmal beim Appell.
© National Collection of Aerial Photography, Edinburgh, United Kingdom, NCAP_ACIU_106G_2946_3051. Alle Rechte vorbehalten
Am 17. September 1944 machte ein britisches Aufklärungsflugzeug Aufnahmen vom Konzentrationslager Bergen-Belsen. Auf dem Luftbild ist rechts oben eine Menschenmenge zu erkennen, die als Quadrat formiert auf dem Appellplatz des Sternlagers steht: Zum Zeitpunkt der Aufnahme war die SS dabei, den Zählappell abzunehmen. Die SS-Männer nutzten den Appell häufig als Gelegenheit, die Häftlinge zu schikanieren und zu misshandeln.
Baracke 21, wo Ruth und No’omi zusammen mit Mutter Fré und Marion lebten, ist orange markiert. Auch Annelie Levenbach und ihre Mutter Liesje waren dort untergebracht.
Baracke 13, wo Chanan zusammen mit Vater Sander lebte, ist violett markiert. Dort waren auch Annelies Bruder Joost und ihr Vater Dolf untergebracht.
Die schwarze Linie zeigt die Grenzen des Sternlagers im September 1944.
Täglich wurde der verhasste Appell auf dem ‚Appellplatz‘ abgehalten. Weiter
Nach der täglichen Inspektion der Betten folgte der verhasste Appell auf dem Appellplatz. Dort mussten wir uns zum Durchzählen in Fünferreihen aufstellen. Das dauerte eine, zwei oder drei Stunden, jeden Tag und bei jedem Wetter, manchmal zur Strafe auch zweimal täglich. In Sonne und Staub, Regen und Matsch, Schnee und Eiseskälte standen wir da, bis die Nationalsozialisten mit der täglichen Zählung der Häftlinge zufrieden waren.
© Privatbesitz der Familie Asscher
Das Lager war von elektrischen Stacheldrahtzäunen und Wachtürmen umgeben, von denen bewaffnete Wachleute nachts Flutlichter über das Gelände schickten.
© Privatbesitz der Familie Asscher
Das wenige Essen in Bergen-Belsen war schrecklich. Weiter
Wir bekamen meistens eine dünne, wässrige Suppe aus Steckrüben, in der manchmal ein kleines Stück Kartoffel und ein Fitzelchen Fleisch schwamm. Ganz selten gab es Kürbissuppe oder Nudelsuppe. Die tägliche Brotration bestand aus einer drei Zentimeter dicken Scheibe eines kompakten und sauren deutschen Brots.
Einmal in der Woche bekamen wir 25 Gramm Margarine und manchmal auch einen Teelöffel Marmelade oder eine kleine Ecke stinkenden Käse dazu. Morgens servierten sie ein undefinierbares Heißgetränk, das sie Kaffee nannten. Natürlich war es ein Kaffeeersatz.
© Privatbesitz der Familie Asscher
Immer wieder schrien Menschen oder beschwerten sich, dass ihr Essen, ihr Brot weg war. ‚Sie haben es genommen, sie haben es mir gestohlen.‘
Natürlich reichten weder die Menge noch die Qualität der Nahrung aus, um davon zu leben. Weiter
Wir hatten schrecklichen Hunger und verloren an Gewicht. Viele hielten es nicht aus und sind verhungert. Als ich am Ende des Krieges mit 15 Jahren befreit wurde, wog ich deshalb nur noch 26 Kilogramm.
Mussten die Häftlinge im Sternlager arbeiten?
Die meisten Häftlinge im Sternlager mussten arbeiten, doch es gab Ausnahmen für Kinder, Kranke und ältere Menschen.
© Privatbesitz der Familie Asscher
Alle Arbeitsfähigen verließen das Gelände jeden Morgen um 6 Uhr mit den Arbeitskommandos. Weiter
Sie kehrten nicht vor 18 Uhr zurück. Die meisten von ihnen, darunter auch Annelies Vater Dolf und ihr Bruder Joost, arbeiteten am riesigen Berg von Schuhen neben dem Lager. Sie mussten die alten Schuhe zerlegen.
Andere arbeiteten in der Küche, wie Annelies Mutter Liesje. Einige Arbeitskommandos waren besonders verhasst. Zum Beispiel das anstrengende Ausgraben von Baumwurzeln und Baumstämmen im Wald. Kinder, Mütter mit jungen Kindern, alte und kranke Menschen und alle, die dort besondere Aufgaben hatten, blieben im Lager.
Vater hatte keine Arbeit, weil ihm in Bergen-Belsen der Daumen amputiert werden musste, nachdem er sich in Westerbork einen Wundbrand zugezogen hatte.
Mutter blieb wegen ihrer Arbeit als stellvertretende Blockälteste im Lager.
Wie gingen die Häftlinge des Sternlagers mit Konflikten um?
Der Mangel an Nahrung, Kleidung und anderen Gütern führte zu Diebstahl und Streitigkeiten. Mit Zustimmung der SS bildeten die Häftlinge eine Rechtskommission, um solche Fälle selbst zu schlichten und so die Ordnung im Lager aufrechtzuerhalten.
© Privatbesitz der Familie Asscher
Mutter hatte die schwierige Aufgabe, das Essen zu verteilen. Einmal kam es zum Streit. Weiter
Alle hatten Anspruch auf eine ganze Kelle Suppe, doch es gibt immer eine vollere Kelle… und vor allem auch gehaltvollere Suppenportionen…
Einmal bekamen wir Käse. Das war ungewöhnlich – gelbe Käsedreiecke mit großen Löchern. Etwas ganz Besonderes. Mutter sortierte die besten Stücke aus und legte sie zur Seite für die Häftlinge aus der Baracke, die frühmorgens mit Arbeitskommandos das Lager verließen und noch nicht zurück waren. Jemand behauptete, Mutter hätte sie für sich selbst zurückgelegt. Sie erklärte sich, doch es war vergeblich. Es gab einen Streit. Ich stand daneben, hörte die Anschuldigungen und sah Mutter weinen.
Jemand rief den ‚Judenältesten‘, Jupp Weiss. Er schenkte Mutter Gehör, ließ sich von ihrer Erklärung überzeugen und schaffte es, die Gemüter zu beruhigen.
© Privatbesitz von Hans-Dieter Arntz
Im Austauschlager, wie auch in allen anderen Konzentrationslagern, ernannte die SS einzelne Häftlinge zu „Lagerältesten“ und „Blockältesten“. Diese Häftlinge befanden sich in einer Zwangslage. Sie mussten die Befehle der SS befolgen und hatten nur einen kleinen Handlungsspielraum. Die SS machte sich die Selbstverwaltung des Lagers durch die Häftlinge zunutze.
Josef (Jupp) Weiss war zunächst zweiter Stellvertreter des „Judenältesten“ im Sternlager, ab Dezember 1944 übernahm er selbst diese Position. In dieser Funktion war er bemüht, die Not und das Leid der Häftlinge zu lindern.
Josef Weiss war mit seiner Familie 1933 aus Deutschland in die Niederlande geflüchtet. Im Januar 1944 wurden sie in das Austauschlager Bergen-Belsen gebracht.
© Privatbesitz der Familie Asscher
Die Häftlinge des Austauschlagers mussten alte Schuhe auftrennen. Das Leder sollte wiederverwendet werden. Die alten Schuhe waren zu einem großen Haufen aufgetürmt. Die Arbeit in den Werkstattbaracken war staubig und schmutzig. Zwei SS-Männer überwachten die Arbeit und schikanierten die Häftlinge dabei.
Im Lager suchte ich mir das nötige Schuhmacherwerkzeug zusammen: einen Schuhleisten, einen Hammer, ein Messer und eine Feile. Damit konnte ich Schuhe reparieren. Weiter
Wir hatten unser Zuhause schon vor über einem Jahr verlassen. Die wenigen Kleidungsstücke, die wir hatten, wurden immer dünner und waren alles andere als sauber. Und die Schuhe mussten repariert werden. Es war kein Problem, das Material für die Reparatur zu besorgen. Von Freunden, die Schuhe zerlegen mussten, bekam ich alles, das ich dafür benötigte: Leder in unterschiedlichen Stärken und Nägel, vor allem die krummen, die gerade geklopft werden mussten.
Zunächst brachte ich nur die Schuhe der Familie in Ordnung, doch später arbeitete ich gelegentlich auch für andere. Und dann konnte ich eine Bezahlung verlangen und bekam ein Stück Brot oder eine Suppe im Austausch für meine Arbeit.
Wie überall wurden auch im Lager Waren und Dienstleistungen manchmal nicht bezahlt. Als mir das passierte, brachte ich meinen Fall vor die Rechtskommission.
© Privatbesitz der Familie Tal
Transkription
B.B. 13. [Dezember] 44
Der Judenälteste J. Albala
An Baracke 13
Ich weiß von zwei Fällen, die vor das Häftlingsgericht gebracht wurden. Vom ersten Fall berichtete mir Chanan. Weiter
Er ging zum Richter und beschwerte sich über einen Mann, der sich weigerte, ihm für die Reparatur eines Paars Schuhe die zuvor vereinbarte Portion Suppe zu zahlen.
Der Richter prüfte die Angelegenheit, befragte den Mann, befragte Chanan und kam zu folgendem Urteil: Der Schuheigentümer muss die für ihn selbst bestimmte Suppe Chanan geben.
Ein weiterer herzzerreißender Fall, an den ich mit großem Schmerz zurückdenke, ist der einer Brotdiebin. Weiter
Sie war schrecklich krank und vollkommen unterernährt… Und man fragt sich: Wann ist der Punkt erreicht, an dem man sich eingestehen muss, dass man kein Urteil mehr fällen kann, es geschehen lässt, nichts unternimmt…
Auf der anderen Seite geht es darum, in einer verzweifelten Lage die Ordnung aufrechtzuerhalten, die Rechte und das Eigentum aller zu schützen... Also versuchte man, für Gerechtigkeit zu sorgen, das Gesetz einzuhalten. Ich weiß nicht, ob es eine Strafe gab oder ob sie sich damit begnügten zu sagen, ‚das hätten Sie nicht machen sollen‘. Denn wie kann man eine solche Person auffordern, das zurückzugeben, was sie genommen hat? Die Situation war völlig ausweglos.
Fand ein Austausch von Häftlingen aus dem Sternlager statt?
Im Sternlager befanden sich etwa 1.300 Jüdinnen und Juden, die Papiere zur Einreise nach Palästina hatten. Nur 222 von ihnen wurden tatsächlich ausgetauscht: Im Sommer 1944 gelangten sie mit einem Zugtransport über Istanbul in die Freiheit.
© Privatbesitz der Familie Tal
Irgendwann stellten sie eine Liste mit Personen zusammen, die ‚Palästina-Gruppe‘, die gegen deutsche Staatsbürger*innen ausgetauscht werden sollten. Weiter
Es war ein nervenaufreibender und sehr anstrengender Vorgang. Zuerst standen viele Personen auf der Liste, und dann wurde der Vorgang gestoppt. Als er wiederaufgenommen wurde, stellte sich heraus, dass alle möglichen Personen von der Liste gestrichen worden waren. Sie waren sehr enttäuscht.
Oma Netta war von Anfang an auf der Austauschliste und blieb glücklicherweise auch darauf stehen.
Die gesamte Gruppe wurde auf ein separates Gelände neben uns, auf der anderen Seite des Stacheldrahtzauns gebracht. Eines Morgens am 30. Juni 1944 waren sie dann plötzlich nicht mehr da… Ich war nicht beunruhigt, denn ich wusste, sie waren auf dem Weg nach Palästina.
Als die Austauschgruppe in Palästina ankam, erkannte Onkel Jacques seine Mutter nicht wieder, weil sie in den sechs Monaten Haft in Bergen-Belsen so viel Gewicht verloren hatte und stark gealtert war.
© Privatbesitz der Familie Tal
Transkription
Ministerium für Migration
Aktenzeichen … Registrierungsnummer [unleserlich]
Hiermit wird bescheinigt, dass Va[z] Dia[s] R[o]netta gemäß der Einwanderungsverordnung von 1933 die Erlaubnis erhalten hat, als Einwanderer in Palästina zu bleiben.
10.7.1944 [unleserlich] Stellvertretender Kommissar für Migration
Direktor der Grenzkontrolle, Hafen von Haifa
Großmutter Ronetta Vaz Dias schrieb auf der Reise ein Tagebuch:
„Freitagmorgen, 30. Juni 1944. Um 3 Uhr morgens sind wir von Bergen-Belsen [zur Bahnrampe] gelaufen, um 5 Uhr waren wir dort und um 7 Uhr fuhren wir los in Richtung Wien. Samstagmorgen um 9 Uhr Ankunft in Wien. Wir wurden in eine Notunterkunft für Obdachlose gebracht, ordentlich und sauber, es gab hervorragendes Essen. Am Sonntagmorgen erhielten wir eine Pockenimpfung. Um 17 Uhr stiegen wir [in den Zug] nach Istanbul. Im Bordrestaurant wurden wir wieder bestens versorgt und bekamen sehr schmackhaftes Essen. So etwas habe ich seit einem Jahr nicht mehr erlebt.“
© Meitar Collection / The Pritzker Family National Photography Collection, Israelische Nationalbibliothek
Onkel Jacques Vaz Dias, der Bruder von Mutter Fré Tal, beschreibt das Geschehen aus seiner Perspektive:
„Wunderbarerweise war meine Mutter auch unter den Ausgetauschten. Aus Wien fuhren sie im Zug über den Balkan und mit der Fähre in die Türkei. Dort nahm sie das Rote Kreuz in Empfang, sie konnten den gelben Stern ablegen und waren frei. Dann folgte eine lange Zugfahrt durch die Türkei, Syrien und Libanon nach [Eretz] Israel.“
Warum verschlechterten sich die Existenzbedingungen im Austauschlager seit Sommer 1944?
Die Nationalsozialisten brachten immer mehr Häftlinge ins Austauschlager. Doch anstatt für mehr Platz zu sorgen, zwangen sie die Häftlinge, enger zusammenzurücken. Die Unterkünfte waren überfüllt, und die Sanitäranlagen reichten überhaupt nicht aus.
© Privatbesitz der Familie Asscher
Anfangs waren die Etagenbetten zweistöckig, doch im Sommer 1944, als sie immer mehr Häftlinge aus anderen Lagern nach Bergen-Belsen brachten, machten sie daraus dreistöckige Betten.
© National Collection of Aerial Photography, Edinburgh, UnitedKingdom, NCAP_ACIU_16_1172_4084. Alle Rechte vorbehalten
Das Austauschlager Bergen-Belsen war von Anfang an in das System der Konzentrationslager eingebunden. Dies war ein weiterer Grund, warum die Existenzbedingungen für die Austauschhäftlinge so miserabel waren und sich weiter verschlechterten.
Seit März 1944 brachte die SS auch kranke und schwache Männer aus anderen Konzentrationslagern nach Bergen-Belsen. Auf diese Weise wollte die SS sicherstellen, dass die Munitionsproduktion in den anderen Lagern reibungslos fortgesetzt werden konnte. Auf den Zustand der Häftlinge nahm sie keine Rücksicht. Die Männer wurden in einem neuen Abschnitt des Lagers untergebracht, dem Männerlager.
Seit August 1944 wurden auch Frauen aus anderen Konzentrationslagern nach Bergen-Belsen gebracht. Mehrere Tausend von ihnen wurden von der SS zur Zwangsarbeit weitergeschickt. Andere, vor allem Kranke und Schwangere, blieben in Bergen-Belsen. Diese Frauen wurden in einem anderen neuen Abschnitt des Lagers untergebracht, dem Frauenlager.
Wie verloren die Familien nicht den Mut und hielten an ihrer Routine fest?
Die Familienmitglieder trotzten dem Elend des Lagerlebens mit Alltagstätigkeiten und Handwerk, Geburtstagsfeiern und Bücherlesen. Nachrichten über den Kriegsverlauf gaben ihnen Hoffnung, Paketsendungen zeigten ihnen, dass sie nicht vergessen waren.
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Ab dem Sommer 1944 sahen wir amerikanische und britische Flugzeuge am Himmel. Weiter
Sie waren auf dem Weg, um deutsche Städte zu bombardieren. Ihr Anblick löste bei uns große Freude aus, denn wir wussten, dass eine Kriegsniederlage der Deutschen unsere einzige Überlebenschance war. Irgendwie erfuhren wir von der amerikanischen und britischen Invasion in Frankreich am 4. Juni 1944 und dem Vormarsch der Russen in Richtung der evakuierten Lager im Osten.
© Privatbesitz der Familie Tal
Transkription
Alle guten Wünsche.
Habe ich zu Papier gebracht.
Und von so vielen Menschen
Wird dir so gern gratuliert.
Sander ist jetzt 41 Jahre alt.
Du warst immer daheim.
Doch nun bist du nicht mehr dort.
Und das ist nicht richtig, oder?
Und was denkst du, was ich dazu sage?
Ich sage, wir kommen bald hier raus!
Für Vaters Geburtstag haben wir Brot aufbewahrt, um ihm daraus einen Kuchen zu machen.
Weiter
Es hat sehr lange gedauert. Sie verteilten die Brotrationen in ganz dicken Scheiben, die wir sehr dünn aufschnitten... Eine Zeit lang sparten wir alle jeden Tag eine dünne Scheibe Brot, dann mischten wir alles mit Wasser und Margarine und etwas Zucker und machten daraus einen Geburtstagskuchen, den wir mit Marmeladentropfen verzierten.
© Privatbesitz der Familie Asscher
Trotz der Zählappelle, der Kälte, des Hungers, der Krankheiten und der vielen Todesfälle hielten wir an unseren Routinen fest. Wir putzten, wuschen, aßen, was es zu essen gab. Weiter
Wir Kinder spielten. Manchmal erhielten wir Unterricht. Chanan stellte Spielzeug her und reparierte Schuhe, Vater reparierte Taschenlampen, Mutter strickte, Marion arbeitete als Krankenschwester. Wir wuschen die Wäsche mit kaltem Wasser und einem tonklumpenartigen Stück ‚Seife‘. Einmal gefror ein Hemd, das ich zum Trocken über den Stacheldrahtzaun gehängt hatte, und ich trug es wie ein Brett zurück in die Baracke. Ich musste sehr lachen.
© Gedenkstätte Bergen-Belsen
Gelegentlich erhielten die Häftlinge des Austauschlagers Paketsendungen von Hilfsorganisationen. Die Pakete wurden von der SS kontrolliert und der Inhalt zum Teil geplündert, bevor sie an die Häftlinge ausgehändigt wurden. Für die Empfänger*innen waren sie sowohl ein Zeichen, dass sie nicht vergessen waren, als auch eine Quelle zusätzlicher Lebensmittel.
Der Inhalt wurde unabhängig von den Empfänger*innen unter allen aufgeteilt. Wir bekamen vielleicht zwei oder drei Mal solche Pakete. Das war jedes Mal sehr aufregend und gab uns Hoffnung.
© Privatbesitz der Familie Asscher
Es gab immer weniger Platz zum Sitzen, doch in der Ecke stand noch ein Tisch.
© Privatbesitz der Familie Tal / Gedenkstätte Bergen-Belsen
Transkription
R – Ruth
Jullie – ihr alle
Dort sitzen wir, Ruth und ich und alle unsere Freund*innen. Sie feiern unsere Bat Mizwa. Alle haben uns etwas mitgebracht. Weiter
Ein paar kleine handgemachte Geschenke, kleine Puppen aus roter und blauer Wolle, bestickte Taschentücher, ein kleiner Schal für jede von uns, eine winzige Tischdecke mit zwei Servietten, Haarbänder... Es war sehr festlich. Ich habe dieses Fest in sehr guter Erinnerung, die „Zusammengehörigkeit“ und das Gefühl, „gefeiert“ zu werden!
Die Mädchen lasen uns auch ein Lied vor, das sie für uns geschrieben hatten. Ich bewahrte es auf, und als wir Bergen-Belsen verließen, hatte ich das Lied und Ruths Geschenke bei mir. Meine ließ ich dort, weil wir nur sehr wenig mitnehmen konnten.
von Cissy van Marxveldt, Illustrationen von Is. van Mens, Valkhoff & Co. Amersfoort, 4. Ausg. (ca. 1925)
Transkription
In unserem begrenzten Gepäck für Bergen-Belsen durfte ich zwei Bücher mitnehmen. Weiter
Ich entschied mich für zwei Bücher von Cissy van Marxfeldt, „Joop ter Heul's Problemen“ und „Joop van Dil ter Heul“. Die Bücher erzählen vom Aufwachsen einer Teenagerin und ihren vielen Problemen, die sich jedoch völlig von den Problemen unterschieden, mit denen ich in diesen Jahren zu kämpfen hatte. Die Geschichten waren lustig und unbeschwert. Ich habe sie in Westerbork und in Bergen-Belsen immer wieder gelesen.
von Cissy van Marxveldt, Illustrationen von Is. van Mens, Valkhoff & Co. Amersfoort, 8. Ausg. (1926)
Transkription
Wie durch ein Wunder fiel mir in den letzten Monaten in Bergen-Belsen noch ein weiteres Buch von Cissy van Marxfeldt in die Hände. Weiter
Es war der erste der vier Bände: „Joop ter Heul auf der Höheren Schule“.
Die schönste Erinnerung an dieses Buch, das sich noch immer in meinem Besitz befindet, verbinde ich mit einem Nachmittag. Die Sirenen heulten, weil alliierte Flugzeuge am Himmel waren, und meine Mutter konnte nicht zur Arbeit außerhalb des Lagers gehen. Ich las ihr einen Abschnitt aus dem Buch vor, und sie hörte zu. Etwas später, als die Sirenen stoppten, musste sie zurück an ihren Arbeitsplatz in der Küche. Meine Mutter war eine sehr aktive und positive Frau, doch sehr gestresst. Die Anspannung und der Schrecken in der Zeit vor und während des Krieges machten ihr natürlich zu schaffen. Sie war oft ungeduldig und nervös. Deswegen war diese Stunde, die wir miteinander verbrachten, ein unverhofftes und wertvolles Geschenk, das ich nie vergessen werde.
Warum verschlechterte sich die Situation ab Dezember 1944?
Die SS wollte verhindern, dass die KZ-Häftlinge befreit würden, und räumte die Konzentrationslager, denen sich die vorrückenden alliierten Truppen näherten. Ab Ende 1944 wurde Bergen-Belsen zum Ziel von Räumungstransporten und Todesmärschen aus anderen Lagern.
© United States Holocaust Memorial Museum, Washington, D.C., Nr. 34755
Im Dezember 1944 wurde Josef Kramer zum Kommandanten des Konzentrationslagers Bergen-Belsen ernannt. Zuvor hatte er das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau geleitet und dort unter anderem die Ermordung von mehr als 300.000 ungarischen Jüdinnen und Juden verantwortet. Mit seinem Dienstantritt in Bergen-Belsen verschlechterten sich die Existenzbedingungen der Häftlinge drastisch.
Das Foto zeigt führende SS-Offiziere im SS-Erholungsheim Solahütte bei Auschwitz, vermutlich im Juli 1944. Von links nach rechts handelt es sich um den Arzt Dr. Josef Mengele, den ehemaligen Kommandanten des KZ Auschwitz, Rudolf Höß, den damaligen Kommandanten von Auschwitz-Birkenau, Josef Kramer, sowie Anton Thumann.
© National Collection of Aerial Photography, Edinburgh, United Kingdom, NCAP_ACIU_16_1172_4084. Alle Rechte vorbehalten
Die SS brauchte Platz, um die neu eintreffenden Häftlinge in Bergen-Belsen unterzubringen. Die Austauschhäftlinge wurden in immer weniger Baracken gepfercht. Auch das Männerlager und das Frauenlager waren vollkommen überfüllt, obwohl beide Lagerteile immer mehr Fläche beanspruchten. Mitte Januar 1945 gab die deutsche Wehrmacht das Gelände des Kriegsgefangenenlagers, das an das Konzentrationslager angrenzte, an die SS ab. Dort wurden weitere weibliche Häftlinge untergebracht. Das Frauenlager war nun der größte Lagerteil des Konzentrationslagers Bergen-Belsen.
Welche Folgen hatte die weitere Verschlechterung der Bedingungen für die Familie Tal?
Bald nach Ruth und No’omis Geburtstag am 5. Dezember 1944 wurden die Häftlinge noch enger zusammengepfercht. Kurz darauf wurde Ruth krank und starb. Mutter Fré erkrankte an Typhus, Vater Sander war stark geschwächt und Chanan bekam Fleckfieber.
© Privatbesitz der Familie Tal
Wie allen anderen wurde auch uns befohlen, noch enger zusammenzurücken. Zwei Personen pro Bett. Weiter
Fast pausenlos wurden neue Menschen in das Lager gebracht: in unseren und in die umgebenden Lagerteile. In diesem riesigen Chaos fanden wir vier eine einigermaßen gute Lösung. Wir hielten es für sinnvoll, eine kleine und eine große Person in jedem Bett unterzubringen: Mutter und Ruth, Marion und mich. Am Ende waren wir zufrieden mit unserem neuen Platz. Wir hatten zwei obere Betten nebeneinander und an der Wand. Über unseren Köpfen war etwas mehr Platz, und wir hatten sogar einen Nagel, um nachts Sachen aufzuhängen. Doch wir hatten nicht lange etwas von unserer „Luxuswohnung“: Nach ungefähr einer Woche wurde Ruth schwer krank in die Krankenbaracke verlegt.
Ruth war sehr krank. Ihr Zustand verschlechterte sich rasant. Weiter
Nach ein paar Tagen durfte ich sie mit Mutters Erlaubnis besuchen. Als ich an ihrem Bett stand, fühlte es sich an, als sei sie hinter Glas. Ich sah sie, doch sie konnte mich nicht sehen… Es gab keinen Kontakt. Kurz nach meinem Besuch starb sie.
Ruth Tal
1932-1945
In diesem Winter starb unsere Schwester Ruth am 3. Januar 1945, 18 Tevet 5705 im Jüdischen Kalender, im Alter von 12 Jahren.
© Privatbesitz der Familie Asscher
Wir folgten dem Karren mit den Verstorbenen des Tages, Vater und ich zusammen. Wir überquerten den Appellplatz und gingen den Weg zum Tor des Lagerteils entlang. Weiter
Der Karren fuhr durch das Tor und bog nach links. Wir standen nah am Stacheldrahtzaun, rechts neben dem Tor. Vater sprach das Kaddisch.
Chanan, Marion und Mutter konnten Ruth nicht begleiten, weil sie arbeiten mussten oder krank waren. Vor einigen Jahren sprachen Chanan und ich darüber, aber wir konnte uns nicht erinnern… Doch ich weiß noch, dass Mutter kurz nach Ruths Tod mit Typhus in die Krankenbaracken verlegt wurde. Marion und ich schliefen zusammen in einem Bett.
Auf dem Rückweg erzählte mir Vater von Rabbi Meir und seiner Frau. Weiter
Eines Samstagsabends kam Rabbi Meir aus der Synagoge zurück. Er wollte wissen, wo seine beiden Söhne waren. Seine Frau Buria fragte ihn: „Wenn die Person, die mir eine Anzahlung gegeben hat, diese zurückhaben will, soll ich sie ihm dann geben?“ „Natürlich!“ antwortet Rabbi Meir. Da sagte Buria: „Gott hat unsere beiden Söhne zurückgefordert.“
„Bei deiner Geburt“, erzählte mir Vater, „haben wir mit nur einem Kind gerechnet. Und wir wurden überrascht, wir bekamen zwei Töchter! Jetzt wurden wir aufgefordert, ein Mädchen zurückzugeben.“ So versuchte er, sich selbst Trost zu spenden, indem er vor allem an die zwölf glücklichen Jahre dachte, die Ruth mit uns verbracht hatte.
Father sagte, ‚Sing! So sollst du dich an sie erinnern.‘ Weiter
An diesem Tag, oder ein oder zwei Tage später, liefen Vater und ich über den Appellplatz, und ich erwischte mich dabei, wie ich vor mich hin summte. Ich war schockiert – das war nicht schön! Ich kann doch nicht singen, wenn Ruth gerade gestorben ist... Vater bemerkte, was in mir vorging, und sagte, „Sing! So sollst du dich an sie erinnern.“ Ich folgte sofort seinem Rat, der mich seitdem durch mein ganzes Leben begleitet.
© Ghetto Fighters’ House Museum, Israel, Katalog Nr. 528, Eintrag Nr. 13959, Seite 93
Transkription
Der Lagerälteste Josef Weiss erfasste die Todesfälle im Sternlager. In einer nummerierten Liste notierte er Namen, Geburts- und Sterbedatum und den Todeszeitpunkt.
Bis Anfang Januar 1945 waren dort schon mehr als 320 Häftlinge an Hunger und Krankheiten gestorben. Von den etwa 4.500 Gefangenen des Sternlagers verloren noch Hunderte mehr ihr Leben vor der Befreiung.
aus: Henri Pieck, Buchenwald. Zeichnungen aus dem Konzentrationslager, Frankfurt am Main 1981
Die Zeichnung stammt vom niederländischen Maler Henri Pieck aus seiner Zeit als Häftling im Konzentrationslager Buchenwald. Chanan wählte dieses Bild dennoch als Illustration zu seinem Text, weil es die Bedingungen in Bergen-Belsen im Winter 1945 sehr treffend darstellt.
Vater Sander war ein schlanker Mann mit einem gesunden Appetit. Die karge und unzureichende Nahrung, die wir bekamen, reichte ihm nicht aus. Weiter
Nach einem Jahr im Lager war zu Beginn des zweiten Winters nicht mehr zu übersehen, dass er immer schwächer wurde. Die extremen Wetterbedingungen, die Kälte, der Schnee und der Schlamm sowie der ständige Hunger machten ihm sehr zu schaffen. Ruths Tod hatte ihm großen Schmerz bereitet, und sein gesundheitlicher und mentaler Zustand verschlechterten sich mit der Zeit immer mehr. Vater war seine Umgebung zunehmend gleichgültig.
Während der letzten und schwierigen Monate schliefen wir zwei zusammen mit unseren wenigen Habseligkeiten ganz oben auf einem 60 cm breiten Bett. Der tägliche Appell fand im engen Bereich zwischen den Baracken statt, nachdem das Gelände des Sternlagers im Herbst auf ein Minimum beschränkt worden war. Gemeinsam standen wir dort viele Stunden bei Wind und Wetter. In dieser Zeit kümmerte ich mich um Vater, ich schnitt sein Haar und führte für uns beide einen täglichen Kampf gegen Bettwanzen, Flöhe und vor allem Läuse. Vater war 41, ich war 14 Jahre alt.
Der letzte Winter war der schlimmste von allen, die Lage verschlechterte sich weiter, Verzweiflung und Tod griffen überall um sich. Weiter
Wir litten stark unter Kälte und Schnee. Die hygienischen Bedingungen im Lager hatten einen unbeschreiblichen Zustand erreicht, so viel Dreck kann man sich gar nicht vorstellen. Qualität und Menge der Nahrung, die sowieso schon nicht ausreichte, nahmen weiter ab. Die Küchen konnten die Arbeitslast wegen der Zahl der Häftlinge im Lager nicht mehr bewältigen. Das Essen kam zu unerwarteten Zeiten und manchmal überhaupt nicht.
Am Ende stand sogar Trinkwasser nur zu bestimmten Zeiten verfügen. Die Läuse verursachten den Ausbruch einer Typhus-Epidemie, die viele Opfer forderte. Arzneimittel gab es nicht.
© IWM, ART LD 5467
Doris Zinkeisen kam nach der Befreiung als „Kriegskünstlerin“ in das Konzentrationslager. Im Auftrag der britischen Armee fertigte sie Zeichnungen und Malereien an. Diese Bilder decken sich mit No’omis visuellem Eindruck von den Leichenbergen im Bergen-Belsen im Frühjahr 1945, vor der Befreiung des Lagers.
Berge von Leichen, es war so schrecklich; es war einfach völlig unglaublich. Weiter
Berge von Toten lagen dort mitten im Lager, und ich erinnere mich… Es ist ein schrecklicher Gedanke… Ich erinnere mich, sie schichteten sie in einer bestimmten Ordnung kreuz und quer übereinander… und plötzlich dachte ich „das sieht wie Brotlaibe aus“. Vielleicht weil ich die ganze Zeit an Brot dachte, weil es nichts zu essen gab. Es war einfach völlig unglaublich…
Die meisten der Toten, dieser Berge von Toten, waren nicht im Sternlager, sondern auf der anderen Seite des Zauns, direkt vor unseren Augen.
Welche Folgen hatte die weitere Verschlechterung der Lage für die Familie Levenbach?
Annelies Vater Dolf Levenbach starb in Bergen-Belsen. Weil ihre Mutter und ihr Bruder am nächsten Tag arbeiten mussten, begleitete Annelie den Karren mit der Leiche ihres Vaters allein bis zum Tor des Sternlagers.
Dolf Levenbach
1891-1945
Vater starb am 3. März 1945 mit 54 Jahren. Weiter
Er starb an allgemeiner Erschöpfung durch Hunger, Kälte, Durchfall und harte Arbeit. Gelegentlich gab es Strafübungen auf dem Appellplatz. Die Männer mussten nach einem anstrengenden Arbeitstag um den Platz laufen. Vater beschwerte sich nie. Nur einmal sagte er, es tue ihm so schrecklich leid, dass seine Kinder das erleben müssten. Da habe ich versucht, ihn zu beruhigen.
Seit Wochen wusste ich, dass er sterben würde. Denn wenn wir manchmal abends einen kleinen Spaziergang zwischen den Baracken machten und in den Sternenhimmel blickten, unseren einzigen Zufluchtsort, war er für einen Moment „weg“. Aus meiner Erfahrung mit anderen Menschen wusste ich, dass es an seiner Erschöpfung lag und er nicht mehr lange zu leben hatte.
© Gedenkstätte Bergen-Belsen
Als er am Ende nicht mehr aufstehen konnte, ging ich jeden Tag zu ihm und habe ihn mit Steckrübensuppe gefüttert. Weiter
Ich sehe es immer noch klar vor mir. Er lag auf dem untersten Bett, und ich hielt den Löffel mit dem Griff nach unten geneigt, was ihm das Essen erschwerte. Aber Vater hatte immer Geduld mit mir und beschwerte sich nicht. Er war ein sanfter Mann mit einem wunderbaren Sinn für Humor, und ich fühlte mich sehr wohl in seiner Nähe. Nie hat er geschrien, und er war sehr bescheiden. Er liebte die Natur so sehr. Wir unternahmen lange Spaziergänge oder Fahrradausflüge und arbeiteten gemeinsam im Garten. In Bergen-Belsen gab es keine Natur, nur Baracken, Matsch und Sand.
Es gab keine Zeit für Trauer; wir waren zu sehr mit dem Überleben beschäftigt. Weiter
Es war der letzte und schlimmste Monat im Lager. Es gab fast keine Nahrung und kein Wasser, viele Krankheiten und viele Tote. Erst später in den Niederlanden wurde mir das Ausmaß meines Verlusts bewusst, und die tiefe Traurigkeit, die mich über viele Jahre begleitete. Ich war kaum zu ertragen, bis es etwas weniger wurde, als sich meine Lebensumstände verbesserten.
© Ghetto Fighters’ House Museum, Israel, Katalog Nr. 528, Eintrag Nr. 13959, Seite 106
Transkription
In Josef Weiss' Heft für das Sternlager ist nur ein Bruchteil der Toten des Konzentrationslagers Bergen-Belsen verzeichnet.
Von den insgesamt 120.000 Häftlingen, die in das Austauschlager, Männerlager und Frauenlager deportiert wurden, waren 38.000 zum Zeitpunkt der Befreiung am 15. April 1945 gestorben, in den Wochen danach starben weitere 14.000 an den Folgen der Haft.
Der Lagerkommandant Josef Kramer und seine SS-Mannschaft versuchten später, die Verantwortung für das Leiden und Sterben Zehntausender Häftlinge von sich zu weisen. Tatsächlich konnten sie nicht verhindern, dass die SS-Führung diese Menschen mit Räumungstransporten und Todesmärschen nach Bergen-Belsen schickte. Auf die Existenzbedingungen der Häftlinge in Bergen-Belsen hatte der Lagerkommandant hingegen direkten Einfluss. So kürzte die Lagerführung die Versorgung der Gefangenen, obwohl Vorräte an Nahrung und Arzneimitteln vorhanden waren.