Verlorener Zug und Befreiung

Kapitel 7
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Im April 1945 brachte die SS die meisten Geiseln aus dem Austauschlager weg. Das Ziel der drei Züge, die aus Bergen-Belsen abfuhren, war wahrscheinlich Theresienstadt. Viele Geiseln starben während und kurz nach der Fahrt. Einer der Züge wurde in der Nähe des Dorfes Tröbitz befreit. Dieser Zug wurde später als „Verlorener Zug“ bezeichnet.

Warum brachte die SS die Austauschgeiseln aus Bergen-Belsen weg?

Die SS betrachtete die Geiseln weiterhin als wertvoll. Sie wollte sie gegen Deutsche, die in alliierter Hand waren, gegen Geld oder gegen Waren austauschen. Sie wollte sie nicht den Befreiern überlassen, die sich dem Lager bereits näherten.

„Der Schlagbaum“. Zeichnung von Susanne Schuller, Bergen-Belsen, 1944/1945
© Gedenkstätte Bergen-Belsen

Soweit bekannt gibt es keine Fotos vom verlorenen Zug. Die Zeichnungen in diesem Kapitel stammen von Susanne Schuller. Sie blickt darin voller Ironie und Sarkasmus auf das Erlebte. Die Originalzeichnungen sind sehr klein, manche sogar winzig.
Susanne Schuller war auch im Austauschlager Bergen-Belsen inhaftiert. Die Familien Tal und Levenbach kannte sie nicht, wurde aber mit demselben Zug abtransportiert.

Es ist unmöglich, dass wir das Lager verlassen! Und doch war es so.

Annelie
Annelie

Wie kamen die Häftlinge vom Austauschlager zur Bahnrampe?

Die meisten Häftlinge mussten die etwa sechs Kilometer zur Bahnrampe laufen. Schwache, kranke und ältere Häftlinge wurden in Lastwagen transportiert.

„Zum Bahnhof“. Zeichnung von Susanne Schuller, April 1945
© Gedenkstätte Bergen-Belsen

Warum brachte die SS gleichzeitig Tausende neuer Häftlinge nach Bergen-Belsen?

In den Wochen vor Kriegsende wurde Bergen-Belsen zum Ziel von Todesmärschen und Räumungstransporten aus anderen Lagern. Um die Befreiung der Häftlinge in den Konzentrationslagern zu verhindern, transportierte die SS sie tiefer in das Deutsche Reich.

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Während wir aus dem Lager evakuiert wurden, kamen Tausende neuer Häftlinge in Bergen-Belsen an.

Chanan
Chanan

Was sahen die Austauschhäftlinge auf ihrem Weg zur Bahnrampe?

„Die Bahnrampe in Bergen-Belsen“. Zeichnung von Susanne Schuller, April 1945
© Gedenkstätte Bergen-Belsen

Endlose Reihen von Häftlingen kamen uns entgegen.

Annelie
Annelie

Wir sahen die vielen Menschen auf dem Bahnsteig.

Noomi
No'omi

Wie lange dauerte es, bis der Verlorene Zug tatsächlich losfuhr?

Nach etwa einer Stunde konnten wir in den Zug steigen.

Annelie
Annelie

Am nächsten Tag gegen Mitternacht setzte sich der Zug in Bewegung.

Chanan
Chanan

Wie waren die Bedingungen auf der Reise?

Der Zug war völlig überfüllt. Es gab Personenwagen und Güterwagen.

„Dusi und ihre Gruppe schlafen im Sitzen“ (Häftlinge in einem Güterwagen). Zeichnung von Susanne Schuller, April 1945
© Gedenkstätte Bergen-Belsen

Einige der Wagen waren normale Waggons.

Noomi
No'omi

Haben die Häftlinge auf der Reise etwas zu essen bekommen?

Ein paar Lebensmittel waren vor der Abfahrt verteilt worden. Während der Fahrt erhielten die Häftlinge gelegentlich etwas Brot oder anderes Essen, doch es gab so gut wie kein Wasser.

Wir hatten nichts zu essen und kein Trinkwasser.

Chanan
Chanan

Chanan war krank. Er halluzinierte von Essen.

Noomi
No'omi

Warum flohen die Häftlinge nicht aus dem Zug?

Der Zug wurde nicht besonders streng bewacht, doch die meisten Häftlinge waren zu schwach und zu krank für eine Flucht.

„Gibt es eine Lokomotive?“. Zeichnung von Susanne Schuller, April 1945
© Gedenkstätte Bergen-Belsen

Die Menschen waren so verzweifelt, dass sie sich an diesen Zug klammerten, wie… wie an das Leben selbst.

Noomi
No'omi

Auf welcher Strecke fuhr der Zug?

Der Zug fuhr auf einem engen Korridor zwischen den Frontlinien der britischen und der US-amerikanischen Truppen im Westen und der Roten Armee im Osten. Sein Ziel war wahrscheinlich das Ghetto von Theresienstadt.

Die Route des Verlorenen Zugs. Kartenbeilage Nr. 3 zum Deutschen Kursbuch 1941 (IE 762 b), Stand 1935 (Ausschnitt), Verkehrswissenschaftliche Lehrmittelgesellschaft mbH bei der Deutschen Reichsbahn; Lithographisches Institut
© Stadtgeschichtliches Museum Leipzig

Wir fuhren im letzten Kriegsmonat durch ein brennendes und in Trümmern liegendes Deutschland.

Chanan
Chanan

Warum starben so viele Häftlinge auf der Zugfahrt?

Die Insassen des Zuges starben an Hunger, Krankheiten und Erschöpfung. Einige fielen auch Luftangriffen der Alliierten zum Opfer, die den Zug trafen.

Wir wurden regelmäßig von Flugzeugen der Alliierten angegriffen, obwohl wir provisorische weiße Flaggen auf den Dächern der Waggons angebracht hatten.

Chanan
Chanan

Ich weiß noch, dass der Zug in Wittenberge war und es viele Bombenangriffe gab. Wir mussten aussteigen.

Noomi
No'omi

An jedem Tag der Reise begruben wir die Toten am Rande des Bahndamms, wann immer wir Gelegenheit dazu hatten.

Chanan
Chanan

Doch manchmal hatten wir keine Zeit, sie zu begraben, und warfen sie mehr oder weniger aus dem Zug, bevor es weiterging...

Noomi
No'omi

Und dann verschlechterte sich Vaters Zustand mehr und mehr.

Noomi
No'omi
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Sander Tal

1903-1945

סנדר טל, 1903–1945
© Privatbesitz der Familie Tal

Mein Vater starb an Hunger und allgemeiner Erschöpfung in der Nacht des 21. April 1945, 8 Iyyar 5705 im Jüdischen Kalender.

Chanan
Chanan
Todesliste des Transports vom 10. April 1945
© ITS Digital Archive, Arolsen Archives, 1.1.3.1/3394945

Transkription

Totenliste des Transports vom 10. April 1945
[…]
21. April 1945 auf der Strecke Finsterwalde-Torgau, vor Falkenberg
[…]
123. Tal Alexander 24-10-03 [Niederländisch]
[…]
Die Toten mit den Nummer 113 bis 128 wurden auf der Strecke Finsterwalde-Falkenberg bei Kilometer 101,6 auf der südlichen Seite der Bahngleise in etwa zehn Metern Entfernung des Bahndamms im Wald begraben.

Josef Weiss, der Lagerälteste im Sternlager, erfasste in einem kleinen Notizbuch alle Toten des Verlorenen Zugs. Er notierte ihre Namen, ihr Todesdatum, den genauen Standort ihres Grabs und ihr Geburtsland.

Die Angaben in dieser Liste der Verstorbenen stützen sich auf Josef Weiss‘ Notizen.

Wann und wo wurden die Austauschhäftlinge befreit?

Die Rote Armee befreite den Verlorenen Zug nahe des Dorfes Tröbitz am 23. April 1945.

„Erste Russen“. Zeichnung von Susanne Schuller, April 1945
© Gedenkstätte Bergen-Belsen

Am Ende, Stille.

Annelie
Annelie

Wir sind befreit!

Noomi
No'omi

Mutter war schon sehr schwach, und Joost war dünn wie ein Skelett.

Annelie
Annelie

Warum mussten sich die befreiten Häftlinge zuerst selbst um sich kümmern?

Die Rote Armee befahl den Deutschen, das Dorf Tröbitz zu räumen. Die meisten sowjetischen Soldaten zogen schnell weiter.

„Zurück zum Waggon mit der Beute“. Zeichnung von Susanne Schuller, April 1945
© Gedenkstätte Bergen-Belsen

Nach ihrer Befreiung zeichnete Susanne Schuller mit Buntstiften, die sie in Tröbitz gefunden hatte. Auf dieser Zeichnung sind Überlebende zu sehen, die ihre „Beute“ zum Zug bringen. Mit den Lebensmitteln wollten sie diejenigen ernähren, die zurückgeblieben waren.

Die Russen befahlen den Bewohner*innen, das Dorf zu verlassen und Platz zu machen. Und das taten sie.

Noomi
No'omi
Das Haus an der Schulstraße 15 in Tröbitz in den 1990er-Jahren
© Privatbesitz der Familie Tal

Die Dorfbewohner*innen hatten das Haus in der Schulstraße 15 geräumt. Dort zog die Familie Tal mit einer anderen Familie ein.

Wer genügend Kraft hatte, verließ den Zug, um nach Lebensmitteln zu suchen… und nach einer Unterkunft.

Noomi
No'omi

Wie reagierten die Leute im Dorf auf die Räumung und die befreiten Häftlinge?

Die Menschen in Tröbitz behaupteten, nichts von den Verbrechen der Nationalsozialisten gewusst zu haben.

„Es ist besser so, wenn sie (die Soldaten der Roten Armee) wiederkommen.“ Zeichnung von Susanne Schuller, Frühjahr 1945
© Gedenkstätte Bergen-Belsen

Susanne Schuller zeichnete eine Bewohnerin von Tröbitz: Die Frau versteckt ein Portrait von Hitler unter einer Kommode. Dann holt sie es wieder hervor und verbrennt es im Ofen.

Viele Deutschen leugneten, den Nationalsozialismus jemals unterstützt oder davon profitiert zu haben. Sie befürchteten, dass ihre Unterstützung entdeckt werden könnte, falls die Soldaten der Roten Armee zurückkamen.

Die Leute in Tröbitz behaupteten immer wieder, sie hätten nichts gewusst...

Noomi
No'omi

Es war bequemer, es zu ignorieren, gleichgültig zu sein… und nichts zu wissen.

Noomi
No'omi

Warum starben so viele ehemalige Häftlinge in Tröbitz nach der Befreiung?

Die befreiten Häftlinge starben an den Folgen der Inhaftierung: Mangelernährung, Erschöpfung und Krankheiten, mit denen sie sich in Bergen-Belsen angesteckt hatten.

Mutter wurde sehr krank und bekam Fieber.

Annelie
Annelie
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Elizabeth Goudeket-Levenbach

1894-1945

אליזבט לבנבך־חאודקט, 1894–1945
© Privatbesitz der Familie Tal

Meine Mutter starb am 15. Mai 1945, 3 Sivan 5705 im Jüdischen Kalender, um fünf Minuten vor Mitternacht.

Annelie
Annelie
Eingang zum Jüdischen Friedhof in Tröbitz, 1990er
© Erika Arlt / Gedenkstätte Bergen-Belsen

Weil so viele Menschen nach der Befreiung des Verlorenen Zuges starben, wurde in Tröbitz ein eigener Jüdischer Friedhof neben dem Christlichen Friedhof eröffnet.

Sie wurde auf dem Jüdischen Friedhof in Tröbitz begraben.

Annelie
Annelie
Friedhof Muiderberg. Ein Grabstein in Erinnerung an Elizabeth Levenbach-Goudeket und Adolf Levenbach

© Privatbesitz der Familie Tal

Transkription

Eine mutige Frau, wie man sie nur selten findet.
Hier ruht Elisabeth Levenbach-Goudeket
Verstorben in Tröbitz
3 Siewan 5705
15. Mai 1945
Ehefrau von Adolf Levenbach
Verstorben in Bergen-Belsen
17 Adar 5705
3. März 1945
Mögen ihre Seelen eingebunden sein in das Band des ewigen Lebens.

Vier Jahre später wurden ihre sterblichen Überreste auf dem Jüdischen Friedhof Muiderberg bei Amsterdam bestattet.

Annelie
Annelie