Rückkehr nach Amsterdam

Kapitel 8
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Die Überlebenden der Familien Tal und Levenbach wurden von der Roten Armee befreit und im Dorf Tröbitz untergebracht. Die Überlebenden der Familie Reiner wurden von den westlichen Alliierten in Westerbork befreit. Für alle drei Familien verzögerte sich die Rückkehr nach Amsterdam.

Warum konnten die Überlebenden Tröbitz nicht vor Juni 1945 verlassen?

Die Rote Armee hatte das Dorf nach dem Ausbruch einer Typhus-Epidemie unter Quarantäne gestellt. Später setzten sich die befreiten Austauschgeiseln direkt mit den westlichen Alliierten in Verbindung und organisierten ihren Transport nach Leipzig selbst.

Ein Jeep der US-amerikanischen Besatzungsmächte fährt in die „Reichsmessestadt“ Leipzig, vermutlich im Frühjahr/Sommer 1945
© Stadtarchiv Leipzig, 0563 (Fotosammlung), Nr. 36823

Die Niederlande wurden am 5. Mai befreit. Nazi-Deutschland kapitulierte am 8. Mai.

Noomi
No'omi
Der Transport ging von Tröbitz über Torgau nach Leipzig. Die genaue Route ist nicht bekannt. Kartenbeilage Nr. 3 zum Deutschen Kursbuch von 1941 (IE 762 b), Stand 1935 (Ausschnitt), Verkehrswissenschaftliche Lehrmittelgesellschaft mbH bei der Deutschen Reichsbahn; Lithographisches Institut
© Stadtgeschichtliches Museum Leipzig

Zwei Monate später holten uns Schwarze amerikanische Soldaten mit Lastwagen ab und brachten uns nach Leipzig, das unter amerikanischer Besatzung stand.

Annelie
Annelie

Wie kehrten die Überlebenden aus Tröbitz in die Niederlande zurück?

Die meisten der Überlebenden aus den Niederlanden und Frankreich wurden von der US-Armee in Lastwagen nach Leipzig gebracht und dort vorübergehend versorgt. Einige Tage später wurden sie mit dem Zug in die Niederlande gebracht.

Ehemalige Infanterie-Baracken „König Georg“ Nr. 106, heute: Gebäude der Deutschen Rentenversicherung, Leipzig, 2011
Appaloosa_LE, CC BY-SA 3.0

Wir wurden nach Staatsangehörigkeit getrennt in den ‚König-Georg-Baracken‘ untergebracht, einem Flüchtlingslager.

Chanan
Chanan
Der Zug fuhr von Leipzig über Kassel und Dortmund nach Maastricht. Die genaue Route ist nicht bekannt. Ausschnitt aus einer Karte von Europa, 1945, von Joseph Forest
Bibliothèque Nationale de France, Public Domain

Sechs Nächte später, am 21. Juni, verließen wir Leipzig in einem Zug in Richtung Niederlande.

Chanan
Chanan
Von Bomben zerstörte Häuser in Kassel, Untere Königsstraße, 29. April 1945
© Alamy, ID 2K1999C

Von dieser Fahrt erinnere ich mich besonders an die Häuser, die wir in Marions Geburtsstadt Kassel sahen.

Chanan
Chanan

Zwei Tage später, am Samstag, dem 23. Juni, erreichten wir die Stadt Maastricht im Süden der Niederlande.

Chanan
Chanan

Was passierte mit den ehemaligen Häftlingen nach ihrer Ankunft in den Niederlanden?

In Maastricht wurden die Überlebenden als Displaced Persons (DPs) registriert. Dabei wurden ihre persönlichen Daten und Informationen über ihre Verfolgung erfasst. Sie mussten angeben, wohin sie weiterreisen wollten, und wurden medizinisch untersucht.

Chanans Registrierungskarte als Displaced Person (DP), Maastricht, 25. Juni 1945
© Privatbesitz der Familie Tal

Transkription

A.E.F. [Allied Expeditionary Force] DP-Registrierungskarte
Registrierungsnummer N61254953, Original
Familienname: Tal, Weitere Vornamen: Sjelomo Elchanan
Geschlecht: M[ännlich], Familienstand: Ledig
Angegebene Nationalität: Niederländisch
Geburtsdatum: 18-4-1930, Geburtsort: Amsterdam, Provinz: NH [Nordholland], Land: Niederlande, Konfession (Optional): Israelitisch
Vollständiger Name des Vaters: Tal, Alexander, Vollständiger Name der Mutter: Vaz Dias, Frederika
Gewünschtes Ziel: Amsterdam, Joh. Verhulststr. 73
Letzte dauerhafte Anschrift oder Wohnort am 1. Januar 1938: ebenda
Gewöhnliches Gewerbe, Beschäftigung oder Beruf: Student
Gesprochene Sprachen nach Kompetenz: Niederl[ändisch]
Unterschrift der registrierten Person: Ch. Tal, Unterschrift des Archivars: G.D.
Datum: 25-6-45, Sammelstelle Nr.: P
Ziel oder Aufnahmezentrum: Maastricht
Anmerkungen: aus dem Konzentrationslager Bergen-Belsen,
[Ankunft:] 23-6-45, Pol[itischer] Häftling, [Abreise:] 29-6-45 zum Zielort

In Maastricht durften wir wegen der medizinischen Untersuchung und der Registrierung unserer „Displaced-Persons-Karte“ unsere Unterkunft nicht verlassen.

Chanan
Chanan

Wie wurde die Familie Tal in Amsterdam empfangen?

Bei ihrer Ankunft in Amsterdam mussten sich die Familienmitglieder mit ihren Papieren als Displaced Persons ausweisen. Sie wurden untersucht und erneut registriert. Sie erhielten auch Bezugsscheine für rationierte Waren.

Ausschnitt aus einem Stadtplan von Amsterdam, ca. 1945, herausgegeben von J.W.M van der Stok
Stadsarchief Amsterdam, Nr. KAVB00031000001, urheberrechtsfrei
Stationsplein vor dem Amsterdamer Hauptbahnhof, 1945-1948
Stadsarchief Amsterdam, Nr. 010009004320, urheberrechtsfrei

Am Freitag, dem 29. Juni, wurden wir in einem Lastwagen zum Amsterdamer Hauptbahnhof gefahren.

Chanan
Chanan
Fré Tals Bezugsscheinheft, 1945
© Privatbesitz der Familie Tal

Sie gaben uns Bezugsscheine für alle Dinge, die rationiert waren.

Chanan
Chanan

Als der langwierige bürokratische Prozess vorbei war, gingen wir mit unserem wenigen Gepäck in unsere Übergangsunterkunft.

Chanan
Chanan

Wo wohnte die Familie Tal in Amsterdam?

Ausschnitt aus einem Stadtplan von Amsterdam, ca. 1945, herausgegeben von J.W.M van der Stok
Stadsarchief Amsterdam, Nr. KAVB00031000001, urheberrechtsfrei

Die Familienmitglieder kamen bei Freund*innen und Bekannten unter. Manchmal blieben sie nur für einige Tage bei ihnen, manchmal aber auch für Wochen oder sogar Monate. Fré Tal fand bis Ende 1945 keine Wohnung für die gesamte Familie.

Amsterdam, Mozartkade 7-9, 1955
© Stadsarchief Amsterdam, Nr. 010009011127

Mutter wurde klar, dass wir nicht zurück in das Haus konnten, in dem wir vor der Deportation gewohnt hatten.

Chanan
Chanan

Ich weiß nicht mehr, wie lange wir bei den Freunden blieben, die uns zuerst aufnahmen.

Chanan
Chanan

Wir gingen, obwohl es für uns als Familie keine Bleibe gab.

Noomi
No'omi

Auf welche Probleme stießen die Rückkehrenden?

Ausschnitt aus einem Stadtplan von Amsterdam, ca. 1945, herausgegeben von J.W.M. van der Stok
Stadsarchief Amsterdam, Nr. KAVB00031000001, urheberrechtsfrei

Den Rückkehrenden war fast alles genommen worden. Sie trauerten um ihre ermordeten Familienangehörigen, Freund*innen und Bekannten. Außerdem mussten sie sich eine neue wirtschaftliche Existenz aufbauen.

Fré am Eingang des Familienbetriebs für Rahmenleisten (Staaflijsten)
© Privatbesitz der Familie Tal

Die Rückkehr nach Holland war schwer.

Chanan
Chanan

Kehrten die jungen Überlebenden in die Schule zurück?

Marion, No’omi und Chanan hatten seit ihrer Verhaftung im September 1943 keine Schule besucht. Sie hatten zwei Jahre verloren und mussten nun ihren Rückstand wiederaufholen.

Ausschnitt aus einem Stadtplan von Amsterdam, 1945, herausgegeben von J.W.M. van der Stok
Stadsarchief Amsterdam, Nr. KAVB00031000001, urheberrechtsfrei
Das Spezialgymnasium, das Chanan ab September 1945 besuchte. Das ehemalige Jüdische Gymnasium befand sich am Stadstimmertuin 1 (heute Amstel 159-163), Foto: J. M. Arsath Ro’is, 1973
© Stadsarchief Amsterdam, Nr. 010122023447

Im September gingen wir wieder in die Schule.

Noomi
No'omi

Die Stadt Amsterdam richtete ein Spezialgymnasium für junge Menschen ein, die aus den Lagern oder dem Versteck zurückgekehrt waren.

Chanan
Chanan

Warum kehrte Annelie erst im August 1945 nach Amsterdam zurück?

Annelie saß mit ihrem schwerkranken Bruder Joost im Krankenhauszug von Leipzig in die Niederlande, als sie unerwartet in Liège aus dem Zug geholt wurden. Joost wurde dort eine Krankenhausbehandlung angeboten.

Der Zug fuhr von Leipzig über Kassel und Dortmund nach Maastricht. Die genaue Route ist nicht bekannt. Ausschnitt aus einer Karte von Europa, 1945, von Joseph Forest
Bibliothèque Nationale de France, Public Domain

Mein 17-jähriger Bruder Joost hatte Ruhr und Tuberkulose und wog nur noch 21 Kilogramm.

Annelie
Annelie
Von links nach rechts: Annelie, Offizier Elzas und Joost in Liège, Juni 1945
© Ghetto Fighters’ House Museum, Israel / Fotoarchiv, Katalog Nr. 63897 A

Bei einem Halt in Liège, Belgien, holte ein UNRRA-Offizier Joost und mich unerwartet aus dem Zug.

Annelie
Annelie

Joost konnte im Krankenhaus in Liège besser versorgt werden. Ich wurde in einem Rehabilitationszentrum für Flüchtlinge untergebracht.

Annelie
Annelie

Wer brachte Annelie im Sommer 1945 nach Brüssel?

Freunde der Familie Levenbach lebten in Brüssel. Sie hatten erfahren, dass Annelie und Joost in Liège waren, und holten Annelie zu sich nach Hause. Joost wurde in ein Krankenhaus in Brüssel gebracht.

Von links nach rechts: Annelie mit Greet und Jet Edersheim in Brüssel, August 1945
© Privatbesitz der Familie Tal

Nach ungefähr einem Monat war all das vorbei.

Annelie
Annelie

Joost wurde im Krankenwagen in ein Brüsseler Krankenhaus gebracht, und ich kam zu den Freunden unserer Eltern, Greet und Karel Edersheim. Dort hatte ich eine gute Zeit.

Annelie
Annelie

Zwei Monate später kehrte ich in die Niederlande zurück, um bei meiner Tante Bertha zu wohnen.
Ich ging endlich wieder in die Schule. Danach hatte ich mich fast drei Jahre lang gesehnt.

Annelie
Annelie

Wo wohnte Annelie nach ihrer Rückkehr in die Niederlande?

Annelie wohnte in Amsterdam bei der Schwester ihrer Mutter, Tante Bertha. Ihr kranker Bruder Joost verbrachte zwei Jahre in einem Sanatorium. Danach zog auch er zu seiner Tante Bertha und Annelie.

Ausschnitt aus einem Stadtplan von Amsterdam, ca. 1945, herausgegeben von J.W.M. van der Stok
Stadsarchief Amsterdam, Nr. KAVB00031000001, urheberrechtsfrei
Annie Goudeket
© Privatbesitz der Familie Tal
Bertha Goudeket
© Privatbesitz der Familie Tal

Annelies Mutter hatte zwei Schwestern, Annie and Bertha Goudeket. Sie gingen Ende 1942 ins Versteck, überlebten den Holocaust und kehrten nach der Befreiung der Niederlande zurück nach Amsterdam.

Als wir Ende Juni 1945 in Belgien ankamen, war es für unsere Tanten klar, dass wir bei Tante Bertha wohnen würden, sobald wir nach Amsterdam zurückkehren könnten.

Annelie
Annelie
Harmoniehof, Amsterdam, wo Tante Bertha und Annelie wohnten. Das Bild wurde vor dem Krieg 1935 aufgenommen
Stadsarchief Amsterdam, Nr. PRKBB00478000002, urheberrechtsfrei

Ich wohnte bei Tante Bertha, die sich alle Mühe gab, mir ein schönes Leben zu bereiten. Doch ich war einsam und unglücklich und vermisste meine Familie.

Annelie
Annelie
Joost im Sanatorium in Doorn
© Privatbesitz der Familie Tal

Joost blieb im Jüdischen Krankenhaus in Amsterdam, bis er ins Sanatorium entlassen wurde.

Annelie
Annelie

Zwei Jahre später kam Joost zu uns. Ab da wurde mein Leben besser.

Annelie
Annelie

Wo war die Familie Reiner zum Kriegsende?

Die Überlebenden der Familie Reiner wurden im April 1945 im Lager Westerbork befreit. Allerdings durften Lou, ihre beiden Söhne Ab und Marco und ihr Neffe Sol Kimel das Lager nicht verlassen.

Der Standort des Lagers Westerbork auf einer Karte der Niederlande (Ausschnitt), herausgegeben von John Bartholomew & Son Ltd., Edinburgh, ca. 1944
© Collins Bartholomew Ltd.

Warum musste die Familie Reiner in Westerbork bleiben?

Die Familie Reiner galt als staatenlos. Für eine Freilassung aus dem Lager brauchten Lou, Ab und Marco Reiner eine Aufenthaltserlaubnis für die Niederlande.

Die Familie Reiner nach dem Krieg (von links nach rechts): Ab, Lou und Marco mit Sol Kimel
© Privatbesitz der Familie Rinat

Deutschland kapitulierte am 8. Mai 1945, doch wir konnten noch immer nicht zurück nach Amsterdam.

Ab
Avraham

Schließlich bestätigten die Niederländer unseren Status als rechtmäßig ansässige Personen und wir durften das Lager verlassen.

Ab
Avraham

Wie erging es der Familie Reiner nach ihrer Rückkehr nach Amsterdam?

Die Familie Reiner kam bei Freund*innen an der Mozartkade 8 unter. Sie bekamen einige ihrer Habseligkeiten zurück, die ehemalige Nachbar*innen für sie verwahrt hatten.

Ausschnitt aus einem Stadtplan von Amsterdam, ca. 1945, herausgegeben von J.W.M. van der Stok
Stadsarchief Amsterdam, Nr. KAVB00031000001, urheberrechtsfrei
Amsterdam, Mozartkade 7-9, 1955
© Stadsarchief Amsterdam, Nr. 010009011127

Wir kamen zum Haus unserer ehemaligen Nachbarin, der Mama ein paar Dinge gegeben hatte, um sie für uns zu verwahren. Nachbarin… Es beunruhigte uns, dass sie sich offenbar nur wenig freute, uns zu sehen.

Ab
Avraham

Wie kam die Familie Reiner mit ihrer Trauer klar?

Die Familie verabschiedete sich von ihrem ermordeten Vater mit einer Trauerfeier auf dem Friedhof Muiderberg in Amsterdam. Mit der Zeit erfuhren sie, wie viele andere Verwandte, Freund*innen und Bekannte ermordet worden waren. Sie behielten ihre Trauer für sich.

Der Friedhof Muiderberg. Ein Grabstein in Erinnerung an Jo Reiner, Eva Kimel und andere Familienangehörige, 2012
© Privatbesitz der Familie Rinat

Transkription

Hier ruht unser unvergessener Ehemann und Vater,
Josef Reiner,
geboren am 20. Siewan 5657 / 20. Juni 1897,
gestorben am 24 Sebath 5705 / 7. Februar 1945.

Kurz nach der Befreiung planten Onkel Moishe Obstfeld und ein Freund der Familie die Überführung von Vaters Leichnam von Hollandscheveld nach Amsterdam.

Ab
Avraham

Ich weiß nicht, wann uns klar wurde, dass Tante Eva nicht zurückkehren würde.

Ab
Avraham

Mit der Zeit wurde uns klar, dass Tante Gusti, Onkel Czarny, Arthur und viele andere nicht mehr zurückkehren würden. Je klarer uns dies wurde, desto trauriger und schmerzhafter wurde die Situation für uns. Wir taten alles dafür, unsere Gefühle zu verbergen, damit sie uns nicht im Weg standen.

Ab
Avraham

Wo trafen sich die jungen Überlebenden?

Chanan und No’omi, Annelie und Ab trafen sich in ihrer Freizeit mit anderen Überlebenden. Sie waren in einer zionistischen Bewegung aktiv, die nach der Befreiung der Niederlande neu gegründet worden war.

Ab bei der Jugendorganisation, Veluwe/Niederlande, 1952
© Privatbesitz der Familie Rinat

Wir trafen uns jeden Samstagabend bei der zionistischen Jugendorganisation ‚She’ar Yashuv‘.

Ab
Avraham

‚She’ar Yashuv‘ bedeutet auf Hebräisch ‚der Rest kehrt zurück‘. Ein passender Name für eine Jugendbewegung mit Holocaust-Überlebenden.

Chanan
Chanan