Rückkehr nach Amsterdam
Die Überlebenden der Familien Tal und Levenbach wurden von der Roten Armee befreit und im Dorf Tröbitz untergebracht. Die Überlebenden der Familie Reiner wurden von den westlichen Alliierten in Westerbork befreit. Für alle drei Familien verzögerte sich die Rückkehr nach Amsterdam.
Warum konnten die Überlebenden Tröbitz nicht vor Juni 1945 verlassen?
Die Rote Armee hatte das Dorf nach dem Ausbruch einer Typhus-Epidemie unter Quarantäne gestellt. Später setzten sich die befreiten Austauschgeiseln direkt mit den westlichen Alliierten in Verbindung und organisierten ihren Transport nach Leipzig selbst.
© Stadtarchiv Leipzig, 0563 (Fotosammlung), Nr. 36823
Die Niederlande wurden am 5. Mai befreit. Nazi-Deutschland kapitulierte am 8. Mai. Weiter
Die Nachrichten über die Ereignisse erreichten mich erst später. Doch ich spürte die allgemeine Erwartung um mich herum, dass sie uns bald helfen würden, in die Niederlande zurückzukehren.
Als die Tage vergingen, ohne dass etwas passierte, spürte ich, wie die Enttäuschung und Ungeduld immer größer und stärker wurden.
Dann kamen eines Tages die Lastwagen… und es begann die Reise, die wir „Rückkehr nach Hause“ nannten.
© Stadtgeschichtliches Museum Leipzig
Zwei Monate später holten uns Schwarze amerikanische Soldaten mit Lastwagen ab und brachten uns nach Leipzig, das unter amerikanischer Besatzung stand.
Wie kehrten die Überlebenden aus Tröbitz in die Niederlande zurück?
Die meisten der Überlebenden aus den Niederlanden und Frankreich wurden von der US-Armee in Lastwagen nach Leipzig gebracht und dort vorübergehend versorgt. Einige Tage später wurden sie mit dem Zug in die Niederlande gebracht.
Appaloosa_LE, CC BY-SA 3.0
Wir wurden nach Staatsangehörigkeit getrennt in den ‚König-Georg-Baracken‘ untergebracht, einem Flüchtlingslager. Weiter
Am nächsten Tag wurden wir mit DDT-Pulver gegen Läuse behandelt. Offiziere der niederländischen Streitkräfte waren für die niederländische Gruppe zuständig. Das Essen, das sie uns in der niederländischen Küche servierten, schmeckte nicht und reichte nicht aus. Wegen der Mangelernährung litten einige Menschen wieder unter Ödemen. Deswegen gingen wir zur Luxemburger Küche, wo das Essen besser war.
Während unserer fünf Tage in Leipzig fuhren No’omi und ich mit der Straßenbahn, obwohl wir kein Geld hatten. Wir sagten einfach, wir hätten nichts, und der Fahrer ließ uns einsteigen. Weil wir so dünn waren und wegen des Zustands unserer Kleidung muss er erkannt haben, wer wir waren.
Bibliothèque Nationale de France, Public Domain
Sechs Nächte später, am 21. Juni, verließen wir Leipzig in einem Zug in Richtung Niederlande.
© Alamy, ID 2K1999C
Von dieser Fahrt erinnere ich mich besonders an die Häuser, die wir in Marions Geburtsstadt Kassel sahen. Weiter
Die Häuser sahen aus wie Puppenhäuser, ohne Fassaden. Sie waren vermutlich im Bombenhagel zerstört worden. In den Zimmern standen noch Möbel, an den Wänden hingen Bilder.
In Dortmund erinnere ich mich an ein anderes Bild: Ein weites Feld mit Bahnschienen, auf dem in der Mitte an einem Pfosten ein Schild mit der Aufschrift „Dortmund Hauptbahnhof“ im Wind baumelte. Weit und breit kein anderes Gebäude. Ein Zeugnis der zerstörerischen Gewalt des Krieges.
Zwei Tage später, am Samstag, dem 23. Juni, erreichten wir die Stadt Maastricht im Süden der Niederlande.
Was passierte mit den ehemaligen Häftlingen nach ihrer Ankunft in den Niederlanden?
In Maastricht wurden die Überlebenden als Displaced Persons (DPs) registriert. Dabei wurden ihre persönlichen Daten und Informationen über ihre Verfolgung erfasst. Sie mussten angeben, wohin sie weiterreisen wollten, und wurden medizinisch untersucht.
© Privatbesitz der Familie Tal
Transkription
Registrierungsnummer N61254953, Original
Familienname: Tal, Weitere Vornamen: Sjelomo Elchanan
Geschlecht: M[ännlich], Familienstand: Ledig
Angegebene Nationalität: Niederländisch
Geburtsdatum: 18-4-1930, Geburtsort: Amsterdam, Provinz: NH [Nordholland], Land: Niederlande, Konfession (Optional): Israelitisch
Vollständiger Name des Vaters: Tal, Alexander, Vollständiger Name der Mutter: Vaz Dias, Frederika
Gewünschtes Ziel: Amsterdam, Joh. Verhulststr. 73
Letzte dauerhafte Anschrift oder Wohnort am 1. Januar 1938: ebenda
Gewöhnliches Gewerbe, Beschäftigung oder Beruf: Student
Gesprochene Sprachen nach Kompetenz: Niederl[ändisch]
Unterschrift der registrierten Person: Ch. Tal, Unterschrift des Archivars: G.D.
Datum: 25-6-45, Sammelstelle Nr.: P
Ziel oder Aufnahmezentrum: Maastricht
Anmerkungen: aus dem Konzentrationslager Bergen-Belsen,
[Ankunft:] 23-6-45, Pol[itischer] Häftling, [Abreise:] 29-6-45 zum Zielort
In Maastricht durften wir wegen der medizinischen Untersuchung und der Registrierung unserer „Displaced-Persons-Karte“ unsere Unterkunft nicht verlassen. Weiter
Interessanterweise sollten wir unter dem Punkt „Gewünschtes Ziel“ die Anschrift angeben, unter der wir in Amsterdam vor unserer Vertreibung gelebt hatten. Wir hatten keine Vorstellung davon, wie weit Wunsch und Realität auseinanderlagen.
Wie wurde die Familie Tal in Amsterdam empfangen?
Bei ihrer Ankunft in Amsterdam mussten sich die Familienmitglieder mit ihren Papieren als Displaced Persons ausweisen. Sie wurden untersucht und erneut registriert. Sie erhielten auch Bezugsscheine für rationierte Waren.
Stadsarchief Amsterdam, Nr. KAVB00031000001, urheberrechtsfrei
Stadsarchief Amsterdam, Nr. 010009004320, urheberrechtsfrei
Am Freitag, dem 29. Juni, wurden wir in einem Lastwagen zum Amsterdamer Hauptbahnhof gefahren. Weiter
Sie konnten uns nicht im Zug dorthin bringen, weil die Eisenbahnbrücken über die großen Flüsse, die den Norden vom Süden der Niederlande trennen, noch nicht repariert waren.
Wir wurden in einem großen Wartesaal am Bahnhof empfangen.
Sie kontrollierten unsere „Displaced-Persons-Karten“, führten eine letzte medizinische Untersuchung durch und stellten uns eine Karte für „Heimatrückkehrer“ aus.
© Privatbesitz der Familie Tal
Sie gaben uns Bezugsscheine für alle Dinge, die rationiert waren. Weiter
Da wir immer noch Untergewicht hatten, gaben sie uns doppelte Bezugsscheine für Lebensmittel, und wir bekamen auch Scheine für Kleidung und Schuhe. Mit den Bezugsscheinen konnten wir Waren gegen Geld kaufen: Lebensmittel, Kleidung und Schuhe. So weit, so gut. Das Problem war nur, dass wir zu dieser Zeit kein Geld hatten, und man konnte Bezugsscheine nicht als Schuhe tragen. Ich weiß nicht, ob Mutter zusätzlich zu den Bezugsscheinen eine Art Darlehen oder Beihilfe bekam.
Als der langwierige bürokratische Prozess vorbei war, gingen wir mit unserem wenigen Gepäck in unsere Übergangsunterkunft.
Wo wohnte die Familie Tal in Amsterdam?
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Die Familienmitglieder kamen bei Freund*innen und Bekannten unter. Manchmal blieben sie nur für einige Tage bei ihnen, manchmal aber auch für Wochen oder sogar Monate. Fré Tal fand bis Ende 1945 keine Wohnung für die gesamte Familie.
© Stadsarchief Amsterdam, Nr. 010009011127
Mutter wurde klar, dass wir nicht zurück in das Haus konnten, in dem wir vor der Deportation gewohnt hatten. Weiter
Das Haus war inzwischen an andere Personen vermietet. Sie rief einen Freund an und fragte ihn, ob wir bei ihnen unterkommen könnten. Mit seiner Erlaubnis trug Mutter ihre Adresse als unsere in das Formular ein. Sie hießen uns willkommen und brachten uns in der dritten Etage ihres großen Zuhauses an der Mozartkade 9 unter.
Ich weiß nicht mehr, wie lange wir bei den Freunden blieben, die uns zuerst aufnahmen. Weiter
Doch schon nach einer Woche führte unser Aufenthalt in ihrem Haus offenbar zu Spannungen. Als Mutter gefragt wurde, wie lange wir noch vorhatten, bei ihnen zu bleiben, antwortete sie ohne zu zögern: „Bis morgen Früh.“ Und so war es dann auch.
Wir gingen, obwohl es für uns als Familie keine Bleibe gab.
Auf welche Probleme stießen die Rückkehrenden?
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Den Rückkehrenden war fast alles genommen worden. Sie trauerten um ihre ermordeten Familienangehörigen, Freund*innen und Bekannten. Außerdem mussten sie sich eine neue wirtschaftliche Existenz aufbauen.
© Privatbesitz der Familie Tal
Die Rückkehr nach Holland war schwer. Weiter
Die meisten unserer Familienangehörigen, Freund*innen und Bekannten aus der Zeit vor der Deportation waren nicht mehr am Leben, und wir vermissten sie. Wir hatten noch immer keine Bleibe, und auch kein Geld.
Wir mussten uns ein neues Leben aufbauen.
Um eine wirtschaftliche Basis für die Familie zu schaffen, beschloss Mutter, das Handelshaus der Familie für Bilderrahmenzubehör wiederzubeleben und erneut zu eröffnen. Vater hatte den Betrieb geleitet, bevor er ihm von den Nationalsozialisten gestohlen und zerstört worden war.
Gleichzeitig standen damals einige Niederländer*innen unter dem Einfluss der antisemitischen Propaganda der Nationalsozialisten und nicht alle waren froh, dass wir zurück waren. Die Behörden nahmen unsere besonderen und dringenden Bedürfnisse nicht besonders ernst und bereiteten uns einen bürokratischen und unterkühlten Empfang. Doch wir dürfen nicht vergessen, dass auch die Niederländer*innen unter dem Terror und den Plünderungen der fünfjährigen Nazi-Herrschaft sehr gelitten haben.
Kehrten die jungen Überlebenden in die Schule zurück?
Marion, No’omi und Chanan hatten seit ihrer Verhaftung im September 1943 keine Schule besucht. Sie hatten zwei Jahre verloren und mussten nun ihren Rückstand wiederaufholen.
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© Stadsarchief Amsterdam, Nr. 010122023447
Im September gingen wir wieder in die Schule. Weiter
Marion machte einen Kurs für Sekretärinnen und arbeitete mit Mutter im Geschäft. Chanan besuchte ein Spezialgymnasium, auf dem er seinen schulischen Rückstand wieder aufholen konnte. Und ich ging auf eine Montessori-Schule, wo ich mich in einem Jahr auf die Oberschule vorbereiten konnte. Ich fühlte mich fremd dort, ganz anders als alle anderen nach dem Krieg.
Die Stadt Amsterdam richtete ein Spezialgymnasium für junge Menschen ein, die aus den Lagern oder dem Versteck zurückgekehrt waren. Weiter
Dort ging ich zum Unterricht und konnten meinen Rückstand wiederaufholen. Ein weiterer unerwarteter Vorteil war die Atmosphäre unter den jungen Menschen an der Schule, die alle ein Trauma durchlebt hatten. Viele hatten ein starkes Bedürfnis, über ihre Erlebnisse zu sprechen, und fanden immer ein offenes Ohr. Die Gespräche dort waren wie eine Art „Do-it-yourself“-Psychotherapie.
Warum kehrte Annelie erst im August 1945 nach Amsterdam zurück?
Annelie saß mit ihrem schwerkranken Bruder Joost im Krankenhauszug von Leipzig in die Niederlande, als sie unerwartet in Liège aus dem Zug geholt wurden. Joost wurde dort eine Krankenhausbehandlung angeboten.
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Mein 17-jähriger Bruder Joost hatte Ruhr und Tuberkulose und wog nur noch 21 Kilogramm.
© Ghetto Fighters’ House Museum, Israel / Fotoarchiv, Katalog Nr. 63897 A
Bei einem Halt in Liège, Belgien, holte ein UNRRA-Offizier Joost und mich unerwartet aus dem Zug. Weiter
Beim Anblick von Joost sagte der Offizier: „Das muss fotografiert werden, sonst glaubt es mir niemand!“ Der Name des Offiziers war Benjamin Elzas, ein Jude, der die Familie Levenbach namentlich kannte. Offizier Elzas war unglaublich gut zu uns. Er wusste, dass die Situation nach dem Krieg in den Niederlanden deutlich schlimmer als in Belgien war, also holte er uns aus dem Zug.
Joost konnte im Krankenhaus in Liège besser versorgt werden. Ich wurde in einem Rehabilitationszentrum für Flüchtlinge untergebracht. Weiter
Die Frauen dort kamen direkt aus Auschwitz und anderen Lagern, und natürlich sprachen sie die ganze Zeit von ihren schrecklichen Erlebnissen. Das war nicht wirklich das, was ich zu diesem Zeitpunkt brauchte. Ich war sehr unglücklich und einsam.
Tagsüber ging ich zu einer Pflegefamilie. Der Mann, Herr Reintis, sprach Flämisch und war sehr nett und verständnisvoll. Seine junge Frau sprach nur Französisch und wusste vermutlich nicht, was sie mit mir anfangen sollte. Sie gab ihr Bestes, aber sie hatte keine Vorstellung vom Krieg und vom Lager. Ich war nicht gern mit ihr zusammen. Nachmittag besuchte ich Joost im Krankenhaus. Abends ging ich zurück ins Flüchtlingszentrum.
Wer brachte Annelie im Sommer 1945 nach Brüssel?
Freunde der Familie Levenbach lebten in Brüssel. Sie hatten erfahren, dass Annelie und Joost in Liège waren, und holten Annelie zu sich nach Hause. Joost wurde in ein Krankenhaus in Brüssel gebracht.
© Privatbesitz der Familie Tal
Nach ungefähr einem Monat war all das vorbei. Weiter
Joost kontaktierte einen Notar in Amsterdam. Darum hatte Mutter ihn für den Fall gebeten, dass wir allein auf uns gestellt sein sollten. Auf diese Weise erfuhren die Freunde meiner Eltern, Greet und Karel Edersheim, die zu Kriegsbeginn nach Brüssel geflohen waren, von unserer Existenz. Deshalb kamen sie, um uns abzuholen. Sie hatten mit ihrer zwölfjährigen Tochter Jet in Brüssel im Versteck gelebt und waren zu dieser Zeit noch nicht in die Niederlande zurückgekehrt.
Joost wurde im Krankenwagen in ein Brüsseler Krankenhaus gebracht, und ich kam zu den Freunden unserer Eltern, Greet und Karel Edersheim. Dort hatte ich eine gute Zeit.
Zwei Monate später kehrte ich in die Niederlande zurück, um bei meiner Tante Bertha zu wohnen.
Ich ging endlich wieder in die Schule. Danach hatte ich mich fast drei Jahre lang gesehnt.
Wo wohnte Annelie nach ihrer Rückkehr in die Niederlande?
Annelie wohnte in Amsterdam bei der Schwester ihrer Mutter, Tante Bertha. Ihr kranker Bruder Joost verbrachte zwei Jahre in einem Sanatorium. Danach zog auch er zu seiner Tante Bertha und Annelie.
Stadsarchief Amsterdam, Nr. KAVB00031000001, urheberrechtsfrei
© Privatbesitz der Familie Tal
© Privatbesitz der Familie Tal
Annelies Mutter hatte zwei Schwestern, Annie and Bertha Goudeket. Sie gingen Ende 1942 ins Versteck, überlebten den Holocaust und kehrten nach der Befreiung der Niederlande zurück nach Amsterdam.
Als wir Ende Juni 1945 in Belgien ankamen, war es für unsere Tanten klar, dass wir bei Tante Bertha wohnen würden, sobald wir nach Amsterdam zurückkehren könnten. Weiter
Tante Bertha war uns eine große Hilfe. Nach dem Krieg gab es so viele Dinge zu erledigen, und alles war noch so kompliziert: Joost musste ins Sanatorium, wir mussten eine Schule für mich finden, eine Wohnung mieten und uns um viele andere bürokratische Formalitäten kümmern, wie zum Beispiel das Erbe unserer Eltern regeln. Und mit mir war es auch nicht leicht. Ich war Teenagerin und hatte viele schwere Jahre hinter mir.
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Ich wohnte bei Tante Bertha, die sich alle Mühe gab, mir ein schönes Leben zu bereiten. Doch ich war einsam und unglücklich und vermisste meine Familie.
© Privatbesitz der Familie Tal
Joost blieb im Jüdischen Krankenhaus in Amsterdam, bis er ins Sanatorium entlassen wurde. Weiter
Er blieb schließlich zwei Jahre im Sanatorium in Doorn, bis er sich von seiner Tuberkulose erholt hatte.
Sonntags besuchten eine meiner Tanten und ich Joost im Wechsel im Sanatorium. Gegen Jahresende dauerte die Hin- und Rückfahrt einen ganzen Tag. Die Reise verlängerte sich durch den Mangel an Zügen und Bussen und schlecht aufeinander abgestimmte Fahrpläne.
Zwei Jahre später kam Joost zu uns. Ab da wurde mein Leben besser. Weiter
Während der zwei weiteren Jahre, die wir bei Tante Bertha wohnten, gingen wir gemeinsam zu unseren verschiedenen Schulen. Es gab wieder Unterhaltungen am Essenstisch, Joost spielte Klavier, und wir hörten sehr viel Musik. Seit unserer gemeinsamen Zeit im Lager teilten wir viele traurige Erinnerungen und waren einander sehr nah.
Wo war die Familie Reiner zum Kriegsende?
Die Überlebenden der Familie Reiner wurden im April 1945 im Lager Westerbork befreit. Allerdings durften Lou, ihre beiden Söhne Ab und Marco und ihr Neffe Sol Kimel das Lager nicht verlassen.
© Collins Bartholomew Ltd.
Warum musste die Familie Reiner in Westerbork bleiben?
Die Familie Reiner galt als staatenlos. Für eine Freilassung aus dem Lager brauchten Lou, Ab und Marco Reiner eine Aufenthaltserlaubnis für die Niederlande.
© Privatbesitz der Familie Rinat
Deutschland kapitulierte am 8. Mai 1945, doch wir konnten noch immer nicht zurück nach Amsterdam. Weiter
Es war ein bürokratisches Durcheinander: Vater hatte eine österreichische Staatsbürgerschaft, aus der nach dem „Anschluss“ eine deutsche Staatsbürgerschaft geworden war. Er weigerte sich, einen deutschen Pass zu besitzen, und beantragte stattdessen die niederländische Staatsbürgerschaft. Dann brach der Krieg aus, und wir hatten keine Staatsangehörigkeit. Nun tauchten wir auf einer Liste mit Personen auf, deren zivilen Status die niederländischen Behörden überprüfen wollten. Wir waren sehr enttäuscht und wütend über diese Situation.
Wir durften uns nur ein bisschen vom Lager entfernen...
Eines Tages kaufte ich Mutter Blumen während eines Ausflugs in ein nahegelegenes Dorf… Ich wollte ihr eine Freude bereiten. Die Blumen waren rot. Eine fröhliche Farbe. Mutter hat sich nicht darüber gefreut. Sie konnte sich nicht freuen.
Wir wussten, dass Marco im Juni seinen 13. Geburtstag und somit auch seine Bar Mizwa hatte. Wir feierten die Bar Mizwa.
In Wirklichkeit war es eine sehr traurige Veranstaltung. Für uns alle, aber vor allem für Marco und Mutter. Die Bar-Mizwa-Feier war eine Art Rückkehr ins normale Leben. Fast normal. Als würde man wieder laufen, aber mit einem Hinken.
Schließlich bestätigten die Niederländer unseren Status als rechtmäßig ansässige Personen und wir durften das Lager verlassen.
Wie erging es der Familie Reiner nach ihrer Rückkehr nach Amsterdam?
Die Familie Reiner kam bei Freund*innen an der Mozartkade 8 unter. Sie bekamen einige ihrer Habseligkeiten zurück, die ehemalige Nachbar*innen für sie verwahrt hatten.
Stadsarchief Amsterdam, Nr. KAVB00031000001, urheberrechtsfrei
© Stadsarchief Amsterdam, Nr. 010009011127
Wir kamen zum Haus unserer ehemaligen Nachbarin, der Mama ein paar Dinge gegeben hatte, um sie für uns zu verwahren. Nachbarin… Es beunruhigte uns, dass sie sich offenbar nur wenig freute, uns zu sehen. Weiter
Sie war nicht die Einzige. Es gab einen großen Kontrast zwischen den Erwartungen derer, die aus den Lagern oder Verstecken zurückkehrten, und dem kühlen Empfang, der ihnen insbesondere von Staatsbeamten bereitet wurde.
Natürlich gab es einige, die verstanden, wie es uns erging, und uns ihre Hilfe anboten. Eine andere Nachbarin gab Mutter ihren Lieblingsmantel zurück, den sie für sie verwahrt hatte. Andere Nachbar*innen hatten noch ein Bild für uns. Sogar unseren Meccano, ein Modellbau- und Konstruktionsspielzeug, bekamen wir zurück. Ich weiß noch, wie wir die schweren Kisten in unsere neue Wohnung trugen.
Wie kam die Familie Reiner mit ihrer Trauer klar?
Die Familie verabschiedete sich von ihrem ermordeten Vater mit einer Trauerfeier auf dem Friedhof Muiderberg in Amsterdam. Mit der Zeit erfuhren sie, wie viele andere Verwandte, Freund*innen und Bekannte ermordet worden waren. Sie behielten ihre Trauer für sich.
© Privatbesitz der Familie Rinat
Transkription
Josef Reiner,
geboren am 20. Siewan 5657 / 20. Juni 1897,
gestorben am 24 Sebath 5705 / 7. Februar 1945.
Kurz nach der Befreiung planten Onkel Moishe Obstfeld und ein Freund der Familie die Überführung von Vaters Leichnam von Hollandscheveld nach Amsterdam. Weiter
Wir warteten im Bestattungsinstitut am Friedhof Muiderberg auf die Ankunft von Vaters Sarg. Anschließend gab es eine sehr würdige Bestattung mit dem Obersten Rabbiner von Amsterdam. Ich kann mich an keine der Trauerreden erinnern. Sol, Marco und ich sprachen das Kaddisch und fuhren dann mit den anderen Trauergästen nach Hause.
Ich weiß nicht, wann uns klar wurde, dass Tante Eva nicht zurückkehren würde. Weiter
Es gab Gerüchte. Wir hatten Angst, dass sie nicht zurückkehren würde. Dass wir auf niemand warten könnten. Wir wussten nicht allzu viel darüber, was ihr seit dem Tag widerfahren war, als man sie nach Westerbork gebracht hatte. Wir wussten, dass sie sechs Monate später, im Mai 1943, vom Lager in den Osten geschickt worden war.
Mit der Zeit wurde uns klar, dass Tante Gusti, Onkel Czarny, Arthur und viele andere nicht mehr zurückkehren würden. Je klarer uns dies wurde, desto trauriger und schmerzhafter wurde die Situation für uns. Wir taten alles dafür, unsere Gefühle zu verbergen, damit sie uns nicht im Weg standen.
Wo trafen sich die jungen Überlebenden?
Chanan und No’omi, Annelie und Ab trafen sich in ihrer Freizeit mit anderen Überlebenden. Sie waren in einer zionistischen Bewegung aktiv, die nach der Befreiung der Niederlande neu gegründet worden war.
© Privatbesitz der Familie Rinat
Wir trafen uns jeden Samstagabend bei der zionistischen Jugendorganisation ‚She’ar Yashuv‘. Weiter
Bei diesen Treffen kamen wir jungen Jüdinnen und Juden zusammen. Alle hatten eine eigene Geschichte vom Krieg zu erzählen. Es waren kurze und sachliche Gespräche darüber, was die einzelnen Personen durchlebt hatten. Das Wissen, dass wir alle ähnliche Narben davongetragen hatten, reichte schon aus.
Es gab keinen Grund, weit auszuholen, und die Berichte beschränkten sich auf allgemeine Einzelheiten. Wir erzählten uns auch lustige Anekdoten aus der alten Zeit, und danach hatten wir Spaß. Wir waren lebenshungrige junge Menschen. Wir wollten einen normalen Alltag leben und sehen, was uns das Leben zu bieten hatte.
‚She’ar Yashuv‘ bedeutet auf Hebräisch ‚der Rest kehrt zurück‘. Ein passender Name für eine Jugendbewegung mit Holocaust-Überlebenden. Weiter
Am Wochenende kamen wir zusammen und trafen Freund*innen. Wir hörten uns Vorträge von führenden Mitgliedern aus Israel und manchmal auch von Soldaten an, die in der Jüdischen Brigade gedient hatten und in den Niederlanden stationiert waren. Wir nahmen an Seminaren und Sommercamps der Bewegung teil.